Hamburg

Wie die Deutsche Bahn Züge in Corona-Zeiten reinigt

| Lesedauer: 5 Minuten
Martin Kopp
Das Reinigungs-Team um Bereichsleiter Charles Krickau (ganz links) vor einem ICE auf dem Gelände des ICE-Werks in Eidelstedt der Deutschen Bahn. Im Hintergrund im Vollschutz steht Yavur Gecit.

Das Reinigungs-Team um Bereichsleiter Charles Krickau (ganz links) vor einem ICE auf dem Gelände des ICE-Werks in Eidelstedt der Deutschen Bahn. Im Hintergrund im Vollschutz steht Yavur Gecit.

Foto: Thorsten Ahlf

Mit einer Hygiene- und Putzoffensive sollen Fahrgäste vor möglichen Infektionen geschützt werden. Ein Besuch im ICE-Werk Eidelstedt.

Hamburg.  Yavur Gecit wischt und rubbelt, als führe er einen Kampf gegen einen unsichtbaren Feind. Und in gewisser Weise stimmt das auch. In einem Zug der Deutschen Bahn hat es unter einem der Fahrgäste einen Corona-Verdachtsfall gegeben. Der Zugbegleiter informierte den Lokführer. Der benachrichtigte wiederum das Lagezentrum der Bahn in Frankfurt. Diese schaltete daraufhin Bahnpolizei und Behörden ein und schließlich das ICE-Werk in Hamburg-Eidelstedt, wo der Zug nach der Evakuierung nun steht.

Jetzt darf keiner in den Wagen außer Gecit. Mit Schutzanzug, Maske und Brille sowie mit Reinigungstüchern und Desinfektionsmitteln bewaffnet macht er sich an die Arbeit. Er beginnt mit dem Sitzplatz, an dem der betroffene Fahrgast gesessen hat. Lehne, Tisch, Fensterscheibe, alles wird desinfiziert. Dann kommen die weiteren Armaturen im Umkreis dran, der Sitz gegenüber, die Gepäckablage, der Nothammer für die Scheibe. Quadratzentimeter um Qua­dratzentimeter arbeitet sich Gecit vor. Der ICE-Wagen ist fast 30 Meter lang und 2,90 Meter breit. Viel Arbeit. Dabei darf nichts übersehen werden.

Corona-Krise: Deutsche Bahn erhöht Reinigungsintervalle

Eine normale Zugreinigung im ICE-Werk Eidelstedt dauert 50 Minuten. ITF heißt das bei der Bahn: Innenraumreinigung am Tag, Fernverkehr. Ein Reinigungsteam aus zwölf Kräften läuft durch den 346 Meter langen ICE, leert Mülleimer, reinigt das Gestühl und die Toiletten und saugt, wo es nötig ist.

Normal ist in diesen Zeiten aber fast nichts. „Mit dem Corona-Ausbruch haben wir die Reinigungsintervalle erhöht“, sagt Franziska Hentschke, Sprecherin der Deutschen Bahn im Norden. Um die Gefahr auszuschließen, dass sich Fahrgäste indirekt über die Berührung von Innenverkleidungen, an denen die Viren haften können, infizieren, werden nun so­genannte Kontaktflächen wie Haltegriffe, Türöffner und Armlehnen gesondert desinfiziert. Auch ohne einen (in diesem Fall konstruierten) Verdachtsfall.

Corona-Hochphase: Etwa einen Verdachtsfall pro Woche

Einen erwiesenen Corona-Fall hat die Bahn noch nicht transportiert. Wohl aber eine Reihe von Verdachtsfällen. „In der Hochphase der Pandemie hatten wir etwa einen Fall pro Woche. In letzter Zeit sind die Meldungen zurückgegangen“, sagt Marc Hermann, Standortleiter der Bahn-Werke in Hamburg. Mit seinen rund 1300 Mitarbeitern muss er dafür sorgen, dass die Züge trotz der Pandemie rechtzeitig bereitstehen.

