Corona-Folgen für Wirtschaft

Autos als Ladenhüter – kommen nun Rabatte?

| Lesedauer: 6 Minuten
Volker Mester
Wenig los: Der Chef der Hamburger Autohandelsgruppe Dello, Kurt Kröger, in den Verkaufsräumen des Unternehmens am Nedderfeld.

Wenig los: Der Chef der Hamburger Autohandelsgruppe Dello, Kurt Kröger, in den Verkaufsräumen des Unternehmens am Nedderfeld.

Foto: Michael Rauhe

Händler in Hamburg haben zwar wieder geöffnet, doch die Nachfrage ist gering. Nachlässe und staatliche Kaufprämien sollen helfen.

Hamburg.  Zwar durften Autohäuser am vergangenen Montag wieder öffnen. Von Aufbruchstimmung nach der einmonatigen Zwangspause kann bei ihnen aber keine Rede sein. Selbst Kurt Kröger, geschäftsführender Gesellschafter der Dello-Gruppe und nach eigenem Bekunden sonst ein Optimist, beschönigt die Situation nicht. Das Neuwagengeschäft sei „schwach“, sagt Kröger, der Seniorchef des Hamburger Unternehmens, das einer der größten privaten Autohändler Deutschlands ist und neben Opel und Toyota weitere Marken im Angebot hat.

Für Kröger ist die Ursache des Pro­blems offensichtlich: „Wer wegen der Coronapandemie in Kurzarbeit geschickt wurde, kauft jetzt nicht gerade ein Auto.“ Der Abschwung in der Branche ist nach Einschätzung des Dello-Chefs noch erheblich gravierender als während der Finanz- und Wirtschaftskrise der Jahre 2008/2009. Bereits im März sind die Neuzulassungen in Deutschland um knapp 38 Prozent eingebrochen.

Zahl der Insolvenzen von Autohäusern könnte wegen Corona steigen

Vor diesem Hintergrund hat die Dello-Gruppe selbst für 60 bis 70 Prozent ihrer rund 1500 Beschäftigten Kurzarbeit angemeldet – und diese könne bis September ein Thema bleiben, fürchtet Kröger. Er geht davon aus, dass die Zahl der Insolvenzen von Autohäusern steigt. Auch in den Werkstätten der Dello-Gruppe, die nicht wie der Verkaufs­bereich schließen mussten, sei die Nachfrage geringer als üblich: „Wir haben Servicebetriebe, die jetzt nur tageweise geöffnet sind.“

Zumindest im Werkstattsektor sei bei der Krüll-Gruppe (Marken: Unter anderem Ford, Volvo, Jaguar) die Auslastung „weiterhin stabil“, sagt Michael Babick, Geschäftsführer des Hamburger Unternehmens, was auch an „sehr erfolgreichen Werbemaßnahmen“ liege. Doch von den rund 400 Beschäftigten in der Hansestadt seien 55 Prozent in Kurzarbeit. Babick beobachtet zwar eine „positive Resonanz der Verbraucher“ nach der Öffnung des Verkaufsbereichs, räumt aber ein: „Aktuell verzeichnen wir ein stärkeres Interesse an Gebrauchtwagen.“

Kunden warten ab

Ähnlich äußert sich Sascha Mika, Leiter der BMW-Niederlassung Hamburg. Auch er berichtet über einen „erfreulichen Zulauf“ in den ersten Tagen nach der Wiederöffnung der Verkaufsräume, klingt mit Blick auf das tatsächliche Geschäft aber nicht direkt euphorisch: „Wir werden sehen, wie sich unser Absatz in den nächsten Wochen entwickelt.“ Immerhin befindet sich von den 540 Beschäftigten der Hamburger BMW-Niederlassung keiner in Kurzarbeit.

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Nach Auffassung von Kröger liegt die „abwartende Haltung“ der potenziellen Kunden auch an der Diskussion über staatliche Verschrottungs- beziehungsweise Kaufprämien für Neuwagen. Topmanager mehrerer Herstellerkonzerne hatten darauf gedrängt, solche Prämien sollten angesichts der Coronakrise nicht mehr auf E-Autos beschränkt sein. „Bezogen auf die aktuelle Marktsituation und den hohen Fahrzeugaltbestand im Markt wären solche Anreize ein sehr sinnvolles Instrument wie schon 2009“, sagt Krüll-Geschäftsführer Babick.

