Logistik

Paketboten fühlen sich wegen Corona wie vor Weihnachten

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Heiner Schmidt
Hermes-Zusteller Timo Holm mit Paketen auf der Karre im Generalsviertel.

Hermes-Zusteller Timo Holm mit Paketen auf der Karre im Generalsviertel.

Foto: Marcelo Hernandez

So viele Sendungen wie zum Fest – und fast alle Empfänger sind zu Hause. Pandemie verändert den Arbeitsalltag der Zusteller stark.

Hamburg.  Timo Holm ist beim Paketdienst Hermes einer der fest angestellten Beschäftigten für alle Zustell­fälle. Er bedient mit seinem Sprinter XL Paketshops in der Stadt und die kürzlich auf Bahnhöfen aufgestellten Hamburg-Boxen. Wenn Not am Mann ist, übernimmt der 41-Jährige eine der Touren zu den Endkunden der Pakete.

Derzeit ist häufiger mal Not am Mann. In der Coronakrise und insbesondere als die meisten Geschäfte geschlossen bleiben mussten, ist die Zahl der Pakete drastisch in die Höhe geschnellt. „Aktuell stellen wir 40 Prozent mehr Sendungen zu als ursprünglich geplant“, sagt Marco Schlüter, der bei Hermes in Deutschland das operative Geschäft managt. Es sind so viele Pakete wie sonst nur in den Wochen vor Weihnachten. Marktführer DHL meldete jüngst einen Rekord von neun Millionen Sendungen am Tag. Auch bei DPD heißt es: Es ist so viel zu tun wie im Weihnachtsgeschäft.

Hermes hat wegen Corona das Personal mit Aushilfen und Zeitarbeitern aufgestockt

Hermes hat in der Paketsortierung in den Logistikzentren das Personal mit Aushilfen und Zeitarbeitern aufgestockt. In der Zustellung wurden bundesweit etwa 1200 neue Touren aufgebaut. Denn: Weil deutlich mehr Endkunden jetzt deutlich mehr Pakete erhalten, wird jede einzelne Zustellfahrt kürzer. „Eine Tour, die sonst fünf Wohnbereiche abdeckt, ist derzeit schon mit vier solcher sogenannten Zellen ausgelastet. Und mit 150 Paketen im Logistikzentrum Billbrook zu starten, hat keinen Sinn. So viele kann man während der üblichen Arbeitszeit nicht zustellen“, sagt Holm.

Es ist nur eines von vielen Details, die für ihn und seine Kollegen jetzt anders sind. Das meiste ist durchaus erfreulich. „Ich habe in den vergangenen Wochen selbst in der Rushhour kein einziges Mal im Stau gestanden. Einen Parkplatz zu finden ist ebenfalls sehr viel einfacher. Obwohl doch so viele Leute zu Hause arbeiten.“

Unschätzbarer Vorteil für die Zusteller

Das ist für die Zusteller ein unschätzbarer Vorteil. Sie bringen die Pakete sehr viel häufiger beim ersten Versuch direkt zum Empfänger. „Das klappt jetzt oft bei 90 Prozent aller Adressen“, schätzt Holm. Viele Empfänger hätten auch gleich einen eigenen Schreiber zur Hand, um die Zustellung auf dem Paket zu quittieren. Vor Corona habe er bei manchen Touren nur 30 oder 40 Prozent der Originalkunden angetroffen. Dann musste er eine Benachrichtigungskarte ausfüllen oder zeitraubend einen Nachbarn suchen, der die Sendung annimmt. Das fällt jetzt meist weg.

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Zügiger als in der Vor-Coronazeit lassen sich um die 120 Pakete einer Tour aber trotzdem nicht ausliefern, hat der Zusteller festgestellt. Weil die Übergabe pro Paket länger dauert und bei Hermes aus Sicherheitsgründen mittlerweile einer Choreografie folgt. „Es ist eine Art Tänzchen“, sagt Holm. Er legt das Paket vor die Tür, klingelt, tritt zurück bis auf zwei Meter Sicherheitsabstand. Der Kunde öffnet die Tür, unterschreibt auf dem Etikett nahe dem Barcode und muss dann selbst zurückweichen oder die Sendung zum Zusteller rüberschieben, damit der den Barcode samt Unterschrift fotografieren kann. Zur Hygieneausrüstung gehören Wasserkanister und Seife in jedem Transporter. Masken für die Zusteller sollen folgen.

Kunden sind dankbar, mal wieder einen Menschen zu sehen

Und dann sind da noch die Kunden in selbst gewählter Isolation, die dankbar sind, mal wieder einen Menschen zu sehen. „Besonders ältere Menschen haben das Bedürfnis, einen kleinen Schwatz zu halten. Natürlich geht es fast immer um Corona“, sagt Holm. Viel mehr als ein „Mini-Talk“ aber ist bei seinem straffen Programm nicht drin.

