Wirtschaft

So kommen Hamburger Aktien durch die Corona-Krise

Bei Einschätzungen zu Beiersdorf scheiden sich die Geister der Analysten (Symbolbild).

Bei Einschätzungen zu Beiersdorf scheiden sich die Geister der Analysten (Symbolbild).

Foto: picture alliance/dpa

Nach Ausbreitung des Coronavirus ging es erst steil bergab, dann steil bergauf – aber nicht für alle. Die Gewinner, die Verlierer.

Hamburg.  In der Wirtschaft und am Aktienmarkt sorgt die Corona-Krise für historische Superlative. Ökonomen erwarten für 2020 den heftigsten Konjunktureinbruch der Nachkriegszeit, und der Deutsche Aktienindex (DAX) hat noch nie in so kurzer Zeit so viel eingebüßt.

Andererseits schnellten dann an den Börsen schon seit der zweiten Märzhälfte die Kurse ebenfalls im Rekordtempo wieder nach oben. „Auch ich habe mir die Augen gerieben, wie schnell das ging“, sagt Bernd Schimmer, Chef-Investmentstratege der Haspa. Der regionale Börsenindex HASPAX, in dem 24 Titel aus Hamburg und der Metropolregion zusammengefasst sind, machte die Ausschläge allerdings in etwas gedämpfter Form mit: Er stürzte seit Ende Februar nicht wie der DAX um bis zu 39 Prozent ab, sondern nur um maximal 26 Prozent, dafür fiel aber auch die Erholung bisher nicht ganz so kraftvoll aus.

Schimmer hat eine Erklärung dafür, warum der „Fahrstuhleffekt“ bei einem Leitindex wie dem DAX besonders ausgeprägt ist: Große internationale Anleger, die in deutsche Titel investieren wollen, täten das primär über den DAX. „Da sind Ende Februar die Warnlampen angegangen, und man hat auf breiter Front verkauft“, erklärt Schimmer – und auch beim Wiedereinstieg der Großinvestoren profitierte zuerst der DAX. Am Dienstag notierte er über 13.000 Punkten. Zwar hält Schimmer auf Sicht von sechs bis zwölf Monaten lediglich einen DAX-Stand von 12.500 bis 13.000 Punkten für tatsächlich angemessen. Für ihn ist aber auch klar: „Wenn man eine positive Rendite möchte, gibt es zu Aktien derzeit keine Alternative.“

Für acht Hamburger Titel untersucht das Abendblatt näher, wie sie sich in der Corona-Krise bewähren:

Beiersdorf

Der Aktienkurs des Nivea-Herstellers, des einzigen DAX-Konzerns aus Hamburg, hat sich im bisherigen Jahresverlauf etwas schlechter entwickelt als der Standardwerte-Index. Während der Vorstand für 2020 vor dem Ausbruch der Corona-Krise von einem Umsatzwachstum von drei bis fünf Prozent ausgegangen war, sackten die Erlöse in den ersten sechs Monaten um 10,7 Prozent ab. Besonders hart traf es den vorherigen Wachstumstreiber, die Luxushautpflegemarke „La Prairie“: Die Produkte dieser Serie werden häufig in Duty-Free-Shops an Flughäfen verkauft. Was die Einschätzungen von Analysten zu den weiteren Perspektiven angeht, scheiden sich an Beiersdorf die Geister. Jörg Philipp Frey vom Hamburger Analysehaus Warburg Research zeigte sich enttäuscht, dass die Nachfrage offenbar im Juni nicht angezogen hat. Er kappte seine bisherigen Schätzungen und blieb bei der Empfehlung „Halten“.

