Frimenporträt

Erster klimaneutraler Müllsack kommt aus Hamburg

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Hanna-Lotte Mikuteit
Sören Dede (v.l.), Karen Queitsch und Clemens Eichler stehen im Lager der Firma Deiss.

Sören Dede (v.l.), Karen Queitsch und Clemens Eichler stehen im Lager der Firma Deiss.

Foto: Michael Rauhe / FUNKE Foto Services

Familienunternehmen Deiss ist Deutschlands Marktführer – und bietet neuerdings auch einen coronasicheren Abfallbeutel an.

Hamburg. Bananenschalen, Pappbecher, Schokoladenpapier, leere Sonnenmilchflaschen – es gibt in Deutschland wohl kaum jemanden, der nicht schon mal etwas in einen Müllsack der Hamburger Firma Deiss entsorgt hat: im Büro, in der Bahnhofshalle, in der Hotel­lobby oder auf einem Klinikflur. Das Familienunternehmen mit Sitz in Hummelsbüttel ist Marktführer, wenn es um Abfallbeutel für Gewerbekunden geht.

„Allein von diesem Modell verkaufen wir im Jahr 90 Millionen Stück“, sagt Geschäftsführer Clemens Eichler und nimmt eine Rolle mit 120-Liter-Beuteln im typischen Müllsack-Blau in die Hand. Der heißt nicht umsonst „Der Meistverkaufte“. „Das ist der Passat unter den deutschen Abfallsäcken“, vergleicht Eichler sein Produkt selbstbewusst mit dem Modell des Autobauers Volkswagen, das den Ruf eines guten Preis-Leistungs-Verhältnisses hat.

Vier Abfallbeutel namens „Superhelden“

In den vergangenen Jahren haben die Hamburger zudem massiv in Nachhaltigkeit investiert. Der blaue Alleskönner gehört zu einem Produktquartett, das unter dem Namen „Superhelden“ läuft. „Wir wollten ein leistungsfähiges Produkt machen, das Ressourcen spart“, sagt Geschäftsführer Eichler. Klar, das Wichtigste an einem Müllbeutel ist, dass er funktioniert und nicht reißt. Niemals.

Außerdem soll die Banderole schnell zu entfernen sein, er muss sich einfach öffnen lassen, und es sollte tunlicht nicht stinken, auch wenn er voll ist. „Seinen Job machen“, nennt Chemiker Eichler das. Als nächsten Schritt habe man aus dem vermeintlich Einfachen etwas Besonderes machen wollen.

Der Ansatz: Abfallsäcke werden im Moment der Anwendung auch zu Abfall, genau genommen sind sie zusätzlicher Müll. 2018 hat der Mittelständler deshalb angefangen, mit dünneren, aber besonders hochleistungsfähigen Folien aus recyceltem Kunststoff zu experimentieren. Inzwischen ist die neue Produktgeneration auf dem Markt: die ersten Müllsäcke, die 100 Prozent klimaneutral sind.

Müllbeutel von Deiss sind klimaneutral

Auf den ersten Blick passt das nicht so richtig zusammen. „Unser Ziel ist, Material einzusparen, weil das die größte CO2-Reduktion bringt“, sagt Karen Queitsch. Die 53-Jährige, die lange beim Edel-Füller-Hersteller Montblanc in der Projektentwicklung war, gehört zu einer der beiden Inhaberfamilien und ist seit 2019 in der Firmen-Holding, der Sund-Gruppe, für Innovation und Nachhaltigkeit zuständig.

Deiss setzt bei der Herstellung der Folien sogenannte Hochleistungspolymere ein, die eine hohe Festigkeit bei geringerer Foliendicke ermöglichen. Offenbar mit ersten Erfolgen: Das Unternehmen kann auf eine Studie des Instituts für Energie- und Umweltforschung verweisen, das den Deiss-Superhelden, einen bis zu 30 Prozent geringeren Kohlendioxid-Verbrauch als vergleichbare, handelsübliche Produkten bescheinigt.

Auch gegenüber Biokunststoffen und Papiersäcken schneiden die Deiss-Folien demnach in der Ökobilanz am umweltfreundlichsten ab. Der Rest der Emissionen wird in Zusammenarbeit mit dem Vermittler Climate Extender mithilfe von CO-Zertifikaten über Klimaschutzprojekte etwa im Bereich Solarenergie, Aufforstung, Wasserschutz kompensiert. „Wir sind Vorreiter in der Branche“, sagt Queitsch.

