Trotz und wegen Corona

Lieber eine hochwertige Küche als ein teurer Urlaub!

Teure Herde, hochwertige Kühlschränke: „Unsere Kunden kaufen insgesamt wertiger“, sagt Möbel-Schulenburg-Geschäftsführer Bernd Kasmann

Teure Herde, hochwertige Kühlschränke: „Unsere Kunden kaufen insgesamt wertiger“, sagt Möbel-Schulenburg-Geschäftsführer Bernd Kasmann

Foto: Michael Rauhe / FUNKE Foto Services

Kunden großer Möbelhäuser gönnen sich trotz und wegen Corona jetzt mal was. Bei Ikea haben manche Produkte schon lange Lieferzeiten.

Hamburg/Halstenbek.  Ein Buch mit bunten Cocktails auf dem Einband liegt neben dem Herd in der Musterküche, Bilder von gerollten mexikanischen Maisfladen an den Wänden versprechen die Exotik ferner Länder, die im Corona-Jahr nur schwer oder gar nicht erreichbar sind. Die Botschaft in dieser Abteilung des ansonsten recht nüchtern gestalteten würfelförmigen Hauses von Möbel Schulenburg im Gewerbegebiet Halstenbek lautet: Wenn schon die teure Fernreise in diesem Sommer ausfällt, dann reise doch in der eigenen, neuen Küche in exotische Welten.

Tatsächlich: Möbel und insbesondere komplett neue Küchen sind derzeit sehr begehrt. „Wir können eine deutlich erhöhte Nachfrage gegenüber dem Vorjahr im Einrichtungssegment feststellen“, sagt Bernd Kasmann aus der Geschäftsleitung bei Schulenburg. In allen Häusern beobachtet der Kaufmann, dass sich Kunden für Küchen, Polstermöbel und auch Wohnaccessoires interessieren.

Der durchschnittliche Bon steigt, sagt Kasmann. Das heißt: Die Kunden geben jetzt mehr aus als üblich – und sie gönnen sich was: „Unsere Kunden kaufen insgesamt wertiger.“ Bei den Küchengeräten legten insbesondere hochwertige und teurere Marken wie Liebherr oder Miele stark zu.

Corona-Delle währte bei Möbeln nicht lange

Wenn schon kein teurer Urlaub stattfindet, dann gönnen wir uns was für zu Hause – mit diesen Eindrücken über die Motive der Kunden ist Kasmann in der Branche nicht allein. Zwar hatten die Hersteller lange mit coronabedingten Problemen bei Lieferungen zu kämpfen, dazu kamen die zeitweisen Zwangsschließungen der Möbelhäuser, die dem Handel die Verkäufe zunächst verdarben – doch dann erholten sich die Erlöse überall rasch.

Auch bei XXXLutz sind die Zahlen gut. „Wir spüren einen durch den Corona-Lockdown entstandenen Nachholbedarf, nicht nur bei Küchen, sondern in allen unseren Warengruppen“, sagt Volker Michels von der Möbelhauskette, die in der Hamburger Region in Uelzen, Neumünster und Kaltenkirchen vertreten ist. „Es macht sich aber nicht nur der Nachholeffekt bemerkbar, sondern vielmehr auch die bewusst getroffene Kaufentscheidung“, sagt der Unternehmenssprecher über das aktuelle Kaufverhalten der Kunden. „Viele Menschen fahren nicht in Urlaub, sondern schaffen sich Möbel und Einrichtung für die eigenen vier Wände an, um es sich zu Hause so angenehm wie möglich zu machen.“

Die Senkung der Mehrwertsteuer Anfang des Monats hat die Kauflust zusätzlich befeuert. „Die Anschaffungsneigung ist sehr stark angestiegen“, sagt Rolf Bürkl vom Nürnberger Marktforschungsunternehmen GfK über das aktuelle Konsumverhalten zumindest eines Teils der Bevölkerung. „Die Verbraucher beabsichtigen offenbar, größere Anschaffungen vorzuziehen“ sagt Bürkl, Das helfe dem Konsum in diesem Jahr.

Küchen besonders gefragt

Positive Signale empfängt derzeit die gesamte Branche. So erwartet der Verband der Deutschen Möbelindustrie (VDM) zwar einen Rückgang der Umsätze um zehn Prozent gegenüber dem vergangenen Jahr – doch es sind nur noch zehn Prozent, und dabei geht es um das gesamte Möbelsortiment. Im April hatte der Verband noch 20 Prozent Einbuße erwartet.