Die Experten beim Bankhaus Lampe sprachen zwar ebenfalls von einer „negativen Überraschung“, blieben aber bei ihrer Kaufempfehlung. Kursschwächephasen solle man für Zukäufe von Beiersdorf-Aktien nutzen, denn der Konzern sei bilanziell sehr stabil aufgestellt, was für Übernahmen genutzt werden könne, und werde sich wahrscheinlich von der Nachfrageschwäche erholen. Ganz im Gegensatz dazu steht Beiersdorf beim Bankhaus Berenberg sogar auf der „Verkaufen“-Liste. Die Bewertung des gesamten Konsumgütersektors bewege sich historisch auf einem Spitzenniveau, bei Beiersdorf seien Gewinnmitnahmen angebracht, hieß es.

Aurubis

Die Kupferhütte ist eines der Unternehmen, deren Börsenkurs aktuell höher liegt als vor Beginn der Corona-Krise, obwohl der Titel zunächst nicht weniger stark eingebrochen war als der Gesamtmarkt. Es zeige sich, dass Aurubis von der Krise nur eher geringfügig berührt werde, jedenfalls weniger als zum Beispiel Stahlhersteller, erklärten Experten des Bankhauses Lampe dazu in einer Analyse. Schon bis Anfang Mai hatten die im MDAX notierten Anteilsscheine von Aurubis die beim „Corona-Crash“ erlittenen Kursverluste mehr als wettgemacht. Dazu trug ein Aktienrückkaufprogramm ebenso bei wie die Zustimmung der EU zum Kauf des spanisch-belgischen Recycling-Spezialisten Metallo, von dem sich das Hamburger Unternehmen Wachstumsimpulse verspricht. Für das laufende Geschäftsjahr 2019/2020 peilt Vorstandschef Roland Harings unverändert ein operatives Vorsteuerergebnis von 185 Millionen bis 250 Millionen Euro an (Vorjahr: 192 Millionen Euro). Der Kupferkonzern bleibe auf einem sehr guten Weg, schrieb Analyst Eggert Kuls von Warburg Research. Bislang habe das Unternehmen in einem schwierigen Krisenumfeld grundsolide Ergebnisse erzielt.

Evotec

Bei dem Geschäftsmodell des Hamburger Biotechnologieunternehmens wird so mancher Medizin-Laie eher an ein Start-up denken: Evotec sucht nach Wirkstoffen, die gezielt Einfluss auf die biologischen Prozesse in menschlichen Zellen nehmen, kooperiert dazu mit Pharmakonzernen und ist am Umsatz von Medikamenten, die sich womöglich aus der Forschungstätigkeit ergeben, beteiligt. Dabei wurde Evotec bereits 1993 gegründet, hat mehr als 3100 Beschäftigte – davon rund 400 in Hamburg –, und auch der Börsenwert von aktuell knapp 3,7 Milliarden Euro übersteigt den der meisten Start-ups erheblich. Die Zugehörigkeit zur Biotechnologiebranche konnte nicht verhindern, dass der Aktienkurs des Unternehmens mit dem Ausbruch der Corona-Pandemie um rund ein Drittel einbrach.

Und auch die nachfolgende Erholung entsprach etwa der des Gesamtmarkts, obwohl Evotec nach eigenen Angaben „an ausgewählten Aktivitäten im weltweiten Kampf gegen Covid-19 beteiligt“ ist. Dagegen verzeichnete der Kurs der ebenfalls im MDAX notierten Biotechnologiefirma Qiagen überhaupt keinen Corona-Einbruch. Allerdings profitiert die Qiagen-Aktie schon seit Monaten von der starken Nachfrage nach Testprodukten für das Coronavirus sowie von den Übernahmeangeboten durch einen US-Konzern. Für 2020 erwartet der Vorstand von Evotec einen Umsatzanstieg, der Betriebsgewinn werde voraussichtlich trotz eines negativen Sondereffekts und hoher Investitionen nur leicht niedriger liegen als im Vorjahr. Sowohl die Deutsche Bank als auch die Baader Bank empfehlen die Aktie mit einem Kursziel von 28 Euro zum Kauf.