Auch wenn die Zahl der Fahrgäste stark zurückgegangen ist. Im April lag das Passagieraufkommen bei zehn bis 15 Prozent der üblichen Auslastung in der Vor-Corona-Zeit. An den verlängerten Mai-Wochenenden zu Himmelfahrt und Pfingsten zählte die Bahn im Fernverkehr rund 1,5 Millionen Fahrgäste. Die Reisendenzahl zu Pfingsten erreichte damit etwa die Hälfte des Aufkommens von Pfingsten 2019. Und Experten prognostizieren, dass die Rückkehr zum üblichen Reiseverhalten noch lange dauern wird.

Bahn möchte 600 Unterwegsreiniger einsetzen

Erst als Gecit seine Desinfektionsarbeiten abgeschlossen hat, darf der Rest des Reinigungsteams den Wagen betreten. Seine Schutzkleidung und Putzlappen werden in extra Säcken entsorgt. Ein Mitarbeiter macht sich mit einem Dampfsauger an die Intensivbehandlung besonders hartnäckiger Ölflecken in einem Teppich. Andere wischen die Fenster, Armlehnen und Tische des Zuges mit seinen 836 Sitzplätzen ab. Es ist warm und stickig. Die Klimaanlage läuft nicht. Einer reinigt Waschbecken und Toiletten – kein angenehmer Job. Die Arbeiten verlaufen effizient und zügig. Die Zeit ist knapp, nach 90 Minuten muss der Zug wieder im Netz der Bahn rollen. Daran hat sich durch Corona nichts geändert. „Unsere Leute leisten viel“, sagt Standortleiter Hermann.

Nicht nur während der Standzeit werden die Fernzüge gereinigt. Neben der ITF hat die Bahn zum Schutz ihrer Fahrgäste vor Infektionsquellen auch eine UWR eingeführt (Unterwegsreinigung). Sie wird alle zwei Stunden an den besonders häufig genutzten Kontaktstellen wie Haltegriffen und Türöffnern und in den Sanitäranlagen durchgeführt. „Bis Juli sollen 500 Mitarbeiter und damit doppelt so viele wie bisher die ICE und IC während der Fahrt reinigen. Im August soll es dann 600 Unterwegsreiniger geben. Diese steigen an den Bahnhöfen zu und versehen ihre Arbeit während der Fahrt“, sagt Hamburgs Bahn-Sprecherin Hentschke. „Unsere Fahrgäste sollen wissen, dass wir für ihren Schutz alles tun.“

Das könnte Sie auch interessieren:

Corona: Bahn reinigt Züge und testet innovative Technologien

Bundesweit sorgen mehr als 4300 Mitarbeiter jeden Tag für saubere Züge und Bahnhöfe. Die Bahn gibt für Hygiene und Reinigung jedes Jahr einen hohen dreistelligen Millionenbetrag aus, der dieses Jahr noch weiter erhöht wird, wie das Unternehmen erklärte. An 180 Bahnhöfen und 150 Service Stores gibt es künftig kostenlos Desinfektionsmittel in Spendern.

Außerdem werden an einzelnen Standorten innovative Technologien getestet: Desinfizierende Lacke auf Aufzugsknöpfen und Treppenhandläufen sowie die Bestrahlung von Rolltreppen-Handläufen mit UV-C-Licht sollen Bakterien und Viren bekämpfen. Die Bahn hat sich mit rund 20 Millionen Schutzmasken für ihre Mitarbeiter im Kundenkontakt eingedeckt. Fahrgäste, die im ICE fahren und ihre Maske vergessen haben, können ein Exemplar im Bordbistro nachkaufen.

Der Reinigungstrupp ist fertig. Ein Mitarbeiter steigt noch vorne ins Führerhaus der Lokomotive, um auch diese zu säubern. Dann rollt der Zug wieder los.

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Wirtschaft