Corona-Pandemie

Luftfahrt in der größten Krise seit dem Zweiten Weltkrieg

Holpriger Start für Corona-Tests am Flughafen Tegel

Ab heute sollen sich Reisende, die aus Risikogebieten in Berlin landen, auf das Coronavirus testen lassen können. Noch sind die Corona-Tests freiwillig und die Teststellen sind noch nicht fertig. In wenigen Tagen sollen die Tests aber verpflichtend sein.

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Die Branche warnt: Ohne den Neustart weltweiter Flüge kommt die Luftfahrt nicht aus der größten Krise seit dem Zweiten Weltkrieg.

Berlin. Ohne die baldige Wiederaufnahme internationaler Flüge fehlt Fluggesellschaften und Flughäfen in der Corona-Krise die Perspektive, warnt Peter Gerber, neuer Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Luftverkehrswirtschaft (BDL) und Vorstandschef von Lufthansa Cargo. Die Branche stehe vor harten Jahren mit tiefen Einschnitten.

Herr Gerber, wie schwer hat die Corona-Krise die deutsche Luftfahrt im Griff?

Peter Gerber: Da gibt es eigentlich nur ein Wort: beispiellos. Das ist die größte Krise seit dem Zweiten Weltkrieg und damit seit Bestehen der zivilen Luftfahrt. So etwas haben wir noch nicht erlebt. Im April und Mai hatten wir einen Verkehrsrückgang von mehr als 95 Prozent. Einzige Ausnahme ist der Cargo-Bereich, wo immer geflogen worden ist, um Lieferketten aufrechtzuerhalten und Schutzausrüstung zu transportieren.

In Ihrer Branche gibt es erste Insolvenzen, Lufthansa und TUI werden mit milliardenschweren Krediten gestützt. Wie angespannt ist die Lage?

Gerber: Die Fluggesellschaften, die Flughäfen und auch die Flugsicherung tun ihr Möglichstes. Aber klar ist: Es gibt auf Dauer keine Überlebensmöglichkeit, wenn wir nicht auf die Fundamente unserer Geschäftstätigkeit zurückkehren können. Die flächendeckenden Rettungspakete des Staates für die Fluggesellschaften waren sehr wichtig. Fliegen ist einfach eine notwendige Infrastruktur. Mit dieser Hilfe ist es möglich, die notwendige Restrukturierung einzuleiten. Wir hoffen, dass es jetzt auch Hilfen für die Flughäfen geben wird. Als meist halbstaatliche oder in öffentlicher Hand befindliche Unternehmen haben sie bislang keinen Zugang zu den KfW-Krediten.

Wie lang kann die Luftfahrt die Krise noch aushalten?

Gerber: Das hängt davon ab, wie schnell wir den Verkehr wieder aufnehmen können. Im Juli sind wir wieder 60 Prozent der Strecken geflogen. Wegen reduzierter Frequenzen entspricht das 30 Prozent des früheren Angebots. Ungefähr 20 Prozent der Passagiere sind wieder da. Jetzt muss das Geschäft mit Interkontinentalflügen zurückkommen. Wenn das in absehbarer Zeit der Fall ist, wird es eine Perspektive geben. Es steht jedoch eine harte Phase der Sanierung, Restrukturierung und Konsolidierung bevor.

Mit welchen Maßnahmen wäre der Luftfahrt am besten geholfen?

Gerber: Am wichtigsten sind verlässliche Rahmenbedingungen und die Aufhebung von Reisebeschränkungen, damit die Kunden wieder Vertrauen ins Reisen haben können. In Europa ist das ganz gut gelungen. Hier nimmt der Luftverkehr wieder zu. Genau so einen Rahmen brauchen wir jetzt auch für interkontinentale Flüge.

Erwarten Sie weitere Pleiten?

Gerber: Konsolidierung hat schon vor Corona im Weltluftverkehr eine große Rolle gespielt. Und sie wird nach der Krise nicht vorbei sein. Da praktisch alle relevanten Fluggesellschaften Hilfen von ihren Heimatstaaten erhalten, dürfte jetzt eine Pause eintreten. Sobald der Verkehr wieder normal läuft, werden diese Fragen wieder auf die Tagesordnung kommen. Da bin ich mir sehr sicher.

Wie lange dauert die Rückkehr zum Vor­krisenniveau?

Gerber: Darüber gehen die Meinungen auseinander. Es kann gut sein, dass es bis zur Mitte des Jahrzehnts dauert. Die weitere Entwicklung ist aber mit so vielen Unbekannten behaftet, dass eine genaue Vorhersage sehr schwer fällt. Eine Annahme lautet, dass wir 2023 wieder bei 90 Prozent des Verkehrs sind. Uns würde es natürlich freuen, wenn es ein bisschen schneller besser wird.

