Hamburg

Corona-Krise: Nach sechs Wochen wieder zum Friseur

| Lesedauer: 7 Minuten
Hanna-Lotte Mikuteit
Arline Gomez macht Karina Koß im wieder geöffneten Betrieb FON in Hamburg Ottensen die Haare schön.

Arline Gomez macht Karina Koß im wieder geöffneten Betrieb FON in Hamburg Ottensen die Haare schön.

Foto: Roland Magunia

Mit Mähne oder Krisen-Schnitt: Der Andrang auf die wieder geöffneten Salons war groß. So lief der erste Tag für Hamburger Friseure.

Hamburg.  Es ist kaum zu erkennen, wer auf dem Stuhl direkt am Fenster des Friseursalons FON in der Ottensener Fußgängerzone sitzt. Karina Koß hat einen langen schwarzen Umhang um, Mund und Nase sind hinter einer weißen Maske verschwunden, in den langen dunklen Haaren hängen Alustreifen für neue Strähnchen. Nur die Augen sind frei. Wenn sie ihrem Blick im Spiegel begegnet, sieht sie eine Fremde.

„Meine Frisur sah so schlimm aus. Da musste dringend etwas passieren“, sagt die 50-Jährige durch den Mundschutz. Es klingt dumpf und ein bisschen angestrengt. Karina Koß zuckt die Achseln. Die aufwendigen Hygieneauflagen wegen der Corona-Ansteckungsgefahr sind für sie das kleinere Übel. Um 8.15 Uhr, eine Dreiviertelstunde vor Ladenöffnung, stand die Hamburgerin am Montag als Erste vor der Tür des Ladens. Eigentlich habe sie einen Termin Ende Mai gehabt, sagt sie. „Das habe ich nicht ausgehalten.“

Corona: Zeit der Krisen-Haarschnitte ist vorbei

So geht es vielen. Sechs Wochen waren alle Friseure in der Corona-Zwangspause. Jetzt ist die Zeit der Krisen-Haarschnitte vorbei und der Nachholbedarf groß. Die Kalender der 1430 Salons in Hamburg sind über Wochen gut gefüllt. Als die FON-Filiale in Ottensen um 9.00 Uhr öffnet, warten davor mehr als ein Dutzend Kunden. Karina Koß hat Glück. Weil die Friseurkette zusätzlich zum Termingeschäft eine Warteliste führt, darf sie nach mehr als einer Stunde in den Salon.

Vor ihr liegt ein ausgefülltes Formular mit Namen und Telefonnummer. Eine der neuen Vorschriften, die dafür sorgen soll, dass im Falle einer Infektion die Kontaktpersonen schnell informiert werden können. Inzwischen trägt Friseurin Arline Gomez konzen­riert neue Farbe auf. Das funktioniert auch mit Mundschutz. „Aber es ist alles noch sehr ungewohnt“, sagt Friseurin Arline Gomez. Die üblichen Friseurgespräche über den neusten Klatsch im Stadtteil oder den nächsten Urlaub gibt es an diesem Tag kaum.

Spukschutz vor dem Kassentresen

„Wir haben uns in den vergangenen Wochen viele Gedanken gemacht, wie wir die Öffnung mit den Schutzmaßnahmen umsetzen können“, sagt FON-Geschäftsführerin Claudia Woltereck. Jeder zweite Friseurstuhl bleibt frei, um den Mindestabstand von 1,50 Metern in dem 200-Quadratmeter-Salon einzuhalten. Vor dem Kassentresen ist ein Spuckschutz installiert. Zwischen den Waschbecken hängen Plexiglaswände. Trockenschnitte sind gar nicht mehr erlaubt. Die wochenlange Schließung und die Umsatzverluste haben die Kette hart getroffen. „Wir sind froh, dass es endlich wieder losgeht“, sagt die FON-Chefin. Das Unternehmen mit Sitz in Hamburg und Berlin hat 80 Prozent der gut 100 Mitarbeiter aus der Kurzarbeit geholt. Als einer der wenigen Friseure hat FON die Netto-Gehälter der Beschäftigten auf 100 Prozent aufgestockt. Trotzdem hat die Zwangspause Auswirkungen: Eine Handvoll Kollegen in der Probezeit habe entlassen werden müssen, so Woltereck.

