Wirtschaft

Einkaufszentren wollen in Coronakrise mehr Läden öffnen

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Martin Kopp, Oliver Schade, Heiner Schmidt und Melanie Wassink
Centermanagerin Sylvia Nielius hat für das Hanseviertel schon konkrete Maßnahmen ausgearbeitet.

Centermanagerin Sylvia Nielius hat für das Hanseviertel schon konkrete Maßnahmen ausgearbeitet.

Foto: Andreas Laible

Aber dürfen sie auch? Geschäftsleute setzen auf Hamburger Verordnung. Das sind die Pläne von Tchibo, Fielmann und anderen Händlern.

Hamburg.  Es klingt verlockend: Von Montag an werden Schuhgeschäfte wieder öffnen, die Kundinnen können in Boutiquen durch die Sommermode stöbern, und auch die Autohändler werden ihre Modelle wieder „live“ zeigen dürfen, nicht nur im Internet. Weitere Geschäfte in Deutschland dürfen von der kommenden Woche an wieder öffnen, verkündete die Bundesregierung. Demnach dürfen Läden bis zu 800 Quadratmetern Verkaufsfläche an den Start gehen. Unabhängig von der Fläche dürfen auch Autohäuser, Fahrradhändler und Buchhandlungen wieder Kunden bedienen.

Nach ersten positiven Signalen aus dem Handel über den Neustart vieler Geschäfte regt sich allerdings Unmut über die unklare Lage: Denn die einzelnen Bundesländer können – wie auch bei den Schulen – selber über Einzelheiten entscheiden, sodass beim Shoppen ein Flickenteppich in Deutschland droht.

Hamburger Senat will Regelwerk beschließen

Unsicher ist bisher, ob auch Einkaufszentren öffnen dürfen, was mit den Passagen in der Hamburger Innenstadt passiert und ob auch größere Läden wieder Kunden einlassen dürfen, wenn sie ihre Verkaufsfläche etwa mithilfe von aufgestellten Wänden auf 800 Quadratmeter beschränken. In der Hansestadt will der rot-grüne Senat am heutigen Freitag das genaue Regelwerk beschließen. Zuvor müssten die Behörden „prüfen, wie die Beschlüsse in die bestehenden Verordnungen eingebracht werden können“, sagte Susanne Meinecke, Sprecherin der Wirtschaftsbehörde.

„Es gibt im Moment eine sehr große Unsicherheit bei den Händlern“, beklagte Brigitte Engler vom City Management und forderte schnelle Klarheit vom Senat. Bei einer Videokonferenz von Mitgliedern des Einzelhandelsverbands sowie des Handelsausschusses der Hamburger Handelskammer am Donnerstag wurde ebenfalls deutlich, dass sich Einzelhändler eine Konkretisierung der Vorgaben wünschen. Mehrere Inhaber berichteten, dass sie eine Verknappung ihrer Verkaufsfläche auf 800 Quadratmeter vorbereiteten, obgleich ihre Ladenfläche größer sei. „Das muss aber letztlich der Senat entscheiden“ sagte ein Teilnehmer.

Tschentscher warnt vor „neuen Infektionsrisiken“

Auch zu den Einkaufszentren geht aus dem neuen Bund-Länder-Beschluss nichts Konkretes hervor. Allerdings sagte Bayerns Regierungschef Markus Söder (CSU) in einer Pressekonferenz, dass Shoppingcenter geschlossen bleiben. Die ECE, Betreiber und Entwickler vieler Center, rechnet für Hamburg hierbei aber mit einer positiven Entscheidung: „Wir gehen grundsätzlich davon aus, dass die Regelungen auch für die einzelnen Geschäfte in den Shoppingcentern gelten werden“, sagte Lukas Nemela, Sprecher des ECE-Konzerns. Schließlich hatten die Shoppingcenter auch bisher geöffnet, um den Zugang zu Supermärkten, Drogerien oder Apotheken zu bieten, argumentierte Nemela. „Und natürlich begrüßen wir es, wenn die Geschäfte wieder schrittweise an den Start gehen können“, ergänzte der Sprecher der Firma, die etwa die Europa Passage, das AEZ und die Hamburger Meile betreibt.

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Dem Wunsch nach einer Öffnung der Einkaufscenter schließt sich die Schuhkette Görtz an: „Da wir natürlich viele Filialen in den Zentren haben, wären wir sehr erfreut, wenn die Hamburger Regierung die Einkaufszentren auch öffnen lassen würde“, sagte eine Sprecherin. Die großen Geschäfte und auch Kaufhäuser sollen geschlossen bleiben, um eine zu starke Sogwirkung und damit volle Einkaufsstraßen zu verhindern, hatten die Experten argumentiert. Auch Hamburgs Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) hatte im ARD-„Morgenmagazin“ davor gewarnt, „dass es zu neuen Infektionsrisiken“ kommen könne.