Auto­experte erwartet Rückgang des Neuwagenabsatzes von knapp 18 Prozent

Ohne breit angelegte Kaufprämien würde die Autoindustrie nach Einschätzung von Kröger ein „enormes Problem“ bekommen – „und es heißt, dass in Deutschland jeder Fünfte direkt oder indirekt von dieser Branche lebt“. Auto­experte Ferdinand Dudenhöffer von der Universität St. Gallen erwartet für Westeuropa einen Rückgang des Neuwagenabsatzes von knapp 18 Prozent in diesem Jahr und eine nur sehr schleppende Erholung danach. Es seien 100.000 der heute 830.000 Arbeitsplätze bei Autobauern und Zulieferern in Deutschland gefährdet – „unter optimistischen Annahmen“. Dudenhöffer rät Kunden derzeit zum Abwarten, denn die Herstellerkonzerne würden demnächst eigene Rabattaktionen starten, um den Brancheneinbruch abzumildern.

In den nächsten Tagen starte Renault ein Leasingangebot für Tageszulassungen und Vorführwagen, bei dem der Kunde bis Jahresende 2020 keine Raten zahlen müsse, sagt Roger Ehlen, Leiter der Hamburger Renault-Niederlassung. „Ich hätte mir von der Wiederöffnung des Verkaufsbereichs mehr versprochen, das Interesse war relativ verhalten“, so Ehlen. Zwar komme dem Konzern zugute, dass er schon seit längerer Zeit auch auf den digitalen Verkauf setze, zudem habe man in Hamburg einige Erfolge durch aktive Ansprache gewerblicher Kunden erzielt, aber das mache die Corona-Einbußen nicht wett.

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Unterdessen ist „kontaktlos“ das neue Schlagwort in den Autohäusern und ihren Werkstätten. Ford hat eine „No Touch“-Initiative gestartet, bei der Abgabe eines Kundenfahrzeugs im Servicebereich für Reparaturen oder Inspektionen ist „kein persönlicher Kontakt zum Werkstattpersonal erforderlich“. Die entsprechenden Mitarbeiter tragen Einweghandschuhe, die Fahrzeugschlüssel werden ebenso desinfiziert wie der Innenraum. „Lenkrad, Schaltknauf und Fahrersitz werden mit Einwegkunststoffabdeckungen geschützt, die erst bei der Übergabe des Fahrzeugs an den Kunden wieder entfernt werden“, heißt es von Ford.

Respektvoller Umgang mit den Kunden wird erschwert

In den Betrieben der BMW-Niederlassung Hamburg wird von den Beschäftigten „ein Mund-Nasen-Schutz getragen und auch unseren Kunden zur Verfügung gestellt.“ Renault bietet zudem in den Hamburger Standorten „kontaktlose Probefahrten unter Einhaltung von Hygienemaßnahmen“ und versichert: „Unsere Servicemitarbeiter werden im Falle eines persönlichen Kontakts Abstand halten und auf das Händeschütteln verzichten.“

Im Hinblick auf die neuen Bestimmungen und Empfehlungen wegen der Coronavirus-Pandemie hatte Björn Böttcher, Geschäftsführer der Dello-Gruppe, nach eigenen Worten in den vergangenen Wochen „sehr viel zu lesen“. Angesichts der Regeln zur Vermeidung von Ansteckungen fragt er sich aber auch: „Wie geht man eigentlich unter diesen Umständen respektvoll mit den Kunden um?“

Coronavirus: Verhaltensregeln und Empfehlungen der Gesundheitsbehörde

  • Reduzieren Sie Kontakte auf ein notwendiges Minimum und halten Sie Abstand von mindestens 1,50 Metern zu anderen Personen
  • Achten Sie auf eine korrekte Hust- und Niesetikette (ins Taschentuch oder in die Armbeuge)
  • Waschen Sie sich regelmäßig die Hände gründlich mit Wasser und Seife
  • Vermeiden Sie das Berühren von Augen, Nase und Mund
  • Wenn Sie persönlichen Kontakt zu einer Person hatten, bei der das Coronavirus im Labor nachgewiesen wurde, sollten Sie sich unverzüglich und unabhängig von Symptomen an ihr zuständiges Gesundheitsamt wenden

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