Corona-Krise

Hamburger Experten erwarten Firmenpleitewelle

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Volker Mester
Ein Antrag auf Eröffnung eines Insolvenzverfahrens (Symbolbild). Experten gehen davon aus, dass durch die Corona-Krise viele Unternehmen Insolvenz anmelden müssen.

Ein Antrag auf Eröffnung eines Insolvenzverfahrens (Symbolbild). Experten gehen davon aus, dass durch die Corona-Krise viele Unternehmen Insolvenz anmelden müssen.

Foto: picture-alliance

Im ersten Halbjahr ist die Zahl der Fälle zwar gesunken. Wirtschaftsinformationsdienst prognostiziert einen deutlichen Anstieg.

Hamburg.  Auf den ersten Blick wirkt die Zahl überraschend: Deutschland befindet sich in der schwersten Wirtschaftskrise der Nachkriegszeit, doch in Hamburg haben die Firmeninsolvenzen im ersten Halbjahr 2020 um knapp ein Viertel gegenüber dem Vorjahreszeitraum auf nur 289 Fälle abgenommen. Nach Einschätzung des Hamburger Wirtschaftsinformationsdienstes CrifBürgel kommt das dicke Ende allerdings noch später – für das Gesamtjahr erwarten die Experten rund 1045 Firmenpleiten in der Hansestadt.

Das wäre ein Anstieg um 40 Prozent im Vergleich zu 2019. Außerdem wären dies mehr Insolvenzfälle als im Jahr 2009 (992) als Folge der Finanzkrise. Vor allem für die Tourismus-, Gastronomie- und Veranstaltungsbranche erwarten die Bonitätsprüfer deutlich mehr Unternehmenszusammenbrüche. „Die Insolvenzwelle wird auch noch ins Jahr 2021 hineinreichen“, sagt CrifBürgel-Geschäftsführer Frank Schlein.

Rückgang der Firmenpleiten

Auch bundesweit gab es in den ersten sechs Monaten 2020 einen Rückgang der Firmenpleiten. Nach Angaben der Wirtschaftsauskunftei Creditreform verringerte sich die Zahl der Fälle um 8,2 Prozent auf 8900. „Das Insolvenzgeschehen als Seismograf der ökonomischen Entwicklung hat sich damit von der tatsächlichen Situation der deutschen Unternehmen entkoppelt“, heißt es dazu von Creditreform. Verantwortlich dafür seien wohl vor allem die staatlichen Unterstützungsmaßnahmen in der aktuellen Krise sowie die vorübergehende Aussetzung der Insolvenzantragspflicht bis Ende September.

Infolge dieser Maßnahmen seien offenbar jedoch auch solche Unternehmen „vorläufig der Insolvenz entgangen“, die ohne die Corona-Krise den Gang zum Insolvenzgericht angetreten hätten, vermuten die Creditreform-Experten: „Hier hat es möglicherweise unerwünschte Mitnahmeeffekte gegeben.“ Zudem sei „bei zahlreichen Insolvenzgerichten die Arbeitsproduktivität coronabedingt zurückgegangen“, was zu erheblichen Bearbeitungsrückständen geführt habe, heißt es von Creditreform. Auch dieser Umstand dürfte zu dem Rückgang der Insolvenzverfahren im ersten Halbjahr beigetragen haben. Sobald Ende September die Aussetzung der Insolvenzantragspflicht auslaufe, werde sich voraussichtlich „die Zahl der Verfahren erheblich erhöhen“.

Großteil der staatlichen Corona-Hilfen sind Darlehen

Bei CrifBürgel weist man außerdem darauf hin, dass es sich bei einem Großteil der staatlichen Corona-Hilfen um Darlehen handelt – „also um Schulden, die irgendwann zurückgezahlt werden müssen.“ Dabei stelle sich die Frage, wie selbst bislang erfolgreiche Firmen, die aber aufgrund ihres Geschäftsmodells wenig Gewinn erwirtschafteten und eher geringe Rücklagen aufgebaut hätten, zusätzliche Kredite abbezahlen sollen.

Zwar ist im ersten Halbjahr die Zahl der Firmenpleiten gesunken, nicht aber der dadurch verursachte Schaden. Die Gläubigerschäden betrugen laut Credit­reform bundesweit rund 12,0 Milliarden Euro: „Das ist der höchste Wert der vergangenen Jahre und hängt mit der Zunahme von größeren Unternehmenspleiten zusammen.“ So musste die Warenhauskette Galeria Karstadt Kaufhof ein sogenanntes Schutzschirmverfahren beantragen. Andere bekannte Firmen, die den Gang zum Insolvenzgericht antreten mussten, sind der Textilhändler AppelrathCüpper, der Modehersteller Esprit und die Restaurantkette Vapiano.

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