Auch der VDM registriert ein starkes Interesse insbesondere an Küchen. „Die Menschen haben viel mehr Zeit zu Hause verbracht und viel mehr zu Hause gekocht“, sagt Volker Irle. Und auch der VDM-Küchenexperte betont: „Wenn die Urlaubsreise ausfällt oder kleiner geplant wird, haben etliche Menschen mehr Geld übrig, um sich Einrichtungswünsche zu erfüllen.“

Schulenburg-Manager Kasmann beobachtet zudem, dass der Bauboom die Nachfrage nach Küchen und Möbeln anheizt. Aber auch eine Sorge der Kunden vor einer Geldentwertung. „Mit langlebigen Produkten versuchen die Menschen, ihre Werte zu sichern.“ Dieser Effekt überlagere offenbar auch die Angst vor Arbeitslosigkeit und Insolvenzen.

Online-Geschäft bei Ikea wächst stark

In Zeiten des Lebens mit Abstandsregeln in der Öffentlichkeit und der Arbeit vieler Beschäftigter in den eigenen vier Wänden wird auch mehr Unterhaltungselektronik angeschafft – insbesondere der Verkauf von Fernsehgeräten ist stark gewachsen. Im ersten Halbjahr wuchs der Absatz im Jahresvergleich um fünf Prozent auf 3,2 Millionen TV-Geräte, so die Branchenvereinigung gfu. Insbesondere in den ersten Monaten nach Wiedereröffnung der Geschäfte gingen die Erlöse der Elektronikhändler mit Fernsehern steil in die Höhe.

In der Möbelbranche hat Corona zugleich die Verschiebung hin zum Onlinekauf beschleunigt – etwa bei Ikea. „Seit Ausbruch der Pandemie verzeichnen wir ein 30- bis 40-fach erhöhtes Kaufvolumen über unseren Onlineshop“, sagt eine Sprecherin der schwedischen Möbelhauskette. Anfangs seien vermehrt Büromöbel bestellt worden. „Jetzt interessieren sich unsere Kunden wieder für die gesamten Sortimentsbereiche.“ Die Nachfrage nach Küchen, Möbeln, Einrichtungsgegenständen sei „sehr hoch“.

Mit weit reichenden Folgen: Ikea-Kunden berichten von wochenlangen Lieferfristen für einige Produkte, die seien teils derzeit nicht lieferbar. Das Möbelhaus bestätigt das im Grundsatz, formuliert aber zurückhaltender als enttäuschte Käufer. „Es kann in Einzelfällen dazu kommen, dass bestimmte Produkte temporär nicht erhältlich sind“, bestätigt die Ikea-Sprecherin. „Sowohl wir in unseren Zentrallagern als auch unsere Versanddienstleister sind zwischenzeitlich an Kapazitätsgrenzen gestoßen.“ Dadurch sei es auch bei Online-Bestellungen zu Verzögerungen gekommen.

Trend zur neuen Küche über Corona hinaus

Bei Schulenburg erlebten Käufer ebenfalls Engpässe. Die zeitweise Unterbrechung von internationalen Lieferketten sei der Hauptgrund für die Schwierigkeiten, sagt Kasmann. Mittlerweile lösten sich aber viele dieser Probleme. „Alle Lieferanten fahren aktuell unter Volllast, sodass sich die Situation wieder entschärft“, sagt der Schulenburg-Manager.

Sehr viel häufiger als vor Corona läuft der Verkauf nun ohne direkten Kontakt zwischen Verkäufer und Kunde. „Der Küchenhandel hat seine digitalen Beratungs- und Planungsangebote in den vergangenen Monaten massiv ausgebaut“, so Experte Irle.

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Wie lange das Virus die Händler und Hersteller in Atem hält, ist zwar nicht absehbar, aber Schulenburg-Manager Kasmann ist überzeugt, dass sich der Trend zur neuen Küche fortsetzen wird. Früher war es wichtig, dass es möglichst praktisch zugeht, mittlerweile werde in diesem Raum der Wohnung ein gewisser Lebensstil zum Ausdruck gebracht: „Die Küche rückt ins Wohnzimmer, wird Freunden gezeigt, ist zum Objekt des Repräsentierens geworden“, sagt der Manager, der selber eher selten am Herd steht, wie er offen zugibt: „Kochen gehört leider nicht zu meinen Stärken.“