Hamburg

Coronakrise: Mehrere Hundert Jobs bei Airbus sind in Gefahr

| Lesedauer: 4 Minuten
Wolfgang Horch
Airbus-Beschäftigte arbeiten im Hamburger Werk auf Finkenwerder an der Innenausstattung eines A320.

Airbus-Beschäftigte arbeiten im Hamburger Werk auf Finkenwerder an der Innenausstattung eines A320.

Foto: dpa

Luftfahrtexperte Heinrich Großbongardt sieht den Flugzeugbauer aber im Vorteil gegenüber Boeing und sagt höhere Ticketpreise voraus.

Hamburg.  Airbus kämpft ums Überleben, schrieb Vorstandschef Guillaume Faury in einer Mail an seine Mitarbeiter. Mit dem Senken der Monatsrate von 60 auf 40 A320-Flugzeuge, die zu gut der Hälfte in Hamburg endmontiert werden, sei auch ein Drittel des Umsatzes verschwunden. Das Abendblatt sprach mit dem Luftfahrtexperten Heinrich Großbongardt über die Branchenkrise.

Hamburger Abendblatt: Herr Großbongardt, kommt Airbus ohne Jobabbau aus?

Heinrich Großbongardt: Airbus wird angesichts der Tiefe und Länge der Krise in Zukunft deutlich kleiner sein als heute. Bis jetzt bereitete sich der Konzern auf einen Hochlauf der Produktion vor. Die Zeiten sind vorbei. Ich halte sogar ein Absenken der Rate auf 30 A320-Flieger pro Monat für die nächsten beiden Jahre für realistisch. Das kann konzernweit bis zu 15.000 der 135.000 Arbeitsplätze kosten. In Hamburg dürften mindestens mehrere Hundert der knapp 15.000 Jobs wegfallen.

Wie stark verändert die Krise die Luftfahrt?

Großbongardt: Der Markt wird kleiner werden, weil Airlines Insolvenz anmelden. Die Nachfrage der Passagiere wird um 20 Prozent sinken – mindestens. Entsprechend werden weniger Maschinen gebraucht. Es wird fünf, sechs Jahre dauern, bis das Vorkrisenniveau halbwegs wieder erreicht ist. Eine Rate von 60 A320-Fliegern pro Monat sehe ich nicht vor Ende des Jahrzehnts. Die Probleme etwas lindern könnte höchstens eine Abwrackprämie.

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Wird Airbus oder Boeing mehr leiden?

Großbongardt: Airbus hat momentan die besseren Karten. Die A320-Familie läuft deutlich besser als die 737-Familie, die durch das Flugverbot für die Max nach zwei Abstürzen zusätzlich belastet ist. Durch die A220-Familie hat Airbus zudem einen modernen kleinen Jet für 100 bis 150 Passagiere. Dieser Bereich wird nach der Krise wichtiger werden. Boeing hat da nichts zu bieten, nachdem die Übernahmegespräche mit Embraer gescheitert sind. Boeing ist bei Langstreckenfliegern besser aufgestellt, aber der Bereich wird in den nächsten fünf, sechs Jahren stärker leiden als Mittelstreckenflieger. Weil die Luftfahrt aber sowohl für die US-Regierung als auch für Europas Regierungen zu den Grundpfeilern der Industriepolitik gehört, werden Boeing und Airbus die Krise überstehen.

Die Auftragsbücher sind eigentlich voll, die Produktion auf Jahre ausgelastet. Wie können Airlines vom Kaufvertrag zurücktreten?

Großbongardt: Wer kein Geld hat, kann auch keine Maschinen bezahlen. Es stehen 90 bis 95 Prozent der Weltflotte am Boden. Die Wartung der Maschinen kostet Geld. Und es fehlt Cash, weil keine Tickets mehr verkauft werden. Die Airlines müssen sogar Geld für Tickets zurückzahlen, weil Flüge ausfallen. Die Preise für Flugzeuge werden daher sicherlich sinken. Zumal es mit Airline-Pleiten und der Rückgabe von geleasten Flugzeugen ein relativ großes Angebot von gebrauchten Flugzeugen auf dem Markt geben wird, gegen das Airbus dann konkurriert.

Welche Änderungen gibt es für Passagiere?

Großbongardt: Nach einer kurzen Phase des Preisdrucks wird Fliegen eher teurer werden. Ich schätze um 15 bis 20 Prozent. Weil die Wirtschaft schrumpft, wird es weniger Geschäftsreisende geben, mit denen die Airlines gutes Geld verdient haben. Bei Billigfliegern wird es einen Bereinigungsprozess geben. Kleinere Anbieter verschwinden, große wie Ryanair und Easyjet bleiben am Markt. Das Problem für sie: Ihre Kostenvorteile können sie nur bei vielen Passagieren ausspielen, deren Zahl nach der Krise aber sinken wird. Der Ticketkauf wird in Zukunft noch stärker von Vertrauen abhängen: Was tut die Airline, um meine Gesundheit zu schützen? Da haben Airlines wie Lufthansa und British Airways Vorteile.

Coronavirus: Verhaltensregeln und Empfehlungen der Gesundheitsbehörde

  • Reduzieren Sie Kontakte auf ein notwendiges Minimum und halten Sie Abstand von mindestens 1,50 Metern zu anderen Personen
  • Achten Sie auf eine korrekte Hust- und Niesetikette (ins Taschentuch oder in die Armbeuge)
  • Waschen Sie sich regelmäßig die Hände gründlich mit Wasser und Seife
  • Vermeiden Sie das Berühren von Augen, Nase und Mund
  • Wenn Sie persönlichen Kontakt zu einer Person hatten, bei der das Coronavirus im Labor nachgewiesen wurde, sollten Sie sich unverzüglich und unabhängig von Symptomen an ihr zuständiges Gesundheitsamt wenden

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