Geldanlage

Corona-Krise: Hamburger kaufen so viel Gold wie selten zuvor

Stefan Rose, Leiter des Edelmetall-Handels bei der Haspa: „Größere Nachfrage als 2008.“

Stefan Rose, Leiter des Edelmetall-Handels bei der Haspa: „Größere Nachfrage als 2008.“

Foto: Michael Rauhe

Wegen der Corona-Pandemie flüchten Anleger in das vermeintlich sichere Edelmetall. Der Preis nähert sich dem Höchststand.

Hamburg.  Seitdem auch die nicht systemrelevanten Geschäfte in Hamburg wieder geöffnet haben, haben die Edelmetallhändler reichlich Kundschaft. Die Corona-Krise hat die Nachfrage nach Gold, das als sichere Anlage gilt, einen Schub gegeben. Nach Einschätzung der Hamburger Sparkasse kaufen die Hamburger derzeit sogar mehr Gold als während der Finanzmarktkrise 2008/09. Die hohe Nachfrage lässt den Preis steigen. Am Mittwoch legte er erneut zu und wurde für umgerechnet 1605 Euro pro Feinunze (31,1 Gramm) gehandelt. Seit Jahresbeginn verteuerte sich das Edelmetall damit um rund 19 Prozent. Der Mitte Mai erreichte Allzeit-Höchstkurs (1611 Euro) ist in greifbare Nähe gerückt. Was sind die Gründe für den Preisanstieg? Sind überhaupt genügend Münzen und Barren im Handel? Das Abendblatt sprach mit Experten und beantwortet die wichtigsten Fragen.


Warum steigt der Goldpreis so stark?
Die große Nachfrage kommt nicht nur von Privatanlegern, die vor allem Münzen und Barren kaufen. Auch institutionelle Anleger und Notenbanken befeuern die Goldnachfrage. Knapp 300 Tonnen des Edelmetalls haben spezielle börsengehandelte Fonds, sogenannte ETFs für Goldbarren, im ersten Quartal gekauft. Mit insgesamt 3501 Tonnen gehört diesen Investmentvehikeln nun so viel Gold wie noch nie zuvor. 20 Prozent der Notenbanken planen 2020 Goldankäufe, mehr als doppelt so viele wie im Vorjahr. „Gold ist auch deshalb attraktiver geworden, weil es kaum Anlagealternativen gibt und bei der Entwicklung der Aktienmärkte haben die Anleger Zweifel, ob es weiter so nach oben gehen kann“, sagt Robert Hartmann, Geschäftsführer der Handelskette Pro Aurum.


Welche Rolle spielt die Corona-Krise bei der Preisentwicklung?
Milliardenschwere Konjunkturprogramme und Stützungskäufe der Notenbanken sollen die wirtschaftlichen Einbrüche der Pandemie abfedern. „Die Zen­tralbanken haben eine verschärfte Geldmengenvermehrung eingeleitet“, sagt Edelmetallexperte Thorsten Polleit. Das werde bei anhaltender Null- und Negativzinspolitik die Kaufkraft des Geldes in Form von Bargeld und Bankguthaben herabsetzen. Laut Schätzungen des IWF steigt die Verschuldung der großen Industrienationen in diesem Jahr von zuletzt 105 Prozent des Bruttoinlandsprodukts auf mehr als 122 Prozent. Während die Stimmung am Goldmarkt schon 2019 ausgesprochen gut war, bringen die Pandemie und die internationalen Reaktionen auf das Coronavirus nun nochmals neuen Schwung in den Sektor.


Wir groß ist die Nachfrage der Privatanleger in Hamburg nach Edelmetallen?
„Die Hamburger kaufen aktuell mehr Gold als in der Finanzmarktkrise von 2008“, sagt Stefan Rose, Leiter des Edelmetallhandels bei der Hamburger Sparkasse (Haspa). Damals hatte die Nachfrage ein Rekordniveau erreicht. Nun veranlasse die Corona-Pandemie die Kunden zu zusätzlichen Käufen. Bei anderen Händlern sind die Käufe von Edelmetallen insgesamt derzeit noch etwas geringer. „Von der physischen Edelmetallnachfrage der Jahre 2008 und 2011 sind wir sicherlich noch 20 Prozent entfernt“, sagt Hartmann. Dennoch verkaufte das Unternehmen allein im ersten Quartal bundesweit mehr als zehn Tonnen Goldbarren und -münzen.


