Hamburg

Einbahnstraßen und Funkchips regeln jetzt den Einkauf

| Lesedauer: 8 Minuten
Hanna-Lotte Mikuteit und Wolfgang Horch
Maske, Handschuhe, Desinfektionsspray: Clio Dammann am Eingang vom Modehaus Wormland.

Maske, Handschuhe, Desinfektionsspray: Clio Dammann am Eingang vom Modehaus Wormland.

Foto: Michael Rauhe / FUNKE Foto Services

Um die Hygienevorschriften einhalten zu können, lassen sich die Hamburger Einzelhändler kreative Lösungen einfallen.

Hamburg.  Fast wäre er durch die falsche Tür gegangen. Ein Ordner weist Jörg Harengerd mit einer diskreten Handbewegung den richtigen Weg. Auch der Centermanager der Europa Passage muss sich noch umgewöhnen. In dem Einkaufszentrum zwischen Mönckebergstraße und Jungfernstieg gibt es seit der Wiedereröffnung am Montag quasi eine Einbahnstraßenregelung.

„Es ist ein bisschen wie auf dem Verkehrsübungsplatz.“, sagt Harengerd. Bis nach Mitternacht haben er und sein Team am Sonntag gearbeitet, um die Öffnung der 120 Läden vorzubereiten. Vor den Eingängen, an Treppen und auf den Gängen kleben große Hinweise, die Straßenschildern nachempfunden sind, und Abstandsmarkierungen.

Europa-Passage erfasst Kundenzahl elektronisch

Auf großen Tafeln wird auf Hygieneregeln und Maskengebot hingewiesen. „Ich bin sehr froh, dass es wieder losgeht“, sagt der erfahrene Manager des Betreibers ECE. „Aber ich habe auch großen Respekt. Es fühlt sich wie ein Neustart an.“

Gegen Mittag nimmt sich Harengerd einige Minuten Zeit und beobachtet vor dem Eingang, ob die Menschen sich an die ungewohnten Einkaufsregeln halten. „Es läuft schon ganz gut“, sagt er. Hinter der Tür hat er zwei Ordner postiert. In dem Center wird die Zahl der Kunden elektronisch erfasst.

Bisher keine Warteschlangen vor Geschäften

„Wenn es zu voll wird, können wir den Einlass schnell regulieren.“ Am Montag war das noch nicht notwendig. Warteschlangen gab es keine. Noch sind auch nicht alle Geschäfte in der Passage wieder geöffnet.

„Am ersten Tage waren es etwa 70 Prozent“, sagt der Centerchef. Bis Mittwoch rechnet er damit, dass alle ihre notwendigen Vorbereitungen abgeschlossen haben. „Wir lernen im Moment noch und müssen sehen, wie es läuft.“

Coronavirus: Verhaltensregeln und Empfehlungen der Gesundheitsbehörde

  • Reduzieren Sie Kontakte auf ein notwendiges Minimum und halten Sie Abstand von mindestens 1,50 Metern zu anderen Personen
  • Achten Sie auf eine korrekte Hust- und Niesetikette (ins Taschentuch oder in die Armbeuge)
  • Waschen Sie sich regelmäßig die Hände gründlich mit Wasser und Seife
  • Vermeiden Sie das Berühren von Augen, Nase und Mund
  • Wenn Sie persönlichen Kontakt zu einer Person hatten, bei der das Coronavirus im Labor nachgewiesen wurde, sollten Sie sich unverzüglich und unabhängig von Symptomen an ihr zuständiges Gesundheitsamt wenden

Hamburger Innenstadt fünf Wochen lang wie ausgestorben

Fünf Wochen war die Hamburger Innenstadt wegen der Schließungen mehr oder weniger ausgestorben. Jetzt erwacht das Leben langsam wieder. Nach zögerlichem Start am Montagmorgen waren um die Mittagszeit schon wieder zahlreiche Menschen in den Einkaufsstraßen zwischen Hauptbahnhof und Gänsemarkt unterwegs, die ersten mit gefüllten Einkaufstaschen.

Möglich ist das laut der Allgemeinverfügung des Senats, die Geschäften mit einer Verkaufsfläche von bis 800 Quadratmetern die Öffnung erlaubt. „Wir sind sehr froh über die Entscheidung der Politik, die die Besonderheiten der Hamburger Innenstadt berücksichtigt“, sagt Citymanagerin Brigitte Engler.

Hamburg: Shoppingcenter und Passagen dürfen öffnen

In der Hansestadt dürfen auch Shoppingcenter und Passagen wieder öffnen, wenn die Hygienevorschriften und Mindestabstände von 1,50 Metern eingehalten werden. „Ich bin sicher, dass die Hygieneregeln von den Händlern sehr ernst genommen werden“, sagte die Citymanagerin. Aber sie macht auch klar: „Es ist noch keine Rückkehr zur Normalität.“

Vor allem kleinere Geschäfte haben die Lockerungen schnell umgesetzt. Das Wäschehaus Möhring am Großen Burstah hat den roten Teppich vor der Tür wieder ausgerollt. Bei Waitz am Neuen Wall kamen schon um kurz nach 10 Uhr die ersten Kunden, um nach Porzellan und Küchenartikeln zu schauen. „Wir warten noch auf eine Plexiglasscheibe für den Kassenbereich“, sagt Filialleiter Stefan Droste.

