Tourismus

Griechenland lockt Urlauber mit Sparpreisen

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Volker Mester
Urlaub im Ausland trotz Corona: Griechenland – das Foto zeigt das Dorf Oia auf der Insel Santorin – gilt in der Corona-Krise als vergleichsweise sicheres Reiseland mit niedrigeren Preisen als im Vorjahr.

Urlaub im Ausland trotz Corona: Griechenland – das Foto zeigt das Dorf Oia auf der Insel Santorin – gilt in der Corona-Krise als vergleichsweise sicheres Reiseland mit niedrigeren Preisen als im Vorjahr.

Foto: ARIS MESSINIS / AFP

Reisen an Nord- und Ostsee sind derweil besonders teuer. Bei Hamburger Reisebüros ziehen Buchungen nur schwach an.

Hamburg. Zumindest das Stimmungsbild hat sich zu Beginn der Hamburger Feriensaison verbessert: „Im Vergleich zum April hat sich die Reiselaune der Kunden deutlich aufgehellt“, sagt Christian Müller, Geschäftsführer von CM Reisen in Heimfeld. Doch zählt man die tatsächlichen Urlaubsbuchungen, kann von einem Aufholen der Einbußen wegen des coronabedingten Stillstands längst nicht die Rede sein: „Was unsere Umsätze angeht, sind wir aber noch Lichtjahre vom Niveau der vergangenen Jahre entfernt – im Moment liegen wir bei einem kleinen Bruchteil der Erlöse des vergleichbaren Vorjahreszeitraums“, sagt Müller.

Florian Kruse, Chef des Barmbeker Reisebüros Adventure Tours, macht die gleichen Erfahrungen: „Die Erholung der Buchungen gleicht noch einem ganz zarten, empfindlichen Sproß. Wenn wir sonst vier Reise- oder Flugbuchungen pro Tag hatten, sind es jetzt in zwei Wochen so viele.“

Reisewarnung für EU aufgehoben

Zwar hat das Auswärtige Amt die zunächst weltweite Reisewarnung für die meisten Mitgliedsstaaten der Europä­ischen Union (EU) zum 15. Juni aufgehoben. „Aber die Deutschen sind ausgesprochen sicherheitsbewusst“, sagt Klaus-Peter Sydow, Inhaber eines Reisebüros in Altona. „Die Verunsicherung ist immer noch sehr groß.“

Gut die Hälfte der Deutschen wollen die Sommerferien voraussichtlich zu Hause verbringen, in Hamburg sind es laut einer aktuellen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov im Auftrag der DEVK Versicherungen sogar 60 Prozent. Im eigenen Land wollen 17 Prozent der befragten Hamburger Urlaub machen. Das sei aber „sehr teuer“, merkt Sydow an.

Null Schnäppchen bei Urlaub an Nord- und Ostsee

„Es gibt sehr viele Anfragen nach Urlaub an der Nord- und Ostsee, aber Schnäppchen sind da natürlich nicht im Angebot“, sagt Kruse dazu: „Die wenigen klassischen Auslandsferienreisen, die wir für den Sommer verkaufen können, betreffen die griechischen Inseln, Mallorca und vereinzelt Bulgarien.“

Im Reisebüro von Christian Müller haben die Kunden ganz ähnliche Präferenzen: „Unter den Buchungen bei uns sind ein paar Flüge nach Italien und Spanien, das läuft einigermaßen. Mehr als die Hälfte der Auslandsferienreisen geht aber nach Griechenland. Das liegt an den sehr attraktiven Preisen dort.“ Ein zweiwöchiger exklusiver Ferienhausurlaub für vier Personen, der sonst 6000 Euro gekostet hätte, könne jetzt schon für rund 3000 Euro gebucht werden. Klaus-Peter Sydow bestätigt das: „Anders als in Spanien gehen die Preise zum Beispiel auf Kreta absolut in Ordnung, wenn man die insgesamt eher schwache Nachfrage bedenkt.“

Noch eine Erholung in der Reisebranche in Sicht

Auch der Deutsche Reiseverband (DRV), in dem Agenturen und Veranstalter organisiert sind, räumt ein, dass von einer Erholung in der Branche noch lange nicht gesprochen werden kann. Immerhin gebe es erste Anzeichen einer Normalisierung: „Wurde vor rund vier Wochen noch fast ausschließlich Deutschlandurlaub gebucht, verlagert sich das Interesse nun zusätzlich in Richtung Flugreisen ans Mittelmeer.“

Laut einer Auswertung von Daten aus 2000 deutschen Reisebüros durch das Marktforschungsunternehmen TDA Travel Intelligence betrafen 26 Prozent der jüngsten Neubuchungen die Balearen und Kanaren (zusammen 26 Prozent), gefolgt von Deutschland (25 Prozent) und Griechenland (21 Prozent). Allerdings machten die aktuellen Buchungseingänge nur etwa ein Viertel des Vorjahresumfangs aus. Der DRV rechnet daher mit einer Umsatzlücke in der deutschen Reisewirtschaft von rund 20 Milliarden Euro bis Ende August.

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„Wir haben zwar gerade unsere Öffnungszeiten wieder ausgeweitet, aber unser Team von neun Personen ist nach wie vor in Kurzarbeit“, sagt Müller. „Wir haben die Geschäftsführergehälter drastisch gekürzt und leben vom Eingemachten. Entwarnung können wir noch nicht geben.“ Belastend wirkt jedoch nicht nur der erhebliche Umsatzrückgang.

Hinzu kommt sogar noch erhebliche Mehrarbeit für die Bewältigung der Krise: „Wir arbeiten seit März in großem Umfang ohne Gegenleistung für Fluggesellschaften und Reiseveranstalter, indem wir die Formalitäten aus Umbuchungen und Streichungen zusammen mit unseren Kunden erledigen“, erklärt Kruse. „Aber etliche der Kunden, deren Reisen abgesagt werden mussten, warten noch immer auf ihr Geld.“

Reisebranche klagt über Gegenwind aus der Politik

In der Branche klagt man zudem über Gegenwind aus der Politik. „Ein wesentlicher Grund für die Zurückhaltung der Kunden ist die Aussage von Bundesaußenminister Heiko Maass, es werde keine zweite Rückholaktion von Deutschen aus dem Ausland geben“, so Kruse. „Dabei wären davon ja nur Individualreisende betroffen, denn für Pauschalreisende sichert der Veranstalter die Rückreise ab.“

Darüber hinaus geht das Auswärtige Amt nach Einschätzung von Sydow „zu pauschal“ vor, wenn man für 160 Staaten die Reisewarnung aufrecht erhält, ohne die tatsächliche Infektionssituation innerhalb dieser Länder zu berücksichtigen. „Das betrifft sehr wichtige Reiseländer wie die Türkei, Tunesien und Ägypten“, sagt Sydow. „Hamburger Familien, die seit Jahren immer in der Türkei Urlaub gemacht haben, fahren jetzt nicht einfach nach Spanien.“

Jedenfalls seien die Zukunftsper­spektiven für Reisebüros „extrem dunkel“, wenn die Buchungstätigkeit allgemein nicht bald deutlich anziehe, fürchtet Kruse. Sein Kollege Müller hofft zumindest auf einen „echt starken Herbst“, um den Schaden noch begrenzen zu können: „Wenn wir bis Jahresende auf 70 bis 80 Prozent der Erlöse des Vorjahres kämen, wären wir glücklich.“

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