Insolventer Händler

Auto Wichert: 750 Jobs gerettet – VW übernimmt elf Standorte

| Lesedauer: 5 Minuten
Volker Mester
Die Filiale von Auto Wichert am Ausschläger Weg in Hamburg. Das Autohaus hat Insolvenz angemeldet.

Die Filiale von Auto Wichert am Ausschläger Weg in Hamburg. Das Autohaus hat Insolvenz angemeldet.

Foto: Marcelo Hernandez / Funke Foto Services

Fast 300 Mitarbeitern droht aber die Kündigung. Hat die Insolvenz des Hamburger Volkswagen-Autohändlers System?

Hamburg. Zweieinhalb Monate nach dem Insolvenzantrag des Hamburger VW-Händlers Auto Wichert ist die Mehrheit der rund 1320 Arbeitsplätze nun gesichert: Eine Hamburger Tochtergesellschaft des Volkswagen-Konzerns und die Rellinger Firma Autohof Reimers übernehmen insgesamt elf der 23 Wichert-Standorte mit zusammen knapp 750 Beschäftigten.

Darunter seien auch alle der rund 150 Auszubildenden, teilte die Geschäftsführung von Auto Wichert am Montag mit. Bedingung für die Weiterführung von Standorten durch Volkswagen sei jedoch eine „personelle Restrukturierung“ in diesen Niederlassungen. Die Arbeitsverhältnisse mit bis zu 300 Beschäftigten müssten daher „leider kurzfristig beendet werden“, so die Geschäftsführung. Die betroffenen Mitarbeiter sollen in eine Transfergesellschaft wechseln können, in der sie für bis zu zehn Monate 80 Prozent ihrer bisherigen Vergütung erhalten.

Auto Wichert: 270 Mitarbeitern droht Jobverlust

Für die übrigen Standorte von Auto Wichert mit rund 270 Arbeitnehmern geht die Suche nach Investoren weiter. „Wir müssen zum jetzigen Zeitpunkt allerdings davon ausgehen, dass es noch im Monat Mai zum Ausspruch von Kündigungen und spätestens Ende Juni zur Schließung dieser Standorte kommt“, heißt es in einer Mitarbeiterinformation der Wichert-Geschäftsführung.

Dennoch zeigte sich der Sanierungsexperte Thorsten Bieg von der Rechtsanwaltskanzlei Görg, der seit dem Insolvenzantrag gemeinsam mit den bisherigen Wichert-Chefs das Unternehmen leitet, erfreut darüber, dass es „in wirtschaftlich herausfordernden Zeiten“ gelungen sei, eine „realistische und dauerhafte Lösung“ gefunden zu haben, mit der ein „beträchtlicher Teil“ der Arbeitsplätze gesichert werden konnte, so Bieg. Man habe „das wirtschaftlich maximal Mögliche“ erreicht.

„Natürlich haben wir uns dafür starkgemacht, dass alle Mitarbeiter weiterbeschäftigt werden“, sagte Stephan Köppe von der IG Metall Hamburg. Es sei „bedauerlich“, dieses Ziel verfehlt zu haben, zumal sich Wettbewerber „gerade in Corona-Zeiten schwertun, jetzt jemanden neu einzustellen“.

VW-Tochter übernimmt vier Wichert-Standorte in Hamburg

Die Volkswagen Group Retail Deutschland (VGRD) übernimmt nun mehrere bisherige Wichert-Betriebe im Hamburger Stadtgebiet. Dabei handelt es sich um die Standorte in der Langenhorner Chaussee/Stockflethweg, im Bornkampsweg, in der Wendenstraße/Ausschläger Weg und in der Segeberger Chaussee.

Insgesamt 695 Beschäftigte wechseln zum Volkswagen-Vertrieb. Voraussetzung für den Vollzug des Kaufvertrages sei aber, dass mindestens 90 Prozent der in diesen Niederlassungen vom Abbau betroffenen rund 300 Mitarbeiter das Angebot zum Wechsel in eine Transfergesellschaft annehmen, heißt es. Nach Angaben von Thorsten Bieg von der Kanzlei Görg, der seit dem Insolvenzantrag von Auto Wichert der Geschäftsführung angehört, übernimmt darüber hinaus die Rellinger Firma Autohof Reimers zwei Wichert-Servicestandorte in Schnelsen sowie in Norderstedt mit zusammen 55 der 57 Mitarbeiter.

Branchenkenner sehen Mitverantwortung bei VW

Vor Wichert waren in Deutschland bereits mehrere andere größere Volkswagen-Autohäuser in eine Schieflage geraten. Zuletzt hatte es in der Hansestadt den Wettbewerber Tiedtke getroffen. Das Unternehmen musste 2018 einen Insolvenzantrag stellen, einige Standorte hatte dann später Wichert übernommen. Bei beiden Firmen war die Dieselaffäre ein Grund für die Schwierigkeiten, die gesunkenen Restwerte von Leasingrückläufern belasteten die Bilanz.

Schon Ende 2017 waren die westfälischen Max-Moritz-Autohäuser insolvent, nach Willy Tiedtke folgten weitere wie die Bottroper Verstege & Lux vor einem Jahr. Marktinsider sehen die Entwicklungen als Teil einer von Volkswagen länger geplanten Strategie. Der Konzern lasse die freien Händler den Markt bearbeiten und immense Investitionen stemmen, wie jetzt bei Wichert etwa die großen Audi-Terminals. Könnten die Händler dann Kredite nicht mehr bedienen, komme VW günstig zum Zuge: „Dann kann der Konzern die Standorte zum halben Preis übernehmen“, sagt ein Branchenkenner. „So macht VW Marktbereinigung.“

Vor allem in großen Städten hat der Wolfsburger Konzern mit seinen Marken wie Audi, Volkswagen, Seat und Skoda schon mehrfach zugegriffen. So hat Volkswagen vor Jahren die Eduard Winter Gruppe in Berlin übernommen, die zuvor wie Wichert als selbstständiger Familienbetrieb geführt wurde. Das gleiche Schicksal ereilte die Automobil-Handelsgruppe Mahag mit 40 Standorten in München, Berlin und Ulm.

Lesen Sie auch:

Die Insolvenz von Wichert fällt in eine Zeit, in der VW den deutschen Vertrieb neu ausrichtet. Die Verträge der freien Händler hat der Hersteller schon länger gekündigt, dennoch sind die Abhängigkeiten vom Konzern groß. Für jedes Verkäuferbüro, das in einem neuen Audi Terminal entsteht, muss ein selbstständiger Händler die von Audi vorgeschriebenen Schreibtische anschaffen, die viel teurer sind als andere Büromöbel am Markt. Für solche Investitionen, wie auch für die Finanzierung des Fahrzeugbestands, greift der Händler wiederum auf Kredite der VW-Bank zurück. Mit neuen Verträgen für VW-Händler wächst zudem die Bedeutung des Onlinevertriebs. Damit würden viele Autohausstandorte künftig nicht mehr benötigt, sagen Marktkenner

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Wirtschaft