Nach Corona-Schließung

Termin für die Fahrprüfung in Hamburg? Das kann dauern!

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Hanna-Lotte Mikuteit
Hände desinfizieren, Plastiktüte über den Schaltknüppel und Mundschutz anlegen. Erst dann dürfen Fahrlehrer Michael Witt und seine Schülerin Lena Walter starten.

Hände desinfizieren, Plastiktüte über den Schaltknüppel und Mundschutz anlegen. Erst dann dürfen Fahrlehrer Michael Witt und seine Schülerin Lena Walter starten.

Foto: Michael Rauhe / Michael Rauhe / FUNKE Foto Services

Fahrschulen waren wegen der Corona-Pandemie sieben Wochen geschlossen. Wie ein Fahrlehrer den Neustart organisiert.

Hamburg. Es ist immer noch gewöhnungsbedürftig. Bevor Lena Walter an diesem Vormittag ihre Fahrstunde beginnt, muss sie sich die Hände desinfizieren. Die 17-Jährige schiebt ihre schwarze Stoffmaske vor das Gesicht, dann kann sie ins Auto steigen. Neben ihr in dem weißen Audi Q5 stülpt Fahrlehrer Michael Witt, natürlich auch mit Mund-Nasen-Schutz, schnell noch eine neue Plastiktüte über den Schaltknüppel. Eine weitere Schutzmaßnahme in Corona-Zeiten.

Lena Walter startet den Motor und rollt langsam von der Auffahrt der Fahrschule in Duvenstedt. „Ich bin einfach froh, dass ich endlich weiterkomme mit meinem Führerschein“, hat sie vorher gesagt. Jetzt muss sie sich aufs Fahren konzentrieren. Anfang des Jahres hatte die Gymnasiastin mit dem Unterricht angefangen, deutlich vor den Sommerferien wollte sie ihren Führerschein haben. Dann kam der Lockdown. Der Termin für die theoretische Prüfung im März wurde abgesagt. Praktischer Unterricht? Fast zwei Monate lang unmöglich.

In die Fahrschule dürfen statt 25 jetzt zehn Fahrschüler kommen

Inzwischen läuft der Betrieb wieder – mit Einschränkungen. „Wir müssen sehen, wie wir das hinbekommen“, sagt Michael Witt. Er meint die Hygieneauflagen, aber nicht nur. „Durch die Schließungsphase haben sich die Fahrschüler aufgestaut. Jetzt rennen sie uns die Bude ein.“ Der 55-Jährige steht in den Räumen seiner Fahrschule AM am Rande des Duvenstedter Ortskerns. Es gibt eine Magnettafel mit Verkehrsschildern und eine Ampel, die nachts leuchtet.

An der Wand hängen Fotos von Absolventen. Darunter liegen in einem Regal Motorradhelme und Nierengurte. Die Stühle für den Theorieunterricht hat Witt weit auseinandergestellt. Statt 25 Schülern dürfen jetzt maximal zehn zeitgleich in die Stunden kommen. „Wir bieten zusätzliche Termine an“, sagt er. Normalerweise bringt Witt mit acht Fahrlehrern im Jahr etwa 400 Fahrschüler an den drei Standorten der Firma zum Führerschein. Das wird dieses Jahr wohl nicht klappen.

„Rechts abbiegen“, sagt Fahrlehrer Witt, als er mit Lena Walter durch eine ruhige Wohnstraße in Duvenstedt fährt. „Und Blinken nicht vergessen.“ Endlich kann er wieder Fahrunterricht geben. In den vergangenen Wochen war er vor allem damit beschäftigt, am Telefon Fragen zu beantworten, Fahrschüler zu beruhigen und zu informieren.

Eltern haben Kinder aus Angst nicht in die Fahrschule geschickt

Schon Anfang März habe es die ersten Terminabsagen gegeben. „Viele Eltern haben ihre Kinder aus Angst vor einer Ansteckung zu Hause behalten“, erzählt Witt, der auch stellvertretender Vorsitzender des Hamburger Fahrlehrerverbands ist. Eine komplizierte Situation für die kleine Firma und viele seiner Kollegen. Die Termine brachen weg, gleichzeitig liefen die Kosten weiter. Deshalb haben die Fahrlehrer damals Druck auf den Senat gemacht, den Betrieb per Verordnung zu untersagen. Die Allgemeinverfügung kam zum 25. März.

„Erst dann konnte ich Kurzarbeit beantragen“, sagt Witt. Die Personalkosten fielen erst mal weg. Weiterbezahlen musste er Miete und Leasingraten für seine Fahrschulwagen und das Motorrad – immerhin 10.000 Euro im Monat. Bei null Einnahmen. Der Unternehmer hat ausgerechnet, dass er in den Monaten März, April und Mai etwa 50.000 Euro Umsatz verloren hat. „Ich hatte Reserven, aber im April waren sie fast aufgebraucht. Ich bin nur dank der Soforthilfe des Senats über die Runden gekommen“, sagt er. 20.000 Euro Zuschuss hat er bekommen. Parallel zu den wirtschaftlichen Sorgen läutete das Telefon weiter. Jetzt wollten die Schüler wissen, wann es wieder losgeht mit dem Fahrunterricht. Damit sie bei der Stange bleiben, hat er Lerntipps gegeben und auf digitale Lehrmaterialien verwiesen.