Encavis

Der Firmenname Encavis dürfte vielen Hamburgern nichts sagen – er ist aber auch noch nicht sehr alt: Im Jahr 2018 hat sich der im SDAX notierte Solar- und Windparkanlagenbetreiber Capital Stage umbenannt. Jedenfalls gehört Encavis zu der exklusiven Gruppe der Unternehmen, die in der Zeit seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie ein neues Allzeithoch an der Börse verzeichnen konnten. Damit liegt die Marktbewertung nun bei fast 1,9 Milliarden Euro. Ende Mai beschloss die Hauptversammlung eine Dividendenerhöhung, und nach den Prognosen des Vorstands sollen in diesem Jahr der Umsatz wie auch der operative Gewinn „deutlich steigen“. In den zurückliegenden Monaten gab Encavis zudem mehrere Zukäufe in Deutschland, Spanien und Frankreich bekannt. Das Hamburger Privatbankhaus Berenberg empfahl die Aktie im Juni zum Kauf. Man gehe davon aus, dass sich Unternehmen, die auf Nachhaltigkeit setzen, besser entwickeln als der Gesamtmarkt, hieß es dazu. Encavis als Stromproduzent aus erneuerbaren Energien habe im vorigen Jahr zur Vermeidung von 1,9 Millionen Tonnen an CO2-Emissionen beigetragen und zähle zu den „Top Picks“.

Hapag-Lloyd

Die Aktie der Hamburger Containerreederei hat unter den acht hier herausgegriffenen Titeln die wohl erstaunlichste Wertentwicklung zu verzeichnen: Mitten in der Corona-Krise, innerhalb der sechs Wochen von Anfang April bis zum 15. Mai, hat sich der Kurs mehr als verdreifacht, um dann ebenso steil wieder abzustürzen. Vorstandschef Rolf Habben Jansen konnte sich die außergewöhnliche Hausse nach eigenem Bekunden nicht erklären, die Finanzaufsichtsbehörde BaFin leitete eine „routinemäßige“ Vorprüfung ein. Nach Einschätzung des Analysten Christian Cohrs von Warburg Research hatte sich die Bewertung der Reederei nach dem Kursfeuerwerk komplett vom fundamentalen Bild abgekoppelt.

Dass Hapag-Lloyd trotz der Wirtschaftskrise für 2020 schwarze Zahlen anpeilt und die Kosten um einen Betrag im mittleren dreistelligen Millionenbereich senken will, reicht als Erklärung jedenfalls nicht annähernd aus. Indirekt dürfte aber der Logistik-Unternehmer Klaus-Michael Kühne mit verantwortlich für die Kurskapriolen sein: Ende März wurde bekannt, dass der Milliardär seinen Anteil auf 30 Prozent aufstockt und mehr Einfluss auf das Unternehmen nehmen will. Damit könnte er, so hieß es am Markt, etliche Spekulanten, die mit sogenannten Leerverkäufen auf einen wegen der erwarteten Geschäftseinbußen sinkenden Kurs gesetzt hatten, auf dem falschen Fuß erwischt haben. Da der Streubesitz nur noch bei 3,6 Prozent liegt, ist der Titel ohnehin anfälliger für kräftige Schwankungen geworden.

