Corona-Krise

Wo Hamburger 28.000 Euro für eine Handtasche bekommen

Filialleiter Carsten Haack im Leihhaus Johannsen mit einer wertvollen Hermès-Handtasche.

Filialleiter Carsten Haack im Leihhaus Johannsen mit einer wertvollen Hermès-Handtasche.

Foto: Andreas Laible

Umsatzflaute statt Kundenansturm in den ersten Wochen der Pandemie. Doch schon bald dürfte der Kredithunger groß sein.

Hamburg.  So richtig erklären können sich Peter Johannsen und sein Filialleiter Carsten Haack immer noch nicht, was in ihrem Geschäft und in der gesamten Branche geschah, als im März der Corona-Lockdown über Deutschland kam: Erst mal gar nichts. Ein Ansturm von Kunden auf die Pfandhäuser? Keine Spur. „In den ersten ein, zwei Wochen lief es ganz normal weiter“, sagt Haack, der das Tagesgeschäft in der Niederlassung an der Straße Hütten in der Hamburger Neustadt führt.

Es ist eine von sechs Filialen der Firma Pfandkredit Johannsen in Hamburg. Die Niederlassung am Steindamm wollte die Polizei anfangs schließen, aber das war ein Missverständnis. „Wir konnten klarmachen, dass ein Pfandhaus kein Einzelhandel, sondern ein Finanzdienstleister wie eine Bank ist und daher geöffnet bleiben darf“, sagt Hans-Peter Toft. Der Hamburger Rechtsanwalt ist der Firma eng verbunden und zählt eine ganze Reihe weiterer Pfandhäuser in Deutschland zu seinen Mandanten.

Dann geschah Unerwartetes: Die Kunden kamen – aber deutlich häufiger, um ihren Kredit zurückzuzahlen und das Pfand mitzunehmen, als um Schmuck, Gold oder eine teure Uhr zu bringen, und im Gegenzug Geld zu leihen. Dann brach das Geschäft ein. „Wir konnten nicht wissen, wie sich Corona auf das Unternehmen auswirken würde, aber davon waren wir nicht ausgegangen“, sagt Johannsen.

Umsatz ist in Corona-Krise im Durchschnitt um etwa 50 Prozent zurückgegangen

Er registriert seit Wochen „starke Rückgänge im Neugeschäft. Der Umsatz ist im Durchschnitt um etwa 50 Prozent zurückgegangen. An manchen Standorten mehr, an anderen weniger.“ Damit ist Johannsen nicht allein. Es ist eine Entwicklung, die die gesamte Branche und wohl alle der knapp 20 Leihhäuser in Hamburg trifft.

Das sagt Rechtsanwalt Toft, aber auch Wolfgang Schedl, der Geschäftsführer des Zentralverbandes des Deutschen Pfandkreditgewerbes (ZdP), stimmt ihm zu. „Der Neuversatz ist weniger geworden, Auslösungen und Verlängerungen sind dagegen gewachsen“, weiß Schedl aus Gesprächen mit den gut 150 Mitgliedsunternehmen, die bundesweit etwa 250 Filialen betreiben. Schedl weiß das auch aus eigener Erfahrung. Seine Familie führt in Stuttgart ein Pfandleihhaus. Seit einigen Tagen aber gibt es Anzeichen für eine Trendumkehr und womöglich kommen bald deutlich mehr Kunden. Das Geschäft der Pfandleiher zieht jetzt offenbar doch an.

Auf die Schnelle einen Urlaub buchen

Eine mögliche Erklärung, warum sich – obwohl in vielen Unternehmen Kurzarbeit herrscht – zunächst weniger Kunden Geld aus dem Pfandhaus besorgen, haben die Branchenvertreter aber doch. Das hat sehr viel damit zu tun, wofür und für wie lange der Kredit für gewöhnlich gebraucht wird. „Pfandleihkredite werden fast immer genutzt, um sich kurzfristig einen Konsumwunsch zu erfüllen oder um zu investieren. In den vergangenen Wochen wurde aber kaum konsumiert und wenig investiert. Also gab es auch keinen Geldbedarf“, sagt Hans-Peter Toft. In Peter Johannsens Leihhäusern läuft ein Kredit im Schnitt für sechs Wochen. Dann zahlt der Kunde ihn inklusive Gebühren und Zinsen zurück und nimmt das Pfand wieder mit. Das geschehe branchenweit „in 90 bis 95 Prozent aller Fälle“, sagt ZdP-Geschäftsführer Schedl. Die Versteigerung eines nicht ausgelösten Pfandes sei eher eine Ausnahme.

Was ist erlaubt, was nicht? Fragen an den Bürgermeister

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Wofür das Geld verwendet wird, erfährt Filialleiter Haack nur dann, wenn die Kreditnehmer das selbst erzählen. Manche tun das. Es sind Menschen, die auf die Schnelle einen Urlaub buchen wollen, aber erst in einigen Wochen die nächste Gehaltszahlung auf dem strapazierten Girokonto haben. Oder Handwerksfirmen, die das Material für einen Auftrag vorfinanzieren. Zu Zeiten, als es in Hamburg besonders viele Wohnungseinbrüche gab, habe mancher Besitzer wertvoller Uhren und Schmuckstücke diese vor dem Urlaub gern ins Leihhaus gebracht, weil sie dort sicher lagern – und dafür die Kreditkosten in Kauf genommen.