Andrang ist seit der Wiedereröffnung groß

Seit die Fahrschule in Duvenstedt am 13. Mai wieder geöffnet hat, ist der Andrang groß. Lena Walter hat als eine der Ersten ihre Theorieprüfung gemacht – und sofort bestanden. Sie hatte ja viel Zeit zum Lernen. Inzwischen hat sie acht Fahrstunden absolviert. Aber wann sie ihre Fahrprüfung ablegen kann, ist völlig offen. „Es gibt im Moment zu wenige Prüftermine für die 170 Fahrschulen in Hamburg und lange Wartezeiten“, sagt die Vorsitzende des Fahrlehrerverbands Hamburg, Sabine Darjus.

Auch Fahrlehrer Witt hat die Erfahrung gemacht, dass es sehr schwierig ist. „Wenn 50 Termine im Internet freigeschaltet werden, sind die innerhalb von wenigen Minuten weg.“ Gerade 20 Fahrprüfungen hat sein Betrieb seit der Wiedereröffnung durchführen können. 15 Prüflinge hat er aktuell auf der Warteliste – und es kommen laufend neue dazu. Aus seiner Sicht werden zu wenige Fahrprüfer eingesetzt. Zudem fordert er, dass in Hamburg das Anmeldeverfahren ähnlich wie in Schleswig-Holstein vereinfacht wird.

Im Handschuhfach liegen Masken für den Notfall

Hero Wilters vom TÜV Hanse weist die Kritik zurück. „Wir haben nicht weniger Fahrprüfer im Einsatz“, sagt der Geschäftsführer der Prüfstelle. Aber eben auch nicht mehr. Nach seinen Schätzungen konnten wegen der coronabedingten Schließung etwa 6000 Fahrprüfungen in Hamburg nicht abgenommen werden. Dieser Überhang müsse mit dem vorhandenen Personal abgearbeitet werden – parallel zu den neuen Absolventen. Wegen der Feiertage im Mai und Anfang Juni seien zudem Prüftage weggefallen.

Dazu kommt, dass bei den theoretischen Prüfungen im Moment wegen der Abstandsregeln nur 17 statt 25 Prüflinge zugelassen sind. Und auch bei den praktischen Prüfungen sind die Abläufe eingeschränkt. So können bisherige Wechselpunkte außerhalb der TÜV Servicecenter, an denen Fahrschüler umsteigen konnten, aufgrund der Hygienevorschriften nicht mehr angefahren werden. Wilters hofft, dass sich die Situation einspielt. „Wir streben an, dass wir mehr als 800 Prüfungen in der Woche abnehmen und die Nichtbestehensquoten weiter ansteigen.“

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Aus Sicht von Sabine Darjus vom Fahrlehrerverband sind die Auswirkungen der Corona-Krise für die Branche noch nicht abzusehen. Anfang Mai hatten die Fahrlehrer noch mal protestiert – dieses Mal für schnellere Lockerungen. „Die Frisur sitzt, aber der Führerschein hängt in der Luft“ stand auf einem Wagen, der sich an einem Autokorso um die Binnenalster beteiligt hatte. Laut einer Umfrage sahen sich zu dem Zeitpunkt bundesweit 30 Prozent der Fahrschulen trotz staatlicher Hilfen in ihrer Existenz stark gefährdet. Auch in Hamburg, so die Befürchtung des Verbands, würden viele Betriebe diese Zeit nicht überstehen. Pleiten gibt es aber noch nicht. „Wir haben keine Informationen, dass Fahrschulen geschlossen haben“, sagt Darjus.

Fahrstunden und Fahrprüfungen sind auch Nervensache

Michael Witt versucht sich und seine Schüler möglichst geschmeidig durch die Corona-Zeit zu bringen. Fahrstunden und Fahrprüfungen sind ja immer auch Nervensache. „Die Vorschriften machen schon viel Aufwand“, sagt er. Nach jeder Fahrstunde müssen er und seine Kollegen alle Flächen in den Fahrschulwagen desinfizieren. Die Autos müssen laufend belüftet werden. Im Handschuhfach hat er für Notfälle einen Packen Masken mit Werbeaufdruck liegen. „Eigentlich müsste ich die Preise erhöhen“, sagt der Unternehmer.

Aber er hat jetzt erst mal beschlossen, wegen der geplanten Mehrwertsteuersenkung von 19 auf 16 Prozent ab Juli darauf zu verzichten. Während Fahrschülerin Lena Walter darauf hoffen kann, dass sie trotz Corona-Krise irgendwann in diesem Sommer ihren Führerschein hat, dürfte die Pandemie den Fahrschulbetreiber noch lange beschäftigen. „Ende des Jahres“, sagt Michael Witt, „habe ich einen Überblick, welche Einbußen ich letztlich hatte.“ Um die Rücklagen wieder aufzubauen, rechnet er mit mehreren Jahren. Und das allerdings auch nur dann, wenn es keine zweite Infektionswelle gibt.

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