Coronavirus – die Fotos zur Krise

HHLA

Die Anteilsscheine des Hamburger Hafenkonzerns haben unter der Corona-Krise stärker gelitten als die meisten anderen Börsenwerte: Im Vergleich zum Jahresbeginn ging es um bis zu 58 Prozent abwärts, die nachfolgende Erholung fiel schwächer aus als im Gesamtmarkt. Dabei ist Anfang Juni ein potenzieller Belastungsfaktor weggefallen: Das Bundesverwaltungsgericht hat endgültig grünes Licht für die seit 18 Jahren geplante Elbvertiefung gegeben. Auch die Ende Mai bekannt gewordenen „Sondierungsgespräche“ über eine engere Kooperation mit Eurokai und dem Bremer Konkurrenten BLG Logistics konnten den Kurs nicht nachhaltig beflügeln. Viel schwerer wiegt, dass sich der Güterumschlag im Hamburger Hafen bereits im ersten Quartal um insgesamt fast acht Prozent verringerte. Die Belastungen aus der Corona-Krise seien deutlich sichtbar und dürften sich im zweiten Quartal noch verstärkt haben, schrieb Analyst Wolfgang Donie von der Nord/LB dazu in einer Studie. Der HHLA-Vorstand selbst erwartet für 2020 einen „starken Rückgang“ von Umsatz und Ergebnis.

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Hawesko

Für ein Handelsunternehmen hat der Wein- und Sektspezialist Hawesko die Coronavirus-Phase bisher bemerkenswert gut bewältigt – so gut, dass die Anteilseigner sogar eine Sonderdividende erhalten sollen: Während das Management Ende April eine Auszahlung von 1,30 Euro je Aktie vorgeschlagen hatte, will man aufgrund der guten Liquiditätslage jetzt 1,75 Euro je Titel ausschütten. Zwar waren wegen des Lockdowns zeitweise 70 bis 80 der 330 Filialen der zu Hawesko gehörenden Kette Jacques’ Wein-Depot geschlossen, und das Großhandelsgeschäft mit Hotels und Restaurants brach ein. Doch gleichzeitig stieg die Nachfrage in den Hawesko-Online­shops, außerdem wurden nach Angaben von Marktkennern in der Zeit der Ausgangsbeschränkungen vermehrt auch teurere Weine gekauft. Nur so ist es zu erklären, dass Hawesko den Umsatz im ersten Halbjahr vorläufigen Zahlen zufolge sogar um 8,5 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum steigern konnte. Das operative Ergebnis verbesserte sich voraussichtlich um fast 50 Prozent.

Bijou Brigitte

Nimmt man den Aktienkurs zum Maßstab, so wird die Modeschmuck-Kette von der Corona-Pandemie besonders hart getroffen: Seit Januar hat sich der Firmenwert praktisch halbiert. Entgegen der allgemeinen Börsentendenz ging es seit Anfang Juni sogar weiter abwärts. Es dürfte bei den Investoren nicht gerade vertrauensbildend gewirkt haben, dass Bijou Brigitte nicht nur die Aussetzung der Dividende für das zurückliegende Geschäftsjahr beschloss, sondern die Bekanntgabe der vollständigen Geschäftszahlen des ersten Halbjahrs 2020 sowie der Prognosen für das aktuelle Jahr auf den September verschob. Mitte Juli teilte man lediglich mit, dass der Umsatz in den ersten sechs Monaten um rund 45 Prozent geschrumpft ist.

Hoher Aktienumsatz an der Börse Hamburg

  • Die Börse Hamburg hat im ersten Halbjahr nach den Worten von Geschäftsführer Thomas Ledermann „sehr hohe Handelsvolumina“ mit Aktien verzeichnet. Ursache seien nicht nur die Corona-bedingten Marktschwankungen, sondern auch die Turbulenzen um den nun insolventen Zahlungsdienstleister Wirecard. Dessen Aktie war im Juni steil von 100 Euro auf zeitweise nur noch 1,40 Euro abgestürzt.
  • Umsätze mit Anleihen seien jedoch zurückgegangen, so Ledermann, der auch Vorstand der Böag, Dachgesellschaft der Börsen Hamburg, Hannover und Düsseldorf, ist. Der von der Böag entwickelte Nachhaltigkeitsindex GCX, der die beiden Hamburger Aktien Aurubis und Nordex enthält, bewies im ersten Halbjahr größere Stabilität als der DAX. Seit dem Start im Jahr 2007 legte der GCX um 213 Prozent zu, der DAX kam seitdem auf ein Plus von 64 Prozent. HA