Hamburg

So steht es um die Autohändler in der Corona-Krise

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Heiner Schmidt
„Wir hatten einen sehr, sehr guten Juni“, sagt Michael Babick, Sprecher der Geschäftsführung der Krüll Motor Company.

„Wir hatten einen sehr, sehr guten Juni“, sagt Michael Babick, Sprecher der Geschäftsführung der Krüll Motor Company.

Foto: Michael Rauhe

In Hamburger Unternehmen liegen die Verkaufszahlen nahe dem Vor-Corona-Niveau. E-Wagen-Prämie hat wenig Auswirkungen.

Hamburg.  Nach der Vollbremsung im Frühjahr hat der Autohandel schneller als erwartet wieder spürbar Fahrt aufgenommen. Die Halbjahresbilanz für den Neuwagenmarkt in Deutschland fällt zwar ernüchternd aus – die gut 1,2 Millionen Erstzulassungen entsprechen einem Rückgang von 35 Prozent gegenüber den beiden ersten Quartalen 2019.

Doch das ist vornehmlich dem zwischen Mitte März und den letzten Apriltagen nahezu zum Stillstand gekommenen Verkäufen geschuldet. Die geringe Zahl von Zulassungen dokumentiert aber eben nur, dass vor drei, vier Monaten kaum Neuwagen verkauft wurden. In den Verkaufsräumen der Autohäuser wird inzwischen jedoch wieder überraschend ordentlich Geschäft gemacht. Viele Händler haben die Corona-Krise zumindest fast schon überwunden.

Denn seitdem die Autohäuser am 20. April ihre gläsernen Showrooms und Ausstellungshallen wieder öffnen durften, werden stetig mehr Verkaufsgespräche geführt und Kaufverträge unterschrieben. „Die Zahlen gehen Woche für Woche ein kleines Stück bergauf“, beschreibt Geschäftsführer Björn Böttcher die Lage in den sieben Niederlassungen des Autohauses Dello in Hamburg und seinen Randgemeinden. Dort werden vornehmlich Autos von Opel und Kia, aber auch Mazda, Toyota, Honda verkauft.

Branchenverband: Autohäuser sind „wieder auf Flughöhe“

In den gut fünf Wochen im März und April sah es damit wirklich düster aus. „Das Neuwagengeschäft war praktisch gleich null. Es gab nur einige wenige Abschlüsse mit Firmenkunden“, sagt Böttcher. In den Hamburger Niederlassungen der Krüll Motor Company mit den Hauptmarken Ford und Volvo sowie Citroen war das ebenso.

Michael Babick, der Sprecher der Geschäftsführung, schätzt die Verkaufszahlen in den Lockdown-Wochen auf „allenfalls fünf Prozent“. Bei Krüll arbeitete man sich über erst 30, dann 70 Prozent der üblichen Verkäufe nach oben. Nun sagt Babick: „Wir hatten einen sehr, sehr guten Juni.“ Und das meint er nicht im Vergleich zum Vormonat Mai, sondern zum Juni 2019.

Babick sieht den Absatz bei Krüll bereits wieder auf Vor-Corona-Niveau. Sein Kollege Böttcher sagt, Dello sei derzeit „bei etwa 80 Prozent“. Damit sind die beiden Hamburger Händler keineswegs allein. Nach Einschätzung von Thomas Peckruhn, dem Vizepräsidenten des branchenweiten Zentralverbands Deutsches Kraftfahrzeuggewerbe, haben sich die Auftragseingänge bei der Mehrzahl der Händler deutlich stabilisiert. „Viele Kollegen sagen: Wir sind wieder auf Flughöhe“, weiß Peckruhn, der selbst Skoda-Händler ist.

Rabattaktionen locken Kunden an

Befeuert wird das Kundeninteresse durch großzügig bemessene Preisnachlässe und Rabattversprechen wie: „Bei uns sparen Sie die gesamte Mehrwertsteuer“ und „Jetzt bis zu 15.000 Euro Kaufprämie sichern“. Die Aktionen starteten teils bereits Wochen vor der vorübergehenden Senkung des Steuersatzes um drei Prozentpunkte auf 16 Prozent am 1. Juli.

