Corona

Kopfkino: Hamburger schicken den Urlaub auf die Ohren

| Lesedauer: 6 Minuten
Hanna-Lotte Mikuteit
Ben von der Recke (v. l.), Lucas Kochbeck und Tim Stölken sind drei der vier Ohrlaub-Macher.

Ben von der Recke (v. l.), Lucas Kochbeck und Tim Stölken sind drei der vier Ohrlaub-Macher.

Foto: Marcelo Hernandez

Mit den Klängen von Meer, Regenwald oder Städten macht Ohrlaub das (gedankliche) Reisen auch in Corona-Zeiten möglich.

Hamburg.  Ein Klick, Kopfhörer auf, Augen zu – und die Reise geht los: Wellenrauschen, Kinderlachen, ein Ball trifft auf den Sand. Dazwischen streift der Wind sanft, aber gut hörbar, über dem Wasser. So klingt Urlaub. Die Bilder von Strand, Meer und Sonne entstehen ganz automatisch im Kopf. Ostsee, Mallorca, Kalifornien. Erinnerungen an die Ferienziele vergangener Jahre.

„Wir haben uns überlegt, wenn man in Corona-Zeiten nicht unbeschwert oder auch gar nicht verreisen kann, holen wir den Urlaub eben auf die Ohren“, sagt Tim Stölken. Der Hamburger ist einer von vier Gründern eines Streaming-Dienstes für Hörreisen. Ohrlaub haben sie ihre Geschäftsidee genannt. Inzwischen sind ein gutes Dutzend akustische Kurzurlaube online.

Urlaub zum Hören entsteht in einem Eimsbüttler Hinterhof

Ein Studio in einem stillen Eimsbüttler Hinterhof. Man hört das Zwitschern der Vögel, das Rascheln der Blätter, wenn ein Eichhörnchen durch den Baum hüpft. Ab und zu ein Auto vom Eppendorfer Weg. Hier arbeitet Lucas Kochbeck (37). Er ist Schlagzeuger, Komponist und Musikproduzent.

Nebenan haben Webdesigner Ben von der Recke (43) und Werber Tim Stölken (52) Büros gemietet. Vierter im Ohrlaub-Team ist Filmkomponist Boris Salchow (43), der meist in Los Angeles lebt. Schon vor zwei Jahren hatte das Quartett die Idee, Klänge zu Hörerlebnissen zu komponieren. „Wir wollten das für Entspannungstrainings nutzen“, sagt Stölken, der auch als Yoga-Lehrer arbeitet.

In der Corona-Krise wurde die Idee zum Projekt

Der Corona-Lockdown brachte neuen Schwung in das Projekt. Einerseits, weil Aufträge weggebrochen waren und Zeit dafür war. Aber auch weil sie selbst in Hamburg festsaßen. „Wir sind alle immer ziemlich viel unterwegs, und dann ging plötzlich nichts mehr“, sagt Ben von der Recke. „Das war eine Vollbremsung.“ So wie ihnen, sagen die Ohrlaub-Macher, gehe es vielen Fernwehgeplagten. Die Zielgruppe für ihre digitalen Hörerlebnisse sei deutlich gewachsen.

Zuständig für den Sound ist Lucas Kochbeck. Von ihm stammt die Idee, sogenannte binautrale Tonaufnahmen zu nutzen. Binautral kommt aus dem Lateinischen und bedeutet „mit beiden Ohren“. Die Technik gibt es seit den 1970er- Jahren. Dabei wird mit Mikrofonen, die direkt am Ohr sitzen, eine Art Panorama-Klang erzeugt. Andere nennen es 3-D-Sound. „Die Aufnahmetechnik wurde für Musik und Hörspiele eingesetzt, aber ist dann in Vergessenheit geraten“, sagt Musikproduzent Kochbeck. Denn: Der räumliche Sinneseindruck entfaltet sich am besten über Kopfhörer.

Die aber seien vor 50 Jahren noch nicht so gebräuchlich gewesen. Inzwischen gehören sie für viele zur Alltagsausstattung. Binautrale Klänge werden heute vor allem für Entspannungstrainings etwa zum Einschlafen eingesetzt. „Darüber ist es auch für uns interessant geworden“, sagt Lucas Kochbeck, der unter anderem die Musik für einen Dokumentarfilm über den Maler Neo Rauch mitkomponiert hat.

Malibu, Teutoburger Wald, Marakesch

Die erste Hörreise sollte eine Paddeltour durch die Alsterkanäle werden. Aber die Jagd nach dem guten Ton wurde zum Flop. „Als wir uns die Aufnahme angehört haben, haben wir gemerkt, dass der Geräuschpegel im Hintergrund unglaublich hoch war“, sagt von der Recke. Inzwischen haben die vier eine Menge Erfahrungen gesammelt. Es gibt Sounds vom Strand in Malibu, einem Spaziergang im Teutoburger Wald, einer Fahrt durch Manhattan, einem Segeltörn durch die Karibik und einem Besuch auf einem Markt in Marrakesch.

Lucas Kochbeck hat daraus in seinem Studio Klangcollagen gemacht. „Unsere Kurzurlaube für zwischendurch sind für alle, die für ein paar Minuten der täglichen Routine entfliehen möchten“, sagt Stölken. Und für die, die Reiseziele rund um die Welt, die im Augenblick unerreichbar sind, zumindest akustisch erleben wollen.

14 Hör-Urlaube können derzeit kostenlos abgerufen werden

In der Startphase ist das Angebot kostenlos. Wer auf ohrlaub.com virtuell verreisen möchte, muss sich nur registrieren und hat dann Zugriff auf 14 Hörurlaube mit einer Länge von je fünf bis acht Minuten. Die ersten Hörer sind angetan. „Endlich CO2-frei reisen“, schreibt einer. „Die besonderen Klangwelten bringen mir oft Gänsehautmomente“, eine andere.

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„Ziel ist, alle ein bis zwei Wochen eine neue Reise zu veröffentlichen“, sagt Kochbeck. Geplant sind eine Safari in Kenia, Skifahren in Finnland, eine Städtereise durch Neu Delhi. Demnächst soll Ohrlaub dann auch über ein Premiummodell Geld einbringen – bei einem Monatsbeitrag zwischen vier und fünf Euro – und die Hörerlebnisse länger und exklusiver sein. „Wir stellen uns vor, dass eine Community wächst, die sich austauscht und Wünsche für Reiseziele äußern kann“, sagt Tim Stölken.

Fahrt durch die Alsterkanäle hilft gegen Hamburg-Heimweh

Und wie sieht es mit dem Urlaub der Ohrlaub-Macher in diesem Jahr aus?„Es gibt Pläne, aber man weiß natürlich nicht, was wegen Corona möglich ist“, sagt Ben von der Recke, der Ende August mit Familie auf die Balearen reisen will. Wenn das nicht klappt, kann er sich auf Hörreise zum Strand auf Mallorca begeben. Lucas Kochbecks Lieblingsurlaub auf den Ohren ist der Regen, der bei einer Reise in den Regenwald auf das Dach seines Bullis prasselt.

Und Tim Stölken startet am liebsten zu einem Streifzug über eine Bienenwiese auf der Alm. Demnächst wird es dann doch auch eine Kanufahrt auf den Hamburger Alsterkanälen zu hören geben. Die Tour haben sie inzwischen noch mal gemacht und aufgenommen. Für Hamburger auch ein Mittel gegen Heimweh.

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