Zustimmung für den Weg gibt es von der Umweltorganisation BUND. „Produktoptimierungen, die dazu führen, dass weniger CO2 verbraucht und fossile Brennstoffe reduziert werden, sind gut“, sagt Rolf Buschmann, Experte für den Bereich technischer Umweltschutz. Skeptisch ist er allerdings beim Begriff „klimaneutral“.

Recycling ist das Geschäftsprinzip des Unternehmens

Gemeint ist damit, dass durch ein Produkt oder eine Dienstleistung die Menge an klimaschädlichen Gasen in der Atmosphäre nicht erhöht wird. „Es gibt kein Produkt, das das erfüllt“, sagt Buschmann. Aus seiner Sicht ist es in bestimmten Fällen aber legitim, einen Ausgleich über Kompensationszertifikate zu schaffen. „Aber man muss immer genau hinschauen.“

Im Prinzip war Recycling schon immer das Geschäftsprinzip des Unternehmens. Seit der Gründung als Jutesackfabrik im Jahr 1931 hatte der Hamburger Emil Deiss auch Jutesäcke etwa von Kaffeehändlern aufgekauft. „Er hat sie gereinigt, ausgebessert, nach links gedreht und weiterverkauft“, sagt Sören Dede. Der 41-Jährige verantwortet in der Leitung der Sund-Holding die Bereiche Digitalisierung und IT und gehört zur zweiten Inhaberfamilie.

Nach dem Verkauf der Firma Anfang der 1970er-Jahre waren die neuen Inhaber in das Geschäft mit den Müllsäcken eingestiegen. „Von Anfang an haben unsere Väter recycelte Kunststoffe verwendet“, sagt Dede. Damals ging es allerdings weniger um Nachhaltigkeit: Das gebrauchte Grundmaterial war schlicht günstiger als neue Kunststoffe auf Basis von Erdöl.

Deiss hat seinen Stammsitz in Hamburg

Heute hat Deiss 4000 verschiedene Artikel im Angebot und erwirtschaftet einen Umsatz von 100 Millionen Euro im Jahr. Produziert wird bei Partnern in Niedersachsen. Neben dem Stammsitz in Hamburg gibt es Niederlassungen in Österreich, der Schweiz und den Niederlanden. Die Kunden sind national tätige Gebäudereiniger, aber auch Kliniken, Hotels und Gastronomen sowie Baufirmen.

In den vergangenen Jahren kauften die Hamburger konsequent zu: Zu der Unternehmensgruppe gehört die Tochterfirma Fipp, die Haushaltshelfer wie Gefriertüten, Staubsaugerbeutel oder Frühstücktüten für die Handelsmarken von Rewe, Edeka, Aldi und Lidl produziert. Auch Bingold, Hersteller von Einmalhandschuhen und Folien, ist seit 2010 Teil des Unternehmens. Insgesamt verkauft die Sund-Gruppe fünf Milliarden Artikel im Jahr und beschäftigt 130 Mitarbeiter. Der Umsatz wächst. 2020 peilt der Mittelständler 200 Millionen Euro an. 2019 waren es 185 Millionen Euro.

Wann immer es geht, wird Altplastik eingesetzt

„Wo immer es möglich ist, setzen wir sortenreines Altplastik in der Produktion ein“, sagt Deiss-Geschäftsführer Eichler. Der Anteil soll weiter steigen, zugleich arbeiten die Hamburger an nachhaltigeren Grundstoffen und wollen dort, wo möglich, geschlossene Kreisläufe schaffen. Die Ideen kommen aus dem firmeneigenen Labor, teilweise arbeitet der Müllsackhersteller auch mit Kooperationspartner wie BASF zusammen.

So war Deiss auch zu Beginn der Corona-Epidemie der erste Anbieter, der einen besonders reißfesten gelben Corona-Müllsack präsentieren konnte, der den behördlichen Anforderungen für die Entsorgung von kontaminiertem Material aus Kliniken und Arztpraxen entsprach. „Inzwischen hat die Nachfrage etwas nachgelassen“, sagt Geschäftsführer Eichler. „Aber wir haben uns selten so über eine sinkende Nachfrage gefreut.“

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