Coronakrise

Airbus kürzt Produktion – weniger Arbeit in Hamburg

Airbus-Chef Guillaume Faury steht hinter einem Modell eines A321. Der Franzose­ führt den Konzern seit einem Jahr.

Airbus-Chef Guillaume Faury steht hinter einem Modell eines A321. Der Franzose­ führt den Konzern seit einem Jahr.

Foto: Frederic Scheiber / dpa

Die Fertigung der für Finkenwerder wichtigen A320-Familie wird um ein Drittel gekappt. Zunächst ist keine Kurzarbeit geplant.

Hamburg.  Es war ein kurzfristig anberaumter Pressetermin am Mittwochabend. Mit einer halben Stunde Vorlauf lud Airbus Journalisten um 19 Uhr zu einer Telefonkonferenz mit Vorstandschef Guillaume Faury ein. Das Thema: natürlich die Coronakrise und ihre Auswirkungen auf den Flugzeugbauer – und diese sind massiv.

Kurz zuvor hatte der MDAX-Konzern nach Börsenschluss mitgeteilt, dass man die Produktionsraten aller Flugzeugtypen deutlich drosseln werde. Damit wird auch das Werk auf Finkenwerder einiges an Arbeit verlieren. Schwerpunkt dort ist die Fertigung der A320-Familie. Nach einem Ratenhochlauf in den vergangenen Jahren werden derzeit pro Monat 60 Maschinen des Flugzeugs gefertigt.

40 A320-Flieger sollen es noch pro Monat sein

Vor wenigen Wochen spekulierte man sogar noch über eine Rate von 75. Die Zeiten sind nun erst einmal vorbei. Künftig sollen es nur noch 40 Exemplare im Monat sein – also ein Drittel weniger. Das Werk an der Elbe steuert stets mehr als die Hälfte dieser Flugzeuge bei. Der Rest entsteht an zwei Endmontagelinien in Toulouse (Frankreich) und je einer in Tianjin (China) und Mobile. Für diese beiden Standorte werden zudem die Shipsets in der Hansestadt gepackt, also die Flugzeugteile auf den Schiffstransport über die Weltmeere geschickt.

„Der Einfluss der Pandemie ist beispiellos“, sagte Faury den zugeschalteten Journalisten aus der ganzen Welt. Der Schutz der Bevölkerung und die Bekämpfung des Coronavirus hätten Priorität für das Unternehmen. Man sei mit den Kunden und den Zulieferern in ständigen Gesprächen. „Wir gehen alle zusammen durch eine schwierige Zeit. Unsere Airline-Kunden werden von der Covid-19-Krise stark getroffen.“

Abbestellungen durch Corona gibt es bisher nicht

Weltweit stehen die Flotten von Fluggesellschaften weitgehend oder sogar komplett am Boden. Die Lufthansa reduzierte zum Beispiel ihren Flugplan auf etwa fünf Prozent des einst vorgesehenen Programms. Rund um den Globus fliegen die Menschen aufgrund strenger Reiserestriktionen kaum noch. Daher kommt bei den Airlines auch kein Geld durch gebuchte Tickets herein – aber das brauchen sie, um neue Maschinen zu bezahlen. Denn ein Großteil des Kaufpreises wird bei der Auslieferung fällig.

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„Es gibt derzeit keine Abbestellung im Zusammenhang mit Corona“, sagte Faury zwar. Aber auf der anderen Seite eine hohe Nachfrage, die Auslieferungen auf 2021 oder später zu verlegen, wenn der Markt wieder in Schwung gekommen sei. Daher habe man sich entschieden, die Produktionsraten zu senken, um nicht auf Halde vorzuproduzieren. Wie lange die Rate 40 bei der A320-Familie nun gelte, sei offen. „Ich weiß es nicht“, sagte Faury. Wann sich die Luftfahrt erhole, sei derzeit vollkommen offen, so Faury. „Ich habe keine Kristallkugel.“

Zunächst sollen Überstunden abgebaut werden

Inwieweit die Produktionskürzung Auswirkungen auf die rund 14.700 Mitarbeiter auf Finkenwerder haben wird, blieb unklar. Auf die Frage, ob der Flugzeugbauer auf das Instrument der Kurzarbeit zurückgreifen wolle, sagte Faury: „Noch nicht.“ Derzeit würden die flexiblen Regelungen genutzt, die mit den Arbeitnehmervertretern grundsätzlich vereinbart seien. Also sollen beispielsweise Überstunden abgebaut oder Urlaubstage genommen werden.

