Friseurin gewährt Einblick

Kurzarbeit wegen Corona – reicht das Geld zum Leben?

| Lesedauer: 12 Minuten
Hanna-Lotte Mikuteit
900 Euro bleiben Friseurin Franziska Pohl im Monat. Bei der Bank hat sie bereits die Stundung von Kreditraten beantragt.

900 Euro bleiben Friseurin Franziska Pohl im Monat. Bei der Bank hat sie bereits die Stundung von Kreditraten beantragt.

Foto: Marcelo Hernandez

Friseurin Franziska Pohl sitzt seit Wochen zu Hause – wie Tausende Hamburger. Sie bekommt noch 60 Prozent ihres früheren Nettolohns.

Hamburg. Eigentlich hat Franziska Pohl kurz vor Ostern so viel zu tun, dass sie abends nur noch müde ins Bett fällt. Waschen, schneiden, föhnen. Vielleicht noch neue Farbe. „Vor den Festtagen ist besonders viel los. Alle wollen sich schön machen“, sagt sie. Sie mag das. Friseurin ist ihr Traumberuf.

Doch statt im Salon in Henstedt-Ulzburg zu stehen, sitzt die Hamburgerin nun zu Hause. Als die Friseure vor knapp drei Wochen wegen der Coronakrise ihre Betriebe schließen mussten, hat auch ihr Arbeitgeber, die Klier Hair Group, alle Beschäftigten in Kurzarbeit geschickt.

Kurzarbeit wegen Corona: Friseurin lebt von 900 Euro

„Die Nachricht kam per WhatsApp“, sagt sie. Es ist nicht so, dass Franziska Pohl diese Maßnahme nicht erwartet hätte. Sie ist Betriebsrätin, kennt sich aus. „Aber es war dann doch ein Schock.“ Plötzlich hat sie statt zu wenig viel zu viel Zeit. Und mit jedem Tag, den sie in Kurzarbeit ist, wächst die Angst, wie sie in den nächsten Wochen finanziell über die Runden kommen soll.

Franziska Pohl bekommt als Single ohne Kinder 60 Prozent ihres Nettogehalts als Kurzarbeitergeld ausgezahlt. Das klingt zunächst nach gar nicht so wenig. Aber wenn man wie sie als Friseurin rund 1500 Euro im Monat netto verdient, bedeuten 40 Prozent weniger schnell den Abstieg in ein Leben nahe dem Existenzminimum.

Ungefähr 900 Euro wird die 30-Jährige im April noch bekommen, wenn sich die Lage nicht ändert. „Davon kann ich meine Fixkosten nicht mehr bezahlen.“ Denn auch die Trinkgelder, in der Regel monatlich zwischen 200 bis 300 Euro zusätzlich, fallen nun weg.

Kurzarbeit – alles gerät ins Wanken

Aber Miete, Kosten für Auto und Handy sowie die Raten für zwei Kredite, die sie für Meisterprüfung und Führerschein aufgenommen hat, laufen weiter. Und essen muss sie schließlich auch noch.

Inzwischen grübelt sie viel. „Ich habe mir die Unabhängigkeit hart erarbeitet“, sagt die gebürtige Mecklenburgerin, die bereits vor 13 Jahren ihre Lehre bei Klier absolviert hat. Jetzt ist plötzlich alles ins Wanken geraten.

Unternehmen stocken das Kurzarbeitergeld nicht auf

Franziska Pohl ist eine von Zehntausenden Hamburgern und Hamburgerinnen, die seit Beginn des Coronashutdowns im März in Kurzarbeit sind – und deshalb mit deutlich weniger Geld auskommen müssen.

Allein in der Hansestadt haben nach Angaben der Arbeitsagentur inzwischen rund 22.500 Betriebe Kurzarbeit beantragt. In den meisten Fällen, wie auch bei der Friseurkette Klier, bekommen die Angestellten gemäß der gesetzlichen Regelungen 60 Prozent ihres Gehalts. Bei Arbeitnehmern mit mindestens einem Kind sind es 67 Prozent.

„Viele können sich Miete und Lebensunterhalt damit schlicht nicht mehr leisten. Wir brauchen in den unteren Lohngruppen eine Erhöhung des Kurzarbeitergeldes auf 90 beziehungsweise 95 Prozent des Nettolohns“, fordert Hamburgs Ver.di-Chef Berthold Bose in der aktuellen Krise.

Prekäre Situation im Einzelhandel und in Gastronomie

Vor allem im Einzelhandel und in der Gastronomie gebe es schon jetzt immer weniger Tarifstrukturen. Bei den Beschäftigten in diesen Branchen verschärfe sich die prekäre Situation und werde schnell existenziell, wenn das Kurzarbeitergeld nicht deutlich aufgestockt werde.

Es gibt inzwischen einige Beispiele für tarifliche Regelungen. In der Systemgastronomie, wo viele Beschäftige im Niedriglohnbereich arbeiten, wurde mit der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten eine Aufstockung auf 90 Prozent vereinbart.