Corona: Hamburg erlaubt Trick bei 800-Quadratmeter-Regel:

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Mit dem Einkaufskorb durchs Warenhaus

Bei Foto Wiesenhavern werden die Kunden auf zwei Spuren zu Verkauf und Beratung in den ersten Stock geleitet. Die großen Warenhäuser Karstadt und Kaufhof haben im Erdgeschoss Bereiche geöffnet. Dort wird eine Auswahl aus dem Sortiment angeboten. „Jeder Kunde muss einen Einkaufskorb mitnehmen. So behalten wir den Überblick“, sagt ein Kaufhof-Mitarbeiter.

Auch Modehändler wie Zara, Esprit und Zalando verkaufen auf begrenztem Platz. Der Herrenausstatter Wormland hat in der Europa Passage ebenfalls nur das Erdgeschoss geöffnet An der Tür steht Mitarbeiterin Clio Dammann mit Desinfektionsspray.

„Wir warten auf eine Entscheidung, ob wir die oberen Stockwerke mit getrennten Eingängen ebenfalls öffnen dürfen“, sagt der stellvertretende Filialleiter Armin Louis Nur. Noch geschlossen waren am Montag die Läden großer Anbieter wie H&M, C&A oder Saturn. Peek & Cloppenburg und Sportscheck öffnen am Dienstag.

Elektronische Chips für den Schuheinkauf

Auch in den Einkaufsstraßen und Shoppingcentern in den Stadtteilen geht das Geschäftsleben wieder los. Im Alstertal Einkaufszentrum in Poppenbüttel schauen sich die Kunden vor dem Schuhhaus Deichmann genau um. „Zugang nur mit Chip“, steht auf einem Schild.

„Sie können gerne hereinkommen“, ruft eine Verkäuferin hinter ihrem Mundschutz. Direkt daneben stehen Desinfektionsmittel. Der elektronische Chip werde verteilt, weil es in dem Laden keine Körbe gebe, sagt die Verkäuferin.

So sollen der Einlass geregelt und die Kunden gezählt werden. Maximal 50 Kunden dürfen gleichzeitig rein. Plötzlich piept ein durchdringender Alarmton – ein Kunde hatte vergessen, den Chip wieder abzugeben.

Nur vereinzelt Hamburger unterwegs

Von Besuchern überrannt wird am späten Montagvormittag allerdings weder die Deichmann-Filiale noch das ganze Center im Norden Hamburgs. Die Menschen laufen sehr vereinzelt durch die Gänge. Abstand halten ist kein großes Problem. Fast alle achten darauf, halten kurz an, um andere vorbeizulassen oder laufen einen Bogen.

Einige tragen Mundschutz, andere nicht. Loungebereiche sind mit rot-weißem Flatterband abgesperrt. Einigen Unternehmen hat die Zeit für die Wiedereröffnung offenbar nicht gereicht.

Das Coronavirus in Deutschland und weltweit:

Keine flächendeckende Öffnung im AEZ

Bei der Bekleidungskette Gant klebt ein Zettel an der Glasfront. Aus organisatorischen Gründen hätten die Hygienemaßnahmen noch nicht umgesetzt werden können, weshalb man erst im Laufe der Woche öffnen werde.

Von einer flächendeckenden Öffnung kann im AEZ nicht die Rede sein. Gefühlt die Hälfte der Läden ist dicht. Bei Modemarken wie Tom Tailor, Gerry Weber oder Vero Moda darf man rein. Draußen bleiben heißt es dagegen bei Hollister, Levi’s und Calida.

Bei Fielmann brauchen Kunden einen Termin

Eine klare Linie ist nicht zu erkennen. Der eine Zeitungsladen hat auf, der andere zu. Auch beim Brillenspezialisten Mister Spex steht man vor verschlossenen Türen. Bei Marktführer Fielmann wittert eine Frau mittleren Alters eine Chance. Sie zieht sich vor dem Geschäft ihren Mundschutz hoch und steuert auf den Verkäufer an der Tür zu. „Ich brauche eine Lesebrille.“

Der fragt höflich, ob sie angemeldet sei: „Ich kann Sie nur reinlassen, wenn Sie einen Termin haben.“ Die Öffnungszeiten bei Fielmann sind wie bei Optiker Bode eingeschränkt: Beide Ketten öffnen nur von 10 bis 15 Uhr.

Abstandsregelung wird eingehalten

Bei Thalia im Erdgeschoss steht eine Reihe von Kunden an der Kasse an. Die Schlange zieht sich durch den Verkaufsraum, der Abstand wird eingehalten. Nach dem Einkauf nimmt eine Frau mit gelber Warnweste und dem Schriftzug „Alstertal Einkaufszentrum“ die Körbe entgegen und desinfiziert sie. Vor dem Geschäft unterhalten sich zwei Kundinnen darüber, dass die Menschen den Abstand glücklicherweise gut einhalten würden. „Wir wollen ja nicht, dass die gleich wieder schließen.“

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