Schiffbau-Coup

Hamburger Werft will Flensburger Konkurrenten FSG kaufen

Natallia Dean, Chefin der Hamburger Werft Pella Sietas, zur geplanten Übernahme der Flensburger Schiffbau-Gesellschaft (FSG): "Wenn der Kauf zustandekommt, sind wir die bedeutende Werft für den zivilen Schiffbau in Hamburg."

Natallia Dean, Chefin der Hamburger Werft Pella Sietas, zur geplanten Übernahme der Flensburger Schiffbau-Gesellschaft (FSG): "Wenn der Kauf zustandekommt, sind wir die bedeutende Werft für den zivilen Schiffbau in Hamburg."

Foto: Roland Magunia / Roland Magunia/Funke Foto Services

Pella Sietas spricht von einem idealen Partner. Wirtschaftssenator ist in Gespräche eingebunden. Eines ist ihm besonders wichtig.

Hamburg. In der deutschen Schiffbaubranche schreitet die Konsolidierung voran. Nachdem vor wenigen Wochen die Werftengruppen Lürssen in Bremen und German Naval Yards in Kiel Fusionsgespräche zur Schaffung einer neuen norddeutschen Großwerft für den Bau von Marineschiffen angekündigt haben, soll es nun im zivilen Schiffbau zu einem Zusammenschluss kommen: Hauptbeteiligter ist die Hamburger Pella Sietas Werft. Diese gab am Donnerstag bekannt, ihren Konkurrenten, die Flensburger Schiffbau-Gesellschaft (FSG) übernehmen zu wollen. Darüber seien die Mitarbeiter am Mittag informiert worden.

Hamburger Werft Pella Sietas will FSG kaufen

Das Besondere an diesem Zusammenschluss: Der kleinere Partner will den größeren schlucken. Die Pella Sietas hat in Hamburg 300 Mitarbeiter, die FSG 650. Aber auch das ist bezeichnend für die Branche: Der gesündere von beiden übernimmt den Schwerkranken, denn die FSG ist Ende April in die Insolvenz gerutscht, obwohl sie durchaus Aufträge hat. Die meisten FSG-Mitarbeiter sind derzeit in Kurzarbeit. Obgleich mit der „Honfleur“ eine Fähre bei der FSG liegt, die dringend fertig ausgerüstet werden soll. Doch Zahlungsprobleme der Schiffbau-Gesellschaft und zusätzlich die Corona-Krise haben vorerst zu einem Baustopp geführt.

Die vom Investor Lars Windhorst übernommene Werft schreibt seit einer Weile rote Zahlen, die sich zu einem Verlust in dreistelliger Millionenhöhe aufgestaut haben. Der Bau großer Passagier-Fähren kostete offenbar mehr Geld, als die Werft dafür bekam.

Die Verbindlichkeiten der Flensburger will die Pella Sietas nicht übernehmen. Sie strebt einen sogenannten Asset Deal an, bei dem Grundstücke, Gebäude, Maschinen und Aufträge gekauft werden. Aus dem erzielten Kauferlös, über dessen mögliche Höhe noch nichts bekannt ist, müsste der Insolvenzverwalter dann die Gläubiger der FSG bedienen.

Pella Sietas mit finanzstarkem strategischen Investor

Trotz des Größenunterschieds gibt es eine Reihe von Merkmalen, die Pella Sietas mit der FSG gemeinsam hat: Beide Werften sind im zivilen Schiffbau tätig. Beide haben Erfahrung im Bau von Fähren. Und auch die Sietas Werft hat eine Insolvenz im Jahr 2011 hinter sich, aus der sie sich wieder herausgearbeitet hat.