Coronavirus – die Bilder zur Krise:

Thema ist in der Politik angekommen

Die IG Metall hat ein Krisenpaket für die Metall- und Elektroindustrie durchgesetzt, sodass das Kurzarbeitergeld auf 80 Prozent angehoben wird. Arbeitgeberbände etwa im Einzel- und Versandhandel sehen allerdings keine Spielräume. Der DGB hatte zuletzt eine allgemeine Erhöhung von 20 Prozent für Mai, Juni und Juli vorgeschlagen. Auch Ver.di-Bundeschef Frank Wernecke fordert eine gesetzliche Lösung.

Das Thema ist zudem in der Politik angekommen. Die Grünen wollen eine gestaffelte Aufstockung von bis zu 90 Prozent für Geringverdiener. Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) hat Gespräche mit Arbeitgebern und Gewerkschaftlern über das Thema angekündigt.

Nach einer Übersicht des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung ist die gesetzliche Höhe des Kurzarbeitergelds in vielen europäischen Ländern deutlich großzügiger als in Deutschland bemessen.

Fachverkäuferin verdient schon normalerweise wenig

Brigitte Zeisig (Name von der Redaktion geändert) ist seit Mitte März in sogenannter Kurzarbeit Null. Den Namen ihres Arbeitgebers will sie lieber nicht nennen. Schon im normalen Leben ist es für die Fachverkäuferin im Einzelhandel nicht leicht, mit ihrem Nettogehalt von knapp 1200 Euro klarzukommen.

„Allein meine Miete beträgt 600 Euro“, sagt die 56-jährige, die in Schenefeld wohnt. Seit einiger Zeit hat sie zusätzlich einen 450-Euro-Job als Servicekraft bei Veranstaltungen angenommen. „Aber damit war schon Anfang März Schluss, nachdem zahlreiche Events abgesagt worden waren“, so Zeisig. Ende März hatte sie so bereits deutlich weniger Geld auf dem Konto.

120 Euro zum Leben

Im April rechnet sie bei 60 Prozent Kurzarbeitergeld nun mit 720 Euro Einkommen. „Wenn ich die Miete überwiesen habe, bleiben mir noch 120 Euro zum Leben“, sagt sie. Dann sind weder Strom, noch Versicherungen, Telefon und die Pacht für ihren Kleingarten bezahlt.

Zudem laufen Kreditraten weiter – und auch das kleine Auto, ihr persönlicher Luxus, kostet Geld. Rücklagen hat sie keine. „Die ersten zwei Wochen war ich noch ganz optimistisch, dass es irgendwie geht“, sagt die alleinstehende Frau. Dann kam das Tief. „Ich habe Angst bekommen. Man weiß ja nicht, wie lange das alles noch dauert“, sagt sie. „Ich habe mich so ohnmächtig gefühlt und viel geweint.“

Hartz-IV als einziger Ausweg?

Dazu kommt die Sorge, dass ihr Arbeitgeber die Krise nicht überstehen und sie ihren Job ganz verlieren könnte. Etwas Neues zu finden, sei in ihrem Alter nicht einfach. Brigitte Zeisig hat angefangen, ihre Ausgaben zu reduzieren und mit dem Nötigsten auszukommen. „Auswärts essen zu gehen oder eine Spritztour an die Ostsee, was ich mir sonst als kleine Flucht mal gönne, fallen ja sowieso weg“, sagt die Schenefelderin.

Finanzsenator: So funktioniert der Hamburger Schutzschirm

Trotzdem werde das Kurzarbeitergeld nicht reichen. „Damit bin ich innerhalb von einem Monat in den Miesen.“ Der einzige Ausweg in der Not: Sie könnte beim Jobcenter Grundsicherung durch Arbeitslosengeld II beantragen, um das Kurzarbeitergeld aufzustocken.

Für die Einzelhandelskauffrau eine schwere Entscheidung. „Ich versuche immer alles selbst zu schaffen. Darauf bin ich stolz“, sagt sie. Hartz-IV-Empfängerin werden? Für sie war das nie eine Option.

Antragsformular war ein „Bürokratie-Schock“

Das neunseitige Antragsformular liegt schon eine Weile bei Brigitte Zeisig. Ausgefüllt hat sie es noch nicht. „Ich sollte so viele persönliche Angaben machen. Das war ein Bürokratie-Schock.“ Inzwischen gibt es ein vereinfachtes Antragsverfahren für Menschen, die durch die Coronakrise in finanzielle Not geraten.