Regionale Besonderheit

Zum Risiko eines großen Andrangs verwies das City Management auf eine regionale Besonderheit: „In Hamburg erzielen die Geschäfte in der Innenstadt nur 18 Prozent des gesamten Einzelhandelsumsatzes“, sagte Brigitte Engler vom City Management, das gut 800 Läden in der Innenstadt und der HafenCity vertritt. Damit sei, anders als in vielen Städten, wo dieser Anteil ein Drittel erreicht, der Einkaufsandrang hier besser verteilt, etwa auf die Bezirke. „Außerdem fehlen in der Innenstadt ausländische Touristen und Angestellte, die jetzt im Homeoffice­ arbeiten“, begründet Engler ihren Wunsch an den Senat, dass auch die Passagen wieder öffnen sollten.

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Im Hanseviertel sieht man sich dafür bestens gerüstet. „Wir bereiten uns mit den Inhabern darauf vor, die Geschäfte unserer Passage endlich wieder öffnen zu dürfen“, sagte Centermanagerin Sylvia Nielius. Die Bedingungen seien optimal. „Es gibt im Hanseviertel eine automatisierte Echtzeit-Zählung der Besucher.“ Dafür wurde eine neue Anlage an allen Eingängen installiert. „Das Tracking zeigt uns zu jedem Zeitpunkt, wie viele Menschen sich in der Passage aufhalten“, sagte Nielius. Der Eingang in die Passage selbst werde ohne Berührung möglich sein – entweder durch offene Türen oder auch durch Servicepersonal, das die Türen öffnet. In der Passage selbst solle es einen Richtungsverkehr geben, ähnlich wie im Straßenverkehr. Nielius: „Die Geschäfte haben ja ohnehin die Verpflichtung, nur eine bestimmte Anzahl von Kunden einzulassen.“

Kaffeeröster Tchibo steht in den Staartlöchern

Die Auflagen zur Hygiene sehen bundesweit vor, dass sich keine Warteschlangen vor den Läden bilden. Auch wird zum besseren Schutz beim Einkaufen das Tragen von sogenannten Alltagsmasken empfohlen. Eine generelle Maskenpflicht soll es aber nicht geben.

Auch beim Hamburger Kaffeeröster Tchibo steht man für einen Neubeginn in den Startlöchern. „Wo immer es möglich ist, werden wir unsere Filialen öffnen“, sagte ein Firmensprecher. Auch bei Tchibo komme es nun auf die Durchführungsbestimmungen der einzelnen Bundesländer an. Fest steht: Die große Filiale am Rathausmarkt bleibt zunächst wegen Renovierungsarbeiten geschlossen.

Große Erleichterung bei Hamburger Autohändlern

Die Optikerkette Fielmann bereitet sich auf eine großzügige Öffnung ihrer Filialen vor. Bisher befanden sich diese im Notbetrieb. Nur Kunden aus systemrelevanten Berufen (Ärzte, Polizisten usw.) konnten ihre Brillen und Hörgeräte reparieren oder anpassen lassen. Man arbeite an längeren Öffnungszeiten und ausgeweiteten Kundenbesuchen nach vorheriger Terminvergabe, sagte eine Fielmann-Sprecherin. Bei den Hygienemaßnahmen richte man sich nach einem Gutachten der Uni Bonn. So soll der Kunde beim Betreten des Geschäfts nach Symptomen wie Husten oder Fieber gefragt werden. Kunden und Optiker müssen Atemschutzmasken tragen, die auch von Fielmann zur Verfügung gestellt werden.

Die Hamburger Fahrradmarkt-Kette B.O.C. kündigte an, am Montag ihre bundesweit 35 Filialen – davon drei in Hamburg – wieder zu öffnen. Derzeit sind nur die Werkstätten auf. Für die großen Märkte würden nun umfangreiche Sicherheitsmaßnahmen getroffen, sagte Geschäftsführer Bernd Heumann.

Weitere Maßnahmen

Große Erleichterung herrscht auch in der Autobranche über die gelockerten Bestimmungen. „Wir sind froh darüber, dass der Autohandel voraussichtlich wieder öffnen kann“, sagte Martin Rumpff, Geschäftsführer der Innung des Kfz-Gewerbes in Hamburg. Bisher fehle zwar der offizielle Hinweis von der Stadt. Die Betriebe würden dann am Montag, eine entsprechende Verordnungslage vorausgesetzt, mit Sicherheit wieder öffnen. „Denn die Nerven der Händler liegen bloß – angesichts vollgestellter Höfe mit vorfinanzierten Fahrzeugen“, sagte Rumpff über die Lage in der Branche.

Nach der Phase der nun gelockerten Bestimmungen für den Handel geht der Prozess der Coronaerleichterungen schon bald in eine neue Runde: Es heißt, rechtzeitig vor dem 4. Mai werden die Bundeskanzlerin und die Regierungschefinnen und Regierungschefs der Länder die Entwicklung erneut bewerten und weitere Maßnahmen beschließen.

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