Es gibt aber einen wesentlichen Unterschied zwischen den beiden Unternehmen: Pella Sietas hat einen finanzstarken strategischen Investor. Es handelt sich um die russische Pella-Gruppe, die die zuvor angeschlagene Hamburger Werft wieder zum Laufen bekommen hat. Erst hielt sie sich vor allem mit Reparaturaufträgen, wie etwa der Überholung der Hadag-Fähren und mit Fremdarbeiten über Wasser, dann kamen Aufträge zum Bau kleinerer Fähren hinzu. Zudem bestellte der Bund ein großes Baggerschiff, mit dem er die großen Wasserstraßen von Schlick befreien will.

Flensburg bietet Platz und Wasserzugang

Zuletzt vergab die Pella-Gruppe eine 100 Millionen Euro schwere Order zum Bau eines riesigen Eisbrechers für die russischen Behörden nach Hamburg. Zudem die Option, danach einen zweiten Eisbrecher zu bauen. Gute Perspektiven für die Werft in Neuenfelde. Allerdings fehlt dort etwas, das in Flensburg reichlich vorhanden ist: Platz. Die kleine Werft hinter dem Este-Sperrwerk platzt aus allen Nähten. Und solange das Baggerschiff für den Bund noch nicht abgeliefert ist, kann ein weiteres Großprojekt gar nicht begonnen werden.

Die Flensburger haben hingegen eine 275 Meter lange Schiffbauhalle, mehrere Hellinge sowie einen Ausrüstungskai – und vor allem freien Zugang zum Wasser. Damit haben ihre Hamburger Kollegen größte Probleme. Die Este-Mündung muss immer wieder aufwendig von Schlick freigebaggert werden. Pella Sietas kann nicht selbst entscheiden, wann ein Schiffsneubau zu Wasser gelassen wird. Die Werft ist davon abhängig, dass die Hamburger Hafenbehörde Hamburg Port Authority (HPA) ihr den Weg frei baggert.

Einer der Hauptgründe dafür, dass das große Baggerschiff für den Bund noch nicht schwimmt, ist die zu geringe Wassertiefe. Weil das Schiff zu groß ist, um das Ausdockmanöver im kleinen Werfthafen in Neuenfelde durchzuführen, soll das gesamte Dock mit seiner Fracht durch das Sperrwerk auf die Elbe gezogen und dann in den Hamburger Hafen gebracht werden. Erst dort kann das Dock abgesenkt werden, damit das neue Schiff aufschwimmt. Doch zuvor muss die HPA den Weg frei baggern.

FSG ist der "ideale Partner"

Mit der möglichen Übernahme in Flensburg sucht Pella Sietas einen freien Wasserzugang. Werftdirektorin Natallia Dean nennt die FSG einen „idealen Partner“. „Wir sind wie für einander geschaffen“, sagte Dean dem Abendblatt. Es habe bereits in der Vergangenheit Kooperationen gegeben. IT und Infrastruktur würden perfekt zueinanderpassen. „Wenn der Kauf zustande kommt, sind wir die bedeutendste Werft für den zivilen Schiffbau in Deutschland.“

Aus Hamburger Sicht ist der Zusammenschluss allerdings mit einem großen Aber versehen. Denn die Frage ist, was aus dem Standort in Neuenfelde wird, wenn der Schiffbau in Flensburg so viel einfacher ist.

Aus für Werft Pella Siestas in Hamburg?

Darauf weist auch der Bezirksleiter der IG Metall Küste, Daniel Friedrich, hin: „Der geplante Kauf der Werft in Flensburg darf nicht das Aus für Pella Sietas in Hamburg bedeuten. Das Unternehmen ist gefordert, mit IG Metall, Betriebsrat und dem Senat ein Zukunftskonzept zu erarbeiten, das Arbeitsplätze im Schiffbau langfristig in Hamburg sichert.“ Und die IG Metall Hamburg fordert eine Beschäftigungsgarantie.

Hamburgs Wirtschaftssenator Michael Westhagemann (parteilos) ist in die Gespräche eingebunden. „Ich bin in engem Austausch mit Sietas und meinem Ministerkollegen in Schleswig-Holstein. Höchste Priorität hat für mich der Erhalt der Arbeitsplätze.“