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Möglicherweise könnten Instrumente wie das Kurzarbeitergeld, bei dem die Agentur für Arbeit 60 beziehungsweise 67 Prozent des Nettolohns zahlt, zu einem späteren Zeitpunkt noch erwogen werden. Die Hansestadt kündigte am Donnerstag ihren Beistand an. „Die Luftfahrt als Hamburgs größter Industriezweig liegt uns am Herzen“, sagte Hamburgs Wirtschaftssenator Michael Westhagemann (parteilos) auf Abendblatt-Anfrage. „Hamburg wird die Branche gerade in dieser schwierigen Zeit weiter und nachhaltig unterstützen.“ Er befinde sich im konstanten Austausch mit allen Akteuren des Luftfahrtstandortes, großen Ankerunternehmen ebenso wie kleinen Zulieferern. Daher habe ihn die Nachricht der Produktionsdrosselung bei Airbus nicht unerwartet getroffen.

Am Hamburger Flughafen gibt es schon seit Wochen Kurzarbeit, Lufthansa Technik hat die Beantragung am vergangenen Dienstag mit den Arbeitnehmervertretern vereinbart. Etwa 10.000 Beschäftigte der Branche in Hamburg dürften damit in oder kurz vor der Kurzarbeit stehen. Westhagemann: „Als weltweit drittgrößter ziviler Luftfahrtstandort ist Hamburg von den wirtschaftlichen Auswirkungen der Coronakrise natürlich in besonderem Maße betroffen.“

Um sich für diese Auswirkungen zu wappnen, leitete Airbus bereits vor knapp drei Wochen Maßnahmen ein. So sagte Faury, dass man die Finanzen bereits aus eigener Kraft gestärkt habe. Der Konzern entschloss sich, keine Dividende an seine Aktionäre auszuzahlen, um in diesen Krisenzeiten mehr Geld im Konzern zu halten. Zudem sicherte man sich bei Banken milliardenschwere neue Kreditlinien.

Teileproduktion an vielen Standorten schon runtergefahren

Bereits in den vergangenen Wochen hatte sich das Zurückfahren der Produktion angedeutet. Immer wieder gab es neue Rückschläge: Am 26. März kündigte Airbus an, die Flügelproduktion in Broughton zu reduzieren. Vier Tage später wurde mitgeteilt, dass durch verschärfte Maßnahmen der Regierung die Produktion in Spanien in weiten Teilen geschlossen wird. Davon betroffen ist die Fertigung der Höhenleitwerke in Getafe­.

Diesen Montag meldete Airbus, die Produktion im Werk in Stade für eine Woche auszusetzen. Dort werden Seitenleitwerke für alle Maschinen des Konzerns hergestellt. In Bremen – wo die Flügelausrüstung stattfindet – soll sogar für drei Wochen bis Ende April die Produktion ruhen. Zwar gibt es an den Endmontagelinien immer eine gewisse Vorratshaltung, aber irgendwann würde dies zwangsläufig zu Engpässen führen.

Der A380 spielte keine Rolle mehr

Auch bei den Langstreckenflugzeugen, die alle in Toulouse endmontiert werden, wird die Rate heruntergefahren. Vom A330 sollen nur noch zwei Maschinen pro Monat gebaut werden. Beim modernen Großraumflieger A350 sind noch sechs Stück geplant. Vom A380 war keine Rede mehr. Das größte Passagierflugzeug der Welt soll ab nächstem Jahr ohnehin nicht mehr gebaut werden. Nur noch Emirates und die japanische Fluglinie erhalten den Riesenairbus.

Nach einer Dreiviertelstunde Fragen und Antworten mit den Journalisten nutzte Faury sein Schlusswort, um auf das in diesen Tagen Wichtigste hinzuweisen: „Bleiben Sie gesund! Das ist eine grauenvolle Pandemie.“

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