Corona-Krise

Personal Trainer: "Friseure dürfen doch auch arbeiten"

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Hanna-Lotte Mikuteit
Personaltrainer Joachim Fritzenschaft und Kerstin Lüders

Personaltrainer Joachim Fritzenschaft und Kerstin Lüders

Foto: Roland Magunia / HA

Wichtige Angebote für Patienten müssen ausgesetzt werden, da Hamburg Personal Trainer mit Fitnessstudios gleichsetzt.

Hamburg.  Die Menschen, die in das Sportstudio von Joachim Fritzenschaft und Kerstin Lüders kommen, haben in der Regel wenig mit der typischen Klientel in Fitnesscentern zu tun. Die Mittfünfzigerin, die nach einer Hüftoperation ihre Beweglichkeit üben will. Der Schlaganfallpatient, der wieder sicheren Tritt sucht. Es kommen auch Kunden, die vor dem Sommer gezielt ein paar Kilo in der Bauchregion abspecken oder einfach mit einem individuellen Training fitter werden wollen.

Das ultimative Sixpack und der perfekte Waschbrettbauch spielen dabei eher selten eine Rolle. „Wir legen viel Wert darauf, dass wir Kunden alltagstauglich machen“, sagt Joachim Fritzenschaft, der seit 14 Jahren mit seiner Geschäftspartnerin Kerstin Lüders das PersonalTrainingCenter in Nähe zum Blankeneser Bahnhof betreibt.

Trotz individuellem Training ist der Betrieb geschlossen

Der Name ist Konzept: Jeder Kunde wird individuell betreut. In den drei Räumen des kleinen Studios mit 150 Qua­dratmetern gibt es eine große Sprossenwand für gezieltes Arm- und Brustmuskeltrainung, Hantelbank, Spinningrad, Kletterwand und diverse andere Sportgeräte. Bunte Gymnastikbälle und schwere Medizinbälle liegen an der Seite. „Bei uns trainiert immer nur ein Kunde mit einem Trainer. Ziele und Trainingsplan werden nach einer Anamnese festgelegt“, sagt Kerstin Lüders. So war es zumindest in der Zeit, bevor die beiden Personal Trainer wegen der Corona-Beschränkungen den Betrieb ihres Centers Mitte März einstellen mussten. Inzwischen ist das zwei Monate her. „Unser Problem ist, dass wir mit Fitnessstudios in einen Topf geworfen werden", klagt Joachim Fritzenschaft.

Seit Wochen kämpft er bei Behörden und in der Politik dafür, dass Personal Trainer bei der Aufhebung der Corona-Beschränkungen von Sportvereinen, Fitnesscentern und Schwimmbädern getrennt werden. Er hat E-Mails geschrieben und viel telefoniert. Bislang ohne Erfolg. „Dabei haben wir keinen öffentlichen Publikumsverkehr, arbeiten ausschließlich nach Terminvergabe und können die Hygienevorgaben an den Geräten und in der Umkleide ohne Probleme erfüllen“, sagt auch Kerstin Lüders. Dazu komme, so die 57-Jährige, dass Personal Trainer in Hamburg der Kategorie Freizeitaktivität zugeordnet werden. Stimme so nicht, sagen die beiden. „Wir sehen uns zwischen Physiotherapie und Fitnesscenter, sind vor allem präventiv im Gesundheitsbereich tätig“, sagt Joachim Fritzenschaft. Inzwischen verzweifelt er fast an den Behörden.

Unterschiedliche Reglungen in den Bundesländern

Allein in Hamburg gibt bis zu 300 Personal Trainer, die sowohl in eigenen Mikrostudios als auch freiberuflich in Fitnesscentern, Hotels und Firmen arbeiten, schätzt Stephan Müller, Vorsitzender des Bundesverbands Personal Training. Bundesweit sind es etwa 6000. „Die gesamte Branche ist von dem Corona-Stillstand betroffen. 30 bis 40 Prozent der Studios werden das nicht überstehen“, prognostiziert der Trainer, der mit seiner Frau zwei Studios in der Nähe von Frankfurt und Stuttgart betreibt.

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Er kritisiert, dass es in Hamburg noch keine Perspektive für die Öffnung von Sporteinrichtungen gebe, während etwa in Hessen, Nordrhein-Westfalen oder Baden-Württemberg die Nutzung bereits wieder möglich sei. „In anderen Bundesländern wird zudem zwischen normalen Sportstudios und Personal Training unterschieden“, so der Verbandschef, der sich jetzt an die Behörden in der Hansestadt wenden will. Generell sieht er allerdings auch eine Chance für die Branche. „Bessere Hygienebedingungen gibt es bei kaum einer anderen Sportart.“

Einbußen, weil Firmen Sportkurse absagen

Auch Niklas Wille sieht Entwicklungsmöglichkeiten in der Krise. Der 34-Jährige hat sich vor zehn Jahren als Personal Trainer selbstständig gemacht. „Ich habe Einbußen, weil Sportkurse in Unternehmen ausgesetzt sind“, sagt er. Ebenso seien persönliche Termine in den Räumen seiner Firma Vital Coaching Wille nicht möglich. „Aber da muss man flexibel sein. Ich habe auch schon vorher Kunden aus der Ferne betreut.“ Ähnlich ist die Situation bei Personal Trainer Arne Hagen, der viel draußen trainiert. „Ich habe viele Stammkunden, mit denen ich mich im Park oder an der Elbe treffe“, sagt der Diplom-Fitnessökonom, der immer Matten, Hanteln oder TRX-Bänder im Auto dabei hat.

Warum dürfen Friseure arbeiten und Personal Trainer nicht?

Joachim Fritzenschaft und Kerstin Lüders machen seit vergangener Woche ebenfalls Outdoorangebote. Aber gerade mal ein halbes Dutzend der gut 50 Stammkunden nehme das Angebot an, sagen sie. Es gibt als Service auch Video-trainings in zwei Schwierigkeitsstufen und Trainingspläne per Mail. „Wir haben seit Mitte März kaum etwas verdient“, sagt Kerstin Lüders.

Denn anders als bei Fitnessstudios oder Sportvereinen gibt es bei ihnen keine Mitgliedschaft. Feste Kosten wie Miete und Ratenzahlungen laufen aber weiter. „Es wird langsam eng“, sagt Fritzenschaft. Die staatliche Soforthilfe, immerhin 14.000 Euro, sei Ende des Monats aufgebraucht. Jetzt setzen sie ihre Hoffnung darauf, dass sie ihren Betrieb bald wieder öffnen können. „Friseure dürfen doch auch arbeiten“, sagt Kerstin Lüders. „Und wir können sogar noch mehr Abstand halten.“

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