Corona-Pandemie

Textilreinigungen in Hamburg kämpfen ums Überleben

Melanie Beßler hat in der St. Pauli Textilreinigung (Nobistor) jetzt nur selten Kunden. „Es ist finanziell eng, aber wir wollen es schaffen“, sagt sie.

Melanie Beßler hat in der St. Pauli Textilreinigung (Nobistor) jetzt nur selten Kunden. „Es ist finanziell eng, aber wir wollen es schaffen“, sagt sie.

Foto: Michael Rauhe

Weniger Büroarbeit, weniger Feiern: Wäschereien haben massive Auftragseinbußen durch die Pandemie. Innung befürchtet Insolvenzen.

Hamburg.  Die Tür ist weit offen. Am Schaufenster mahnt ein Schild die Kunden, einzeln einzutreten. Nicht dass der Andrang in der St. Pauli Textilreinigung so groß wäre. Aber es ist Corona-Zeit. Und gerade ein Unternehmen, in dem es um Sauberkeit geht, muss auf die Einhaltung von Abstandsregeln und Hygienevorschriften achten. Inhaberin Melanie Beßler ist gerade hinten und räumt eine Ladung Wäsche in die großen Industriewaschmaschine, als eine Kundin den kleinen Laden betritt – mit einem ganzen Schwung schmutziger Herrenhemden im Arm. Vor einigen Monaten wäre das noch vollkommen normal gewesen. Aber auch in Monat vier der Pandemie tauschen immer noch viele Hemd und Bluse, Anzug und Kostüm gegen T-Shirt und Jogginghose. Eine professionelle Reinigung braucht man dafür eher nicht. „Die Kunden kommen langsam wieder, aber es sind immer noch viel zu wenig“, sagt Melanie Beßler.

Die 48-Jährige war erst vor zwei Jahren in den kleinen Textilpflegebetrieb auf dem Kiez eingestiegen, den ihre Geschäftspartnerin Yvonne Hahnert seit 2008 betreibt. Gemeinsam hatten die beiden Frauen im vergangenen Jahr den Umzug vom traditionsreichen Standort an der Holstenstraße ans Nobistor gemanagt. „Wir haben umgebaut und in moderne Geräte investiert“, sagt Beßler, die lange als Stylistin in der Werbung gearbeitet hat. Mehrere Zehntausend Euro hat das Unternehmerinnen-Duo investiert, auch um weniger Chemie einsetzen zu müssen.

Umsatzrückgänge von 70 bis 90 Prozent

Nachdem der Start am neuen Ort anfangs etwas schleppend war, sollte es im Frühjahr wieder so richtig losgehen. Dann kam Corona. Geschlossen hatte die St. Pauli Textilreinigung keinen Tag, trotzdem brach der Umsatz komplett ein. Seitdem geht es um die Existenz. „Wir kämpfen von Monat zu Monat ums Überleben“, sagt Melanie Beßler.

Den Ersten geht inzwischen die Luft aus. „Wir werden nie wieder die Umsätze erreichen, die wir hatten“, sagt Andree Wolfert, Obermeister der Hamburger Textilreiniger-Innung. Im März habe die Branche Umsatzrückgänge von 70 bis 90 Prozent verzeichnet, aber auch jetzt liege das Minus bei vielen noch bei 50 Prozent. „Es wird weniger im Büro gearbeitet und weniger gefeiert“, sagt Wolfert, der eine kleine Reinigung mit drei Teilzeitkräften in Niendorf betreibt. Es gibt keine großen Hochzeiten und Sommerfeste, bei denen Abendkleider getragen werden. Auch Konfirmationen, Abi-Bälle, Konferenzen und Messen fallen flach. Eine Rückkehr in die Normalität ist nicht absehbar. „Es ist zu befürchten, dass es auch Insolvenzen gibt“, sagt Wolfert. Dabei treffe es vor allem die Anbieter, die mit Niedrigpreisen arbeiten. „Wer schon vor Corona am Limit gearbeitet hat, den erwischt es als Erstes.“

Laut einer Umfrage, die der Deutsche Textilreinigungsverband (DTV) Ende April unter Reinigungen und Wäschereien in Deutschland gemacht hat, bewerten mehr als 80 Prozent der Betriebe die Umsatz- und Gewinnerwartungen für das Jahr 2020 schlicht als „schlecht“. „Die Werte sind historisch schlecht. Die Branche wurde durch die Corona-Krise mit voller Wucht getroffen“, fasst DTV-Geschäftsführer Andreas Schumacher die Situation zusammen. Neben dem massiv gesunkenen Privatkundengeschäft sieht er vor allem die fehlenden Umsätze in Hotels und Gastronomie als Grund für die Rückgänge.

Online-Wäschereien machen den Betrieben Konkurrenz

2018 lagen die Umsätze der handwerklich organisierten Betriebe laut Statistischem Bundesamt bei 1,3 Milliarden Euro – im Vergleich zum Vorjahr ein Plus von 2,6 Prozent. Insgesamt schätzt der DTV den Umsatz der Textil-Dienstleistungsbranche auf etwa 4,5 Milliarden Euro. Dabei nimmt die Zahl der Unternehmen kontinuierlich ab. 2017 gab es noch knapp 5000 Reinigungen und Wäschereien mit knapp 100.000 Beschäftigten in Deutschland.

