Niedersachsen

Kreuzfahrt-Krise: Meyer Werft legt Zwangspause ein

| Lesedauer: 6 Minuten
Elmar Stephan und Volker Mester
Der Bug eines Kreuzfahrtschiffs steht in einer Halle der Meyer Werft in Papenburg.

Der Bug eines Kreuzfahrtschiffs steht in einer Halle der Meyer Werft in Papenburg.

Foto: Sina Schuldt / dpa

Sechs Wochen Betriebsferien wegen der Kreuzfahrt-Krise. Derweil planen die Reedereien den Neustart in Hamburg.

Osnabrück/Hamburg.  Die Corona-Krise mit ihren wirtschaftlichen Auswirkungen hat das emsländische Traditionsunternehmen Meyer Werft voll im Griff. Als Reaktion auf die Flaute bei den Aufträgen schließt die für ihre Kreuzfahrtschiffe bekannte Firma vom heutigen Montag an für sechs Wochen ihre Tore. Die Meyer Werft gehe bis zum 30. August in eine Art verlängerte Betriebsferien, sagte ein Unternehmenssprecher.

Auch auf ihr Urlaubsgeld müssen die mehr als 3000 Beschäftigten noch warten – für die Werft ist das ein Batzen von 14 Millionen Euro, der erst später ausgezahlt werden soll. Die Corona-Pandemie mit ihren weltweiten Folgen für die Wirtschaft hat auch die Kreuzfahrtschiff-Branche hart getroffen. Der Tourismus steht weitgehend still, und neue Schiffe benötigt die Branche derzeit nicht – die Meyer Werft muss in ihrem 225. Jubiläumsjahr kämpfen.

Corona-Krise: Lage der Meyer Werft ist "prekär"

Senior-Unternehmenschef Bernard Meyer bezeichnete die Lage kürzlich als „prekär“. Vor der Pandemie sahen die Pläne des emsländischen Familienunternehmens mit Standorten in Papenburg, Rostock und im finnischen Turku noch anders aus. Geplant war die Ablieferung von drei Kreuzfahrtschiffen. Doch inzwischen verhandelt man mit den Kunden darüber, das Auftragsbuch zu strecken. Die Gespräche dazu seien sehr komplex, hatte Meyer Ende Juni der Belegschaft in einer Videobotschaft gesagt. Die Reedereien wüssten nicht, wann sie wieder Kreuzfahrten anbieten könnten.

In den kommenden fünf Jahren muss die Werft 1,2 Milliarden Euro sparen. Nach wie vor hofft das Unternehmen auf Hilfen vom Land Niedersachsen und vom Bund. Zunächst bis Ende des Jahres gibt es eine Vereinbarung mit dem Betriebsrat über Kurzarbeit.

Lesen Sie auch:

Noch nicht abgeliefert ist das Schiff „Iona“ - eigentlich sollte es im Mai an die britische Reederei P&O übergeben werden. Im März wurde das Schiff schon über die Ems übergeführt, die coronabedingten Hygieneauflagen verzögerten aber die Arbeiten zum Innenausbau in Bremerhaven. Wann es an die Reederei übergeben werde, darüber liefen derzeit Gespräche, sagte der Unternehmenssprecher. Die Werft hofft auf eine Ablieferung Ende August.

Auch bei einem zweiten aktuell gebauten Schiff, der „Spirit of Adventure“ für die britische Reederei Saga Cruises, verzögert sich die Auslieferung. Beide Schiffe kosteten die Werft jeden Monat Geld, hatte Firmenpatriarch Meyer in der Videobotschaft erklärt. Mit jedem Monat Verzögerung bei der Ablieferung müsse die Firma auch auf die Ablieferungsrate von 80 Prozent des Auftragswertes entsprechend länger warten. Die Werft bemühe sich daher um weitere kurzfristige Kredite.