Trotzdem überlegt sie weiter, ob sie nicht auch ohne die staatliche Unterstützung auskommen kann. Vielleicht geht es, wenn es ihr gelingt, einen neuen 450-Euro-Job zu finden. „Für mich ist die Situation schwer, weil beide Arbeitsplätze weggebrochen sind“, sagt sie. „Das ist ein Schlag ins Gesicht.“

Von ihrem Arbeitgeber hätte sie erwartet, dass dieser sich an der Aufstockung des Kurzarbeitergelds beteiligt. „Das ist schon eine Enttäuschung.“ Trotzdem ist sie inzwischen wieder ein bisschen optimistischer. „Ich hoffe, dass wir den Laden Ende April wieder öffnen können.“

Verhaltensregeln und Empfehlungen der Gesundheitsbehörde:

  • Reduzieren Sie Kontakte auf ein notwendiges Minimum und halten Sie Abstand von mindestens 1,50 Metern zu anderen Personen
  • Achten Sie auf eine korrekte Hust- und Niesetikette (ins Taschentuch oder in die Armbeuge)
  • Waschen Sie sich regelmäßig die Hände gründlich mit Wasser und Seife
  • Vermeiden Sie das Berühren von Augen, Nase und Mund
  • Wenn Sie persönlichen Kontakt zu einer Person hatten, bei der das Coronavirus im Labor nachgewiesen wurde, sollten Sie sich unverzüglich und unabhängig von Symptomen an ihr zuständiges Gesundheitsamt wenden

Kosten werden auf Kommunen verlagert

Für Gewerkschaftler Bose sollte es Fälle wie den von Brigitte Zeisig gar nicht geben. „Uns ist wichtig, dass die Menschen auch in dieser Situation genug Geld haben, um davon zu leben“, sagt er.

Konkrete Angaben, wie viele Arbeitnehmer in Hamburg seit Beginn der Coronakrise Grundsicherung beantragt haben, um das Kurzarbeitergeld aufzustocken, gibt es nicht. Beim Jobcenter heißt es nur: Die Zahlen steigen.

Bose sieht neben langen Bearbeitungszeiten noch ein Problem. Während das Kurzarbeitergeld über Beiträge an die Bundesagentur für Arbeit finanziert wird, zahlen die Hilfen zur Existenzsicherung die kommunalen Jobcenter. „Die Kosten werden so vom Bund auf die Kommunen verlagert.“

Friseure müssen ihr Gehalt selbst aufstocken

Aber auch für Firmen ist die Lage schwierig. „Der Klier Hair Group fehlen schlichtweg die finanziellen Mittel, das Kurzarbeitergeld aufzustocken“, heißt es auf Anfrage des Abendblatts bei dem Unternehmen aus Wolfsburg, das mit 1500 Salons, 10.000 Mitarbeitern und einem Umsatz von 317 Millionen Euro (2017) zu den Großen der Branche zählt.

Die Maßnahmen seien den Mitarbeitern frühzeitig mitgeteilt worden, und sie seien stets auf dem Laufenden gehalten worden. „Wir haben den Mitarbeitern versichert, dass es aufgrund der Coronakrise keine betriebsbedingten Kündigungen geben wird“, so ein Firmensprecher.

Da das Unternehmen wisse, dass den Friseurinnen und Friseuren nicht nur Lohnbestandteile, sondern auch das Trinkgeld wegfällt, seien Voraussetzung geschaffen worden, damit die Mitarbeiter durch eine angemeldete Nebentätigkeit außerhalb des Friseurhandwerks ihren Lohn aufstocken können.

Pohl verlangt staatliche Aufstockung des Geldes

Das ist im Moment nicht gerade einfach. Friseurmeisterin Franziska Pohl hat sich auf eine längere Phase in Kurzarbeit eingestellt. Für sie geht aktuell nur die Arbeit als Betriebsrätin weiter, die sie stundenweise vergütet bekommt. Ihre Finanzsorgen löst das nicht.

„Ich bin für eine staatliche Aufstockung des Kurzarbeitergeldes auf 80 Prozent“, sagt sie. Den Abschlag könnten die meisten für eine begrenzte Zeit ausgleichen. Sie hat inzwischen ein Sparprogramm gestartet. „Ich habe bei der Bank eine Stundung meiner Kreditraten beantragt“, sagt Pohl. Es geht um 450 Euro im Monat. Den größten Teil davon könne sie wohl bis Juni aussetzen. Noch fehlt aber die letzte Bestätigung.

Kurzarbeit wegen Corona: Familie unterstützt Friseurin

Bei der Miete will ihr Bruder, mit dem sie sich die kleine Drei-Zimmer-Wohnung in Eidelstedt teilt, helfen. Auch ihre Eltern haben ihr etwas Geld gegeben. Um zu sparen, verbraucht sie alle Lebensmittelvorräte, damit sie wenig einkaufen muss.

„Die erste Woche war noch wie Urlaub, inzwischen ist mir oft langweilig.“ Sie liest jetzt viel. Dann kann sie die Angst vor der ungewissen Zukunft für ein paar Stunden vergessen. „Ich würde wirklich gerne wieder arbeiten gehen.“ Eigentlich möchte sie einfach nur ihr früheres Leben zurück.

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