Unter anderem Nissan, Renault, Seat, VW und Opel hätten angekündigt, die Mehrwertsteuer ganz auszusetzen, hat der Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer ermittelt. Bei Volkswagen bleiben damit im Vergleich zum Frühjahr unter dem Strich noch 17 Prozent Preisvorteil. Die Marke hatte Ende April die Listenpreise für viele Modelle um zwei Prozent angehoben.

Dudenhöffer ist überzeugt, dass viele Hersteller die absehbare Steuersenkung in ihren frühzeitig gestarteten Rabattaktionen bereits berücksichtigt haben. Zudem verbinden viele Hersteller und Händler Finanzierungen und Leasingverträge nun mit einer Art Kreditversicherung für den Fall, dass der Kunde eine Zeit lang die monatliche Rate nicht zahlen kann. Das soll bei Käufern in den Zeiten der weit verbreiteten Kurzarbeit und der Angst vor Jobverlust die Befürchtung dämpfen, sie müssten bei Zahlungsverzug sofort den noch nicht abbezahlten Wagen zurückgeben.

E-Wagen-Prämie schlägt sich nicht in Verkaufszahlen nieder

Nach Ankündigung der Steuersenkung sei das Kundeninteresse noch einmal gestiegen, sagen sowohl Krüll-Chef Babick als auch Dello-Geschäftsführer Böttcher. „Aber der Effekt ist bei Weitem nicht so groß wie bei der Abwrackprämie vor gut zehn Jahren“, hat Babick festgestellt. „Die Besucherzahl in den Verkaufsräumen hat sich bereits wieder normalisiert.“

Die schon Anfang Juni auf bis zu 9000 Euro erhöhte Prämie beim Kauf eines Autos mit Elektro- oder Hybridantrieb schlägt sich dagegen bislang nicht spürbar in den insgesamt steigenden Verkaufszahlen nieder. Das belegen die Statistiken des für die Auszahlung zuständigen Bundesamts für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle. Dort gingen im Juni knapp 8250 Prämienanträge ein. Das waren nur etwa 500 mehr als im Mai. Bis Ende vergangener Woche summierte sich die Zahl der Anträge auf knapp 12.800 – 265 davon kamen aus Hamburg.

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Corona-Effekt: Interesse an Gebrauchtwagen steigt

Das Interesse potenzieller Käufer an E-Autos aber sei merklich gestiegen, heißt es in beiden Autohäusern. „Es wird jetzt häufiger und auch intensiver nachgefragt. Die Entscheidung fällt dann aber doch fast immer für den Verbrenner“, sagt Krüll-Chef Babick.

Sein Dello-Kollege Böttcher hört genau das auch von seinen Verkäufern. Die Auto-Vermittlungsportale Carwow und Meinauto berichten ebenfalls von einem stark gestiegenen Interesse an den Stromern. Die Zahl der Anfragen für E-Autos, so die Online-Neuwagenvermittler, hätte sich im Juni gegenüber dem Mai fast verdoppelt.

Und noch ein Corona-Effekt stellte sich bei beiden großen Händlern ein: Früher als bei den Neuwagen zogen die Verkäufe von Gebrauchten an. Bei Dello waren dabei insbesondere kleinere Modelle gefragt, klassische Stadtautos. „Oft haben Kunden gesagt, dass sie vorübergehend einen Zweitwagen anschaffen möchten“, berichtet Geschäftsführer Böttcher.

Und auch über den Grund für die Anschaffung wurde ganz offen geredet: Im eigenen Auto sei das Ansteckungsrisiko auf dem Weg zur Arbeit nun mal geringer als in Bus und Bahn. Gut möglich also, dass das Virus in Hamburg auch noch den Autoverkehr anschwellen lässt.

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