Bilanzskandal

Ex-Wirecard-Chef beim russischen Geheimdienst untergetaucht?

Scholz: Wirecard-Skandal muss ein "Weckruf" sein

Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) bezeichnet den Bilanzskandal beim Zahlungsdienstleister Wirecard als "Weckruf" für mehr "Aufsicht und mehr Kontrolle" über die Finanzmärkte.

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Der Ex-Wirecard-Vorstand Jan Marsalek soll unter russischer Geheimdienstaufsicht stehen. Die Opposition kritisiert die Bundesregierung.

Berlin. Der flüchtige Ex-Wirecard-Vorstand Jan Marsalek hat sich wohl nach Russland abgesetzt. Der seit Wochen untergetauchte Manager sei auf einem Anwesen westlich von Moskau unter Aufsicht des russischen Militärgeheimdienstes GRU untergebracht, berichtet das „Handelsblatt“ unter Berufung auf Unternehmer-, Justiz- und Diplomatenkreise. Zuvor habe Marsalek erhebliche Summen in Form von Bitcoins aus Dubai nach Russland geschafft.

Wirecard hatte im Juni eingestanden, dass in der Jahresbilanz des Unternehmens 1,9 Milliarden Euro fehlen und das Geld vermutlich gar nicht existiert. Daraufhin stürzte der Börsenkurs des Dax-Konzerns ab und das Unternehmen meldete Insolvenz an. Die Staatsanwaltschaft München I ermittelt in dem brisanten Fall.

Ex-Wirecard-Vorstand in Russland wohl unter Geheimdienstaufsicht

Das „Handelsblatt“ berichtete unter Berufung auf die Investigativ-Plattform Bellingcat, Marsalek sei noch am Tag seiner Freistellung von Klagenfurt über die estnische Hauptstadt Tallin ins weißrussische Minsk geflogen. Wegen des politischen Konflikts zwischen der russischen Führung und Weißrusslands Staatschef Alexander Lukaschenko sei es dem Militärgeheimdienst GRU zu riskant gewesen, Marsalek im Nachbarland zu belassen. Deshalb sei er weiter nach Russland gebracht worden.

Der „Spiegel“ hatte zuvor berichtet, Marsalek könnte sich in Belarus oder Russland aufhalten. Im russischen Ein- und Ausreiseregister, das auch das benachbarte Belarus umfasse, sei für Marsalek eine Eintragung nur Stunden nach seiner Freistellung bei Wirecard zu finden. Demnach sei Marsalek über den Flughafen der Hauptstadt Minsk eingereist. Eine Wiederausreise Marsaleks wurde laut „Spiegel“ bislang nicht verzeichnet.

Bundesregierung gerät wegen Wirecard unter Druck

Wegen des Skandals gerät die Bundesregierung zunehmend unter Druck durch die Opposition. Die Obleute der Bundestagsfraktionen im Finanzausschuss beraten an diesem Montag über eine mögliche Sondersitzung.

Wie zuerst der „Spiegel“ berichtete, hatte das Bundeskanzleramt sich im Herbst 2019 rund um eine China-Reise von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) für den Zahlungsabwickler eingesetzt – auch die Kanzlerin selbst war involviert. Scholz war einem Berichts seines Ministeriums zufolge schon seit dem 19. Februar 2019 darüber informiert, dass die Finanzaufsichtsbehörde Bafin den Fall Wirecard „wegen des Verdachts des Verstoßes gegen das Verbot der Marktmanipulation“ untersucht.

Die Linke fordert einen parlamentarischen Untersuchungssausschuss. FDP und Grüne drohen ebenfalls damit, falls die Bundesregierung nicht ausreichend zur Aufklärung beiträgt. Die AfD-Fraktion äußerte sich am Wochenende auf Anfrage nicht dazu.

Wirecard: FDP-Chef Christian Lindner fordert Konsequenzen

FDP-Chef Christian Lindner sagte der „Passauer Neuen Presse“, die FDP sei „nur noch einen Schritt von der Forderung eines Untersuchungsausschusses entfernt“. Es sei ein immenser Schaden für viele Kleinanleger und den Finanzplatz Deutschland entstanden. „Das muss Konsequenzen haben.“

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(afp/dpa)