Dabei ist der Kundenkontakt in Coronazeiten für die Zusteller oft netter als zuvor. Es gibt viel Lob. „Die Empfänger bedanken sich, dass wir weiterhin unterwegs sind.“ Wie im Weihnachtsgeschäft ist es nicht nur wegen der vielen Sendungen. „Manchmal wird einem jetzt eine Tafel Schokolade oder ein kleines Trinkgeld zugesteckt.“

Zahl der sperrigen und schweren Sendungen ist gestiegen

Entspannter Stadtverkehr, die meisten Empfänger im Homeoffice, warme Worte der Kunden – sind es paradiesische Zeiten für Paketzusteller? Nicht ganz. Denn die Verbraucher bestellen nicht nur mehr, sondern auch anders: „Deutlich mehr Laptops“, sagt Holm. Das geht noch. Aber auch die Zahl der sperrigen und schweren Sendungen ist gestiegen: mehr Schränke, Regale, Teppiche für Heimbüros laden die Fahrer jetzt in die Transporter. Auch Gartenstühle und -tische sind häufiger dabei.

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Für die Paketdienste selbst ist die höhere Zustellquote im ersten Versuch ebenfalls eine gute Nachricht. Wird eine Sendung erst im zweiten oder dritten Anlauf zugestellt, ist das ein Verlustgeschäft. Zugleich ächzen alle Anbieter unter der Last der vielen Pakete. In der Branche wird gemunkelt, dass große Onlinehändler nicht mehr alle ihre Pakete problemlos aufgeben können. Eine Bestätigung dafür gibt es nicht, aber indirekte Hinweise. „Derzeit werden wir von vielen Händlern angefragt, für die wir bislang noch nicht zugestellt haben“, so Hermes-Manager Schlüter. Man muss das wohl so verstehen, dass diese Händler nicht alle Pakete bei ihrem Stamm-Paketdienst unterbringen können.

Paketzusteller arbeiten an der Grenze der Kapazität

Ob DHL, DPD oder Hermes – überall heißt es sinngemäß: „Wir arbeiten an der Grenze der Kapazität.“ Nach der Öffnung eines Teils der Geschäfte dürften die Onlinebestellungen zwar etwas zurückgehen. Doch nun lebt der Paketverkehr zwischen Großhändlern und Geschäften wieder auf. Bei DHL wird schon laut über eine bislang nicht zulässige Zustellung an Sonntagen nachgedacht. „Bei Hermes ist das aktuell nicht geplant“, sagt Marco Schlüter. In einem Hermes-Logistikzentrum seien mit Genehmigung der Behörden aber bereits an Sonntagen Pakete sortiert worden.

„Wir stellen weiter stabil zu, über 90 Prozent aller Sendungen werden am nächsten Tag geliefert“, versichert Schlüter. Doch kommerzielle Versender klagen über längere Lieferzeiten. So weist der Hamburger Spirituosenhändler Jens Lühmann (Weinquelle), der mit DHL verschickt, im Onlineshop darauf hin, das Paket könne etwas länger unterwegs sein.

Lage entspannt sich

„Im krassesten Fall lag eine Sendung drei Wochen unangetastet im Hamburger Paketzentrum, bevor sie auf den Weg zum Kunden ging“, sagt Lühmann. Seit einigen Tagen entspanne sich die Lage aber. In den Onlineshops des Hamburger Weinhandelshauses Ha­wesko liegt die durchschnittliche Lieferzeit bei fünf bis sieben Tagen. Das liege nicht nur, aber auch an den Paketdiensten, sagt Vorstandschef Thorsten Hermelink. Sein Eindruck: „DHL und Hermes haben in einigen Regionen ihre Kapazitätsgrenzen offenbar überschritten.“

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Zusteller Timo Holm muss dieses Problem nicht lösen. „Ich bin erst einmal froh, dass ich keine Angst um meinen Arbeitsplatz haben muss, während andere jetzt Lohneinbußen haben“, sagt er. Und noch etwas gefällt ihm derzeit besonders gut: „Hamburger dürfen in Schleswig-Holstein noch nicht einmal spazieren gehen. Wenn ich eine Tour im Umland habe, fahre ich zwischen blühenden Rapsfeldern hindurch.“

Coronavirus: Verhaltensregeln und Empfehlungen der Gesundheitsbehörde

  • Reduzieren Sie Kontakte auf ein notwendiges Minimum und halten Sie Abstand von mindestens 1,50 Metern zu anderen Personen
  • Achten Sie auf eine korrekte Hust- und Niesetikette (ins Taschentuch oder in die Armbeuge)
  • Waschen Sie sich regelmäßig die Hände gründlich mit Wasser und Seife
  • Vermeiden Sie das Berühren von Augen, Nase und Mund
  • Wenn Sie persönlichen Kontakt zu einer Person hatten, bei der das Coronavirus im Labor nachgewiesen wurde, sollten Sie sich unverzüglich und unabhängig von Symptomen an ihr zuständiges Gesundheitsamt wenden

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