Wie hat sich das Angebot an Münzen und Barren entwickelt?
Erst waren während der Corona-Pandemie die Edelmetall-Shops etwa von Degussa, Philoro und Pro Aurum geschlossen, nach der Wiedereröffnung wurde zeitweise die Ware knapp, doch auch das ist inzwischen wieder anders. „Das Angebot hat sich normalisiert“, sagt der Haspa-Experte Rose. Bei der größten deutschen Sparkasse seien Goldbarren und Münzen uneingeschränkt verfügbar. „Erstmals seit mehr als drei Monaten haben wir in der vergangenen Woche wieder Krügerrand-Münzen aus Südafrika erhalten“, sagt Hartmann. „Die Barrenhersteller haben ihre Rückstände bei Goldprodukten größtenteils aufgearbeitet.“ Die meisten der unterschiedlichen Größen seien ausreichend verfügbar. Bei Platin und Silber gibt es aber noch Lieferzeiten von bis zu drei Monaten.


Welche Stücke werden nachgefragt?
Im Kaufverhalten bleiben sich die Kunden weitgehend treu. „Vor allem Goldbarren in der Stückelung von einer Unze (31,1 Gramm) bis zu 250 Gramm oder Münzen wie Wiener Philharmoniker, Krügerrand sowie Maple Leaf stehen ganz oben auf den Einkaufslisten“, sagt Christian Brenner, Geschäftsführer der Philoro Edelmetalle in Deutschland. „In Hamburg besonders beliebt ist die Hamburger 20-Mark-Goldmünze aus der Kaiserzeit, die sich als Anlageobjekt eignet.“


Warum kaufen die Privatkunden?
„Gold wird von den Hamburgern vor allem zum Werterhalt gekauft, mitunter auch als Geschenk“, sagt Rose. Ähnlich siegt das Christian Brenner von Philoro: „Heute steht bei den Kunden ganz klar der Absicherungscharakter im Vordergrund. Sie wollen unabhängig von den Notenbanken etwas Wertiges besitzen.“ Das Vertrauen in das Edelmetall ergibt sich aus der begrenzten Verfügbarkeit. „Gold war während der gesamten Menschheitsgeschichte ein Speicher für Wohlstand“, sagt Joe Foster von der US-Investmentgesellschaft Van Eck. „Es hat als Währung fungiert und bleibt ein wichtiger Bestandteil der Zentralbankreserven.“ Der gesamte oberirdische Goldbestand beträgt nach Angaben des Branchenverbandes World Gold Council 6,3 Milliarden Unzen. „Der durch die Pandemie verursachte wirtschaftliche Schaden und die wachsenden finanziellen Risiken haben eine sehr starke Nachfrage nach Barren und Münzen geschaffen“, sagt Foster. Bei Pro Aurum wollen derzeit 90 Prozent der Kunden kaufen – nur 10 Prozent verkaufen.

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Wie wirkt sich das auf die Preise aus?
Wer jetzt noch in Gold investieren will, muss das teuer bezahlen. Für einen Krügerrand (31,1 Gramm) müssen 1701 Euro bezahlt werden. Ein Zehn-Gramm-Barren kostet 542 Euro, ein 100-Gramm-Barren schlägt mit 5294 Euro zu Buche. Je nach Gewicht der Barren kostet ein Gramm zwischen 62 und 53 Euro. Je kleiner der Barren oder die Münze, desto teurer wird das Metall bezahlt. Nicht zu vernachlässigen sind die Unterschiede zwischen Ankaufs- und Verkaufspreis. Beim Krügerrand liegt die Differenz aktuell bei knapp sieben Prozent. Nach einem Kauf der Münze muss der Preis also um sieben Prozent steigen, damit man beim Verkauf keinen Verlust macht.

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Wie wird sich der Preis entwickeln?
Zunächst richten sich die Blicke darauf, wann das bisherige Allzeithoch von rund 1909 US-Dollar – in dieser Währung wird Gold international gehandelt (siehe Grafik) -- von 2011 überwunden wird. Aktuell kostet einen Feinunze 1850 Dollar. Es gibt sehr optimistische Prognosen. Die Bank of America erwartet einen Anstieg auf bald 3000 Dollar kostet, die Saxo Bank geht von 4000 Dollar aus. Sogar 5000 Dollar sind nach Einschätzung der notorischen Goldfans des Vermögensverwalters Incrementum bis 2030 möglich. Sie geben den millionenfach gelesenen Branchenausblick „In Gold We Trust“ heraus. Aber bei aller Euphorie: Das Edelmetall ist auch für kräftige Korrekturen bekannt. Nach einem Anstieg um rund 1000 Dollar zwischen 2008 und 2011 brach der Preis bis Ende 2015 um 40 Prozent ein. Auch 2016 und 2018 mussten Anleger zweistellige prozentuale Verluste hinnehmen. Erst seit 2019 haben sie wieder Freude am Edelmetall.