Selbstkonstruierte Schutzmasken vom Friseur Andre D.

Auch André Dumm-Hallwachs hat pünktlich um 9.00 Uhr seinen Salon André D. an der Alsterkrugchaussee geöffnet. „Eigentlich ist Montag unser Ruhetag“, sagt der Friseurmeister. Schon seit Wochen klingelt bei ihm das Telefon. „Es waren bestimmt 400 Anrufe von Stammkunden, die so schnell wie möglich einen Termin wollten“, sagt der 43-Jährige, der bei Promi-Coiffeur Gerhard Meir in die Ausbildung gegangen ist. Die nächsten vier Wochen ist der Betrieb mit sieben Beschäftigten fast komplett ausgebucht. Dumm-Hallwachs hat sich lange auf den Neustart vorbereitet. „Ich habe nach einer Schutzkonstruktion für mich und meine Mitarbeiter gesucht, mit der man den ganzen Tag arbeiten kann“, sagt er. „Mit Masken aus Stoff oder Papier ist es sehr anstrengend.“

Also hat er angefangen auszuprobieren. Erst habe er sich ein Gesichtsschild aus Plexiglas besorgt, wie es im medizinischen Bereich verwendet wird. „Aber das drückt ziemlich an der Stirn, wenn man es stundenlang trägt“, sagt er. So entstand die Idee, eigene Schutzbrillen zu bauen. Als Basis dienen die Gestelle von 3-D-Brillen, wie man sie im Kino trägt. Der Friseur drückte einfach die Gläser raus und befestigte vor der Brille eine Plexiglasscheibe wie ein Visier. „Ich habe das ausprobiert. Das lässt sich sehr gut tragen“, sagt er. Er ist überzeugt, dass das Plexiglas vor Mund und Nase ähnlich wie eine Maske schützt. Von einem Spezialunternehmen in Norderstedt hat er sich 20 Schutzvisiere fertigen lassen. Sie werden im Wechsel genutzt und laufend desinfiziert. „Alle sind begeistert“, sagt der kreative Friseur.

Innungsobermeister befürchtet Insolvenzen

17 Punkte umfasst das Schreiben der Berufsgenossenschaft, in dem die Arbeitsschutzstandards in der Corona-Epidemie festgelegt sind. „Ich frage mich schon, ob das an einigen Stellen nicht ein bisschen zu viel des Guten ist“, sagt Innungsobermeister Birger Kentzler, der einen Salon in Bahrenfeld betreibt. Schon jetzt ist sicher, dass die Schutzauflagen die Preise nach oben treiben. „Das ist gar nicht anders möglich, wenn man mit weniger Plätzen und mehr Zeitaufwand den gleichen Umsatz erzielen muss“, sagt Kentzler. Wie bei fast allen Friseuren kosten auch bei ihm die Haarschnitte zwischen 15 bis 20 Prozent mehr. Trotzdem rechnet er damit, dass im Zuge der Corona-Krise mittelfristig Salons aufgeben. „In den nächsten Wochen ist viel zu tun, aber dann ist schon wieder Sommerpause und die Leute kommen seltener.“

Rettung für schlimme Selbst-Haarschnitte

Bei Kultfriseur Behcet Algan, der seinen Salon seit fast 40 Jahren in der Bahrenfelder Straße betreibt, stehen die Wartestühle jetzt vor der Tür. „Die meisten wollen einfach nur kürzere Haare“, sagt der 66-Jährige, der wegen seiner Unterstützung für den früheren Hamburger Bürgermeister und heutigen Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) bekannt ist.

Einige schlimme Selbstversuche habe er an diesem Vormittag schon zu Gesicht bekommen und retten müssen, sagt Algan. Zu ihm kommen vor allem Herren zum Trockenschnitt. „Aber das dürfen wir ja nicht mehr machen.“ Vereinzelt hätten die Kunden mit Unverständnis reagiert. Der Preisunterschied sind bei ihm fünf Euro. Trotzdem herrscht an diesem Tag Hochbetrieb. Ein Herr verlässt mit glücklichem Lächeln das Geschäft. „Jetzt wissen wir wieder, was uns ein Friseur bedeutet“, sagt er.

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