Corona-Krise

Reeder und Schiffbauer sehen gesamte Branche in Gefahr

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Martin Kopp
Ein Kreuzfahrtschiff liegt im Dock 10 von Blohm+Voss im Hamburger Hafen.

Ein Kreuzfahrtschiff liegt im Dock 10 von Blohm+Voss im Hamburger Hafen.

Foto: Georg Wendt / picture alliance/dpa

Auftragsvolumen im ersten Quartal 2020 auf einen Bruchteil eingebrochen. Kreuzfahrtbranche besonders betroffen.

Hamburg. Der maritime Sektor ist eines der tragfähigsten Standbeine der Hamburger Wirtschaft. Jahrelang profitierten Werften, Zulieferer, Reeder und Dienstleister in der Hansestadt von der Globalisierung. Doch die Corona-Pandemie hat die Branche ins Mark getroffen. Das wird immer deutlicher, je länger die Krise dauert. Die Unternehmensverbände sehen den Schifffahrtsstandort ernsthaft in Gefahr.

Die deutschen Schiffbauer rechnen beispielsweise langfristig mit einem massiven Auftragseinbruch. Die in der Corona-Krise stark zunehmende Verschuldung des öffentlichen und privaten Sektors werde hohe Konsumausfälle nach sich ziehen.

„Ich glaube, es bedarf keinen Blick in die Glaskugel, um festzustellen, dass Investitionsentscheidungen in langlebige Wirtschaftsgüter wie Schiffe in diesem Umfeld längerfristig ausfallen“, sagte der Hauptgeschäftsführer des Verbands Schiffbau und Meerestechnik (VSM), Reinhard Lüken, in Hamburg.

Komplexe Schiffbauprojekte sind ein Problem

Ohne Gegenmaßnahmen könnte der europäische Schiffbau um 50 bis 75 Prozent schrumpfen und ohne kritische Masse langfristig nicht überlebensfähig sein. Allein im ersten Quartal 2020 sei der Wert der Auftragseingänge im Vergleich zum Vorjahreszeitraum von 22,4 auf 0,3 Milliarden Euro gesunken.

Zwar ist der deutsche Schiffbau entgegen der schwachen Weltkonjunktur in Vor-Corona-Zeiten gewachsen. Rein rechnerisch reichten die Aufträge auf Europas Werften für eine Auslastung für vier Jahre und mehr.

Da aber komplexe Schiffbauprojekte, auf die sich die europäischen Werften spezialisiert haben, lange Vorlaufzeiten und Entwicklungsphasen benötigten, seien die aktuellen Orderbücher gefährdet, teilte Lüken in einer Videokonferenz mit. Zwischen Bauvertrag und Ablieferung liegen im Schnitt immerhin 3,5 Jahre.

Bau von Kreuzfahrtschiffen besonders betroffen

Besonders betroffen ist das erfolgreichste Marktsegment, der Bau von Kreuzfahrtschiffen. „In diesem Segment werden die Bestellungen für einige Jahre vollständig ausbleiben“, sagte Lüken. Wie berichtet hat die Meyer Werft in Papenburg bereits Stellenabbau und Kurzarbeit angekündigt und versucht ihre Aufträge zu strecken, um einen Teil ihrer Auslastung beizubehalten.

Zur Erhaltung des Schiffbaus fordert der VSM ein zeitlich begrenztes Flottenprogramm der öffentlichen Hand, etwa durch Aufträge zum Bau von Schiffen für Küstenwache, Polizei, Feuerwehr oder Fähren. Zudem sollte es Anreize für die umweltfreundliche Erneuerung der Handelsflotte geben. Im deutschen Schiffbau sind mit der Zulieferindustrie 2800 Firmen tätig. Von ihnen hängen 200.000 Arbeitsplätze ab.

Vorteil der Hamburger Traditionswerft Blohm+Voss ist, dass sie genau von einem solchen öffentlichen Auftrag profitiert: Die Werft ist mit ihren rund 600 Beschäftigten wichtiger Standort zum Bau des neuen Mehrzweckkampfschiffs „MKS 180“. Aber schon beim Nachbarn Pella Sietas ist die Lage angespannter. Die Werft mit ihren rund 350 Mitarbeitern hält sich mit öffentlichen Aufträgen, wie dem angekündigten Bau eines russischen Eisbrechers, über Wasser, aber auch Pella Sietas wartet auf weitere Bestellungen.

Schiffbau-Verband fordert Flottenprogramm vom Bund

Nicht nur die Schiffbauer, auch die Reeder leiden in der Krise. Eine Umfrage des Verbands Deutscher Reeder mit Sitz in Hamburg hat ergeben, dass die Umsätze der Unternehmen im März und ­April im Schnitt um 30 bis 40 Prozent zurückgegangen sind. Besonders betroffen davon ist wiederum Hamburg – der größte Reedereistandort in der Bundesrepublik. Knapp 100 Schifffahrtsbetriebe haben hier ihren Sitz und betreiben mehr als 900 Schiffe.

Die meisten dieser Betriebe sind Charterreeder, die ihre Schiffe an Liniendienste verchartern. Durch das infolge des Shutdowns stark herabgesetzte Transportvolumen werden die Schiffe nicht gebaucht. Die Charterraten sind der Umfrage des Reederverbands zufolge um bis zu 40 Prozent gesunken. 500 Schiffe sind ohne Beschäftigung, das sei der höchste Wert aller Zeiten, so der VDR. Angefangen habe es mit der Kreuz- und Fährschifffahrt. Inzwischen seien aber alle Schiffstypen von dem Rückgang betroffen.

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„Das ist nur eine Momentaufnahme der ersten Monate“, sagte VDR-Präsident Alfred Hartmann. „Angesichts des prognostizierten eklatanten Einbruchs des Welthandels ist mit einer weiteren Verschärfung der Marktlage für die Handelsschifffahrt zu rechnen.“ Wesentliche Teile der deutschen Handelsflotte seien damit absehbar in ihrer Existenz gefährdet, sagte Hartmann.

Wie auch die Schiffbauer fordern die Reeder Hilfe vom Staat, insbesondere mit Krediten der KfW. „Banken weigern sich, Förderanträge an die KfW weiterzuleiten, obwohl sie nur ein kleines Restrisiko zu tragen hätten und selbst mit viel Steuergeld unterstützt worden sind. Das ist ein unhaltbarer Zustand“, sagt Hartmann. Ohne Hilfe von der KfW drohe deutschen Reedern das Aus.

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