Wie wird die Branche nach der Pandemie aussehen?

Gerber: Die Krise hat die Digitalisierung massiv vorangetrieben. Bei der einen oder anderen Gelegenheit ist eine Reise jetzt überflüssig. Es reicht, wenn man sich per Video sieht. Was jetzt aber deutlich wird – und das höre ich seit einigen Wochen immer öfter: Bestimmte Sachen kann man doch nicht so machen. Wenn Sie neue Projekte beginnen, Kontakte anbahnen, Themen inoffiziell besprechen, einen Eindruck von Menschen gewinnen möchten, wenn es um Wertschätzung geht – da sagen alle: Da müssen wir jetzt mal wieder verreisen. Von daher: Ein Teil der Reisen wird weg sein, ein anderer kommt auf jeden Fall zurück. Und beim Tourismus glaube ich einfach an die Sehnsucht der Menschen danach, andere Menschen und Orte zu sehen.

Nachhaltigkeit war vor der Krise ein großes Thema, Stichwort Flugscham. Fehlt jetzt das Geld für neue, sparsamere Flieger?

Gerber: Krise hin oder her: Wir wollen weiter diese ökologischen Innovationen – und dazu brauchen wir ausreichende Investitionskraft. Der Luftverkehr hat mit dem globalen Klimaschutzinstrument Corsia schon viel getan. Als einzige Branche weltweit haben wir eine Einigung, wie man die Emissionen begrenzen und zurückfahren will. Für die Flottenerneuerung stellt der Bund eine Milliarde Euro aus dem Konjunkturpaket zur Verfügung. Das ist ein guter Schritt, von dem alle profitieren: Neue Flugzeuge bringen 20 bis 25 Prozent mehr Effizienz. Entscheidend wäre auch, beim Thema synthetisches Kerosin voranzukommen. Die Verfahren sind seit 70 Jahren bekannt – jetzt brauchen wir großindustrielle Produktionskapazitäten.

Verkehrsminister Scheuer wollte das mit den Einnahmen aus der in diesem Jahr kräftig erhöhten Ticketsteuer anschieben. Daraus ist nichts geworden. Sind Sie enttäuscht?

Gerber: Das wäre der richtige Weg gewesen. Würden die Mittel, die wir mit dieser Steuer an den Staat zahlen, in nachhaltige Kraftstoffe investiert, könnten wir in wenigen Jahren Raffineriekapazitäten aufbauen, die einen deutlichen Teil des Bedarfs decken. Bezogen auf Nachhaltigkeit und Umweltschutz würden wir uns nichts mehr wünschen als das.

Rückkehrer aus Risikogebieten müssen sich jetzt am Flughafen testen lassen. Ist das eine gute Sache?

Gerber: Wenn man dieses Instrument richtig verwendet, kann es eine gute Sache sein. Man sollte sich aber fragen, wo es die größte Effektivität hat – das ist sicherlich nicht der Luftverkehr. Die allermeisten Rückkehrer kommen über die Straße. Wir begrüßen es aber insoweit, als dass die Tests für unsere Kunden Verlässlichkeit schaffen. Wenn sich der Zielort unterwegs zum Risikogebiet entwickelt, dann können sie in Deutschland ganz normal einreisen.

Sollte kein Corona-Impfstoff gefunden werden – was wären die Folgen?

Gerber: Da würde es helfen, pragmatische Wege zu gehen. Es wird lokale Ausbrüche geben, mit denen man umgehen muss. Das kann aber viel besser gelingen als zu Beginn des Jahres, denn die bekannten Schutz- und Hygienemaßnahmen sind ja überall eingeübt. Und auch Tests können von den Behörden inzwischen viel extensiver durchgeführt werden. Corona ist schlimm – aber es ist nicht Ebola.

Wie würde es sich auf das Reiseverhalten auswirken, wenn Passagiere den Corona-Test selbst zahlen müssten?

Gerber: Das müsste mir mal jemand sagen, wie das rechtlich gehen soll. Schon die Anordnung des Tests begegnet rechtlich hohen Hürden. Dass man die Unternehmen und die Passagiere auch noch zahlen lässt, halte ich für einen rechtlichen Irrweg. Und es stünde im Übrigen völlig im Widerspruch zu allen intensiven Anstrengungen von Staat und Unternehmen, den existenzbedrohten Luftverkehr wieder aufzurichten.