Teil der Mitarbeiter über Wochen in Kurzarbeit

Wer sich bei Johannsen 10.000 Euro leiht und das Pfand nach sechs Wochen wieder abholt, muss dann 10.700 Euro zahlen. Für jeden angefangenen Monat 250 Euro Gebühren und 100 Euro Zinsen. Deren Höhe ist gesetzlich festgeschrieben. Es ist mehr als bei der Bank. Warum macht man das? „Bei der Bank einen Kredit zu bekommen, ist sehr schwierig geworden“, sagt Anwalt Toft. Zudem werben die Pfandleiher offensiv mit einem Detail, dass für manche Kunden wichtig ist: Auskunfteien wie die Schufa erfahren nichts von dem Geldgeschäft. Die Branche mit etwa 600 Millionen Euro Jahresumsatz ist äußerst diskret. So diskret, dass Peter Johannsen beim Foto für das Abendblatt lieber seinem Filialleiter den Vortritt lässt.

Alle sechs Filialen blieben trotz der Corona-Delle geöffnet. Manche der Kollegen haben die Öffnungszeiten reduziert, bei Johannsen waren ein Teil der gut drei Dutzend Mitarbeiter über Wochen in Kurzarbeit. Andere Staatshilfen, sagt der Pfandleiher, habe er nicht in Anspruch genommen. Wer regelmäßig fünfstellige Beträge verleiht, muss eine gewisse Liquidität haben.

Coronavirus – die Fotos zur Krise

Als Pfand akzeptiert Johannsen außer Schmuck, Gold, Edelsteinen und teuren Uhren seit ein paar Jahren auch Luxus-Damenhandtaschen. Aber nur solche der Marken Hermès, Chanel und Louis Vuitton. Carsten Haack hat ein Gespür dafür entwickelt, ein Original von einem billigen Plagiat zu unterscheiden. „Die fühlen sich meist schon ganz anders an“, sagt er. Der höchste Kredit, den der Pfandleiher auf ein solches Täschchen bislang gewährt hat, belief sich auf immerhin 28.000 Euro. „Wir haben gleich vier Stück davon genommen“, sagt Johannsen. Der Kunde hat sie später ausgelöst.

Zum ersten Mal seit Monaten ein Tag mit normalem Umsatz

Solche Geschäfte könnten nun doch bald wieder häufiger werden, erwarten die Branchenkenner. „Der Konsum ist ja wieder angelaufen“, sagt Hans-Peter Toft. Bei Johannsen endet die Kurzarbeit. Weil Mitarbeiter in Urlaub gehen, aber auch, weil seit Kurzem doch wieder mehr Kunden kommen. „Neulich hatten wir zum ersten Mal seit Monaten wieder einen Tag mit normalem Umsatz“, sagt der Firmenchef. Auch Verbands-Geschäftsführer Schedl hat von wieder besser laufenden Geschäften gehört. „Es gibt die Erwartung, dass die Umsätze jetzt anziehen“, sagt er.

Peter Johannsen kann sich gut vorstellen, dass ab Herbst so viel zu tun sein könnte, wie es manche schon für die ersten Wochen des Lockdown erwartet hatten. Weil dann mehr Firmen und Selbstständige, deren Rücklagen in der Krise aufgezehrt wurden, eine schnelle Zwischenfinanzierung brauchen. Und weil dann Beschäftigte, die schon sehr lange in Kurzarbeit sind, versuchen könnten, ihren Geldbedarf ihm Leihhaus zu decken. „Dann könnte es auch passieren, dass die Auslösequote sinkt, weil mehr Kunden den Kredit nicht zurückzahlen können oder wollen.“ Das wäre dem Pfandleiher gar nicht recht. „Ein nicht ausgelöstes Pfand in einer Auktion zu verwerten, bedeutet viel Arbeit und Aufwand“, weiß Anwalt Toft. Für einige Wochen einen Kredit zu geben, ist für einen Pfandleiher das einfachere, weniger riskante Geschäft – und das einträglichere.

Coronavirus: Verhaltensregeln und Empfehlungen der Gesundheitsbehörde

  • Reduzieren Sie Kontakte auf ein notwendiges Minimum und halten Sie Abstand von mindestens 1,50 Metern zu anderen Personen
  • Achten Sie auf eine korrekte Hust- und Niesetikette (ins Taschentuch oder in die Armbeuge)
  • Waschen Sie sich regelmäßig die Hände gründlich mit Wasser und Seife
  • Vermeiden Sie das Berühren von Augen, Nase und Mund
  • Wenn Sie persönlichen Kontakt zu einer Person hatten, bei der das Coronavirus im Labor nachgewiesen wurde, sollten Sie sich unverzüglich und unabhängig von Symptomen an ihr zuständiges Gesundheitsamt wenden