In Hamburg sind es aktuell etwa 120. Seit einiger Zeit drängen zudem sogenannte Online-Wäschereien mit bundesweiten Vermarktungsstrategien wie Jonny Fresh, Persil-Service oder Waschmal auf den Markt, die mit Internetangebot und Abholservice der Reinigung um die Ecke Konkurrenz machen. Zuletzt waren auch große Handelsketten wie dm und Rewe auf den Zug aufgesprungen und testen, ob Kunden ihre Filialen ähnlich wie etwa beim Paketservice als Annahmestelle für Blusen mit Schutzrändern und Hosen mit Fettflecken nutzen. Allerdings sind auch in diesem Bereich die Umsätze rückläufig.

Geschäft ist in Corona-Zeit massiv eingebrochen

Das merkt auch Björn Schlender, Chef der Textilpflege Schlender in Buxtehude. Der Betrieb hat eine zentrale Wäscherei und drei Filialen im Hamburger Umland. Zusätzlich arbeitet er als Partner für den Online-Service Jonny Fresh. Das Geschäft sei in der Corona-Zeit aber massiv eingebrochen. Aktuell ist er daher nicht als Dienstleister tätig. Obwohl der Familienbetrieb gut aufgestellt gewesen sei, macht sich der Unternehmer inzwischen große Sorgen. „Alle Finanzspritzen sind aufgebraucht“, sagt er. Inzwischen erreichten die Ausgaben bis zu 90 Prozent des Vor-Corona-Stands, die Umsätze aber lägen gerade mal bei der Hälfte. „Wir leben von einem Kredit der Bürgerschaftsbank.“ Aufgeben ist für ihn keine Alternative. Schlender ist Arbeitgeber für 22 Beschäftigte.

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„Es gibt in der Branche schon jetzt einen sichtbaren Stellenabbau“, beobachtet Lars Reuter, Textilreinigungsmeister und vereidigter Sachverständiger der Hamburger Handwerkskammer. Viele Unternehmer schauten ängstlich in die Zukunft. „Es gibt kein Vertrauen, dass es demnächst wieder losgeht“, so der Experte, der lange selbst eine Reinigung betrieben hat.

Großkunden aus Gastronomie und Hotellerie fallen aus

Im kleinen Ladengeschäft der St. Pauli Textilpflege ist es an diesem Vormittag ziemlich ruhig. „Eine Person pro Schicht reicht jetzt völlig“, sagt Melanie Beßler und spannt im hinteren Teil des Raums ein Hemd in die Kragenpresse. Vor Corona waren sie pro Schicht mindestens zu dritt, die gewaschen, gebügelt und Hemden bearbeitet haben.

Vorn tritt eine Mutter mit Baby durch die Tür. Melanie Beßler eilt hinter den schlichten Holztresen, guckt auf den Abholschein und drückt einen Schalter. Dann rattert das Transportband mit der fertigen Ware bis zu der Stelle, wo die Hemden hängen – zwei Stück, eins weiß, eins schwarz. Vorher hat ein junger Mann Kissenbezüge abgeholt. „Unsere Stammkunden haben uns vor allem am Anfang sehr unterstützt“, sagt die Unternehmerin.

Zu den Auftraggebern gehören auch Unternehmen aus der Film- und Fernsehbranche, Kostümverleihe, die benachbarte Endo-Klinik, Möbelläden und Restaurants. „Gerade in dem Bereich sieht es aber zurzeit schlecht aus“, sagt Beßler, weil zum Beispiel derzeit kaum noch oder gar keine Stofftischwäsche mehr benutzt werde. So ist der Gastro-Bereich des FC St. Pauli, zuvor ebenfalls einer der großen Kunden, seit Monaten komplett ausgefallen.

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„Wir hoffen natürlich weiterhin auf gute Zusammenarbeit“, sagt die Geschäftsfrau. Seit Monaten jonglieren die beiden Inhaberinnen mit dem Geld, überlegen genau, welche Rechnungen sie als Erstes bezahlen. Die Miete stottern sie im Monatsverlauf langsam ab. „Es ist eng“, sagt Melanie Beßler. „Aber wir wollen es schaffen.“ Sie lebt genau wie Geschäftspartner Yvonne Hahnert von ihrem Job und hat ein Kind.

Was jetzt ein bisschen hilft, ist neben Service und Beratung, dass die Kiez-Reinigerinnen nicht auf Niedrigpreise setzen – und das auch in Zukunft nicht tun wollen. Hemden bekommt man von ihnen für 2,80 Euro pro Stück gewaschen und gebügelt zurück, die Anzugreinigung kostet 16,80 Euro. die einer Jacke 9,90 Euro. „Unsere Preise sind gerechtfertigt, sonst verdienen wir nichts.“