Kreuzfahrtreedereien bereiten sich auf Neustart vor

Immerhin soll die „Spirit of Adventures“ noch während der Sommerpause ausgedockt werden, also die überdachte Schiffbauhalle verlassen und in den Werfthafen gebracht werden. Der genaue Zeitpunkt solle nicht öffentlich gemacht werden, betonte der Unternehmenssprecher: „Wir wollen nicht, dass zu Corona-Zeiten hier Tausende von Menschen auf den Deichen sind.“

In Norddeutschland bereiten sich die Kreuzfahrtreedereien unterdessen auf den Neustart des Geschäfts unter veränderten Bedingungen vor. Am Sonnabend sind zwei Schiffe von Aida Cruises im Überseehafen in Rostock-Warnemünde eingelaufen – noch ohne Passagiere. Nach Angaben eines Unternehmenssprechers begrüßten am Pier viele Fans und Touristen, aber auch zahlreiche Mitarbeiter, die beiden Schiffe. Sie werden nun auf die ersten Abfahrten seit Beginn der Corona-Krise vorbereitet. Im August soll es – auch von Hamburg aus – mit drei- bis viertägigen Kurzreisen zunächst ohne Landgang wieder losgehen, wobei man mit einer Auslastung von nur etwa 50 Prozent der Kapazitäten fahren werde, hieß es von Aida Cruises.

Schon am 24. Juli legt die „Mein Schiff 2“ des Wettbewerbers Tui Cruises in Hamburg zur ersten Kurzkreuzfahrt (drei Nächte) in Richtung Kristiansand in Norwegen ab. Auch hier sind ausschließlich Seetage vorgesehen, und man will die Gästezahl auf 60 Prozent des Maximums begrenzen. Ebenfalls in Hamburg startet Hapag-Lloyd Cruises am 31. Juli mit Kurztouren in die „Dänische Südsee“.

Noch keine Kreuzfahrten von US-Häfen aus

Für die Wiederaufnahme des Kreuzfahrtbetriebs in Deutschland hat sich die Branche klare Regeln verordnet und nach Angaben des Dachverbandes Cruise Lines International Association (Clia) zusammen mit Behörden und Hafenverwaltungen umfassende Präventions- und Hygienemaßnahmen erarbeitet. In den USA dagegen bleiben angesichts der erneuten Corona-Eskalation Kreuzfahrten von US-Häfen aus noch länger tabu. Die US-Gesundheitsbehörde CDC hat ihr Verbot gerade am Donnerstag bis Ende September verlängert. Als Grund gibt die Behörde das hohe Risiko von Virusausbrüchen auf Kreuzfahrten an.

Im vergangenen Jahr war die Zahl deutscher Kreuzfahrtpassagiere nach Branchenangaben erstmals auf mehr als drei Millionen gestiegen. Die Verbände DRV, Clia und IG River Cruises zählten demnach insgesamt 3,1 Millionen Gäste. Rund 2,5 Millionen Gäste buchten Hochseekreuzfahrten (Vorjahr: 2,2 Millionen), etwa 540.000 Flussreisen (2018: 496.000). Für das laufende Jahr rechnen die Veranstalter mit einem massiven Einbruch der Gästezahlen und Umsätze.

Auch die Werften hatten zunächst noch damit gerechnet, dass 2020 abermals ein Rekordjahr für sie wird. Den Planungen zufolge sollten 26 neue Hochseeschiffe abgeliefert werden und im kommenden Jahr ebenfalls 26 – darunter die „Global Dream“, die in Wismar von den MV Werften für eine Reederei mit Sitz in Hongkong gebaut wird. Bis zu 9500 Passagiere soll das gigantische, für den asiatischen Markt gedachte Schiff aufnehmen können. Doch derzeit arbeitet daran nur eine Minimalbesetzung, bis zum Jahresende gilt für die 3000 Beschäftigten der MV Werften Kurzarbeit.

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Wirtschaft