Deutscher Gewerkschaftsbund

„Ist uns ein SUV wirklich mehr wert als eine Pflegerin?“

| Lesedauer: 6 Minuten
Oliver Schade
Katja Karger lenkt den DGB in Hamburg seit 2013.

Katja Karger lenkt den DGB in Hamburg seit 2013.

Foto: Roland Magunia

Hamburgs DGB-Chefin Katja Karger fordert, Lehren aus der Coronakrise zu ziehen – und kritisiert Firmen wegen Entlassungen.

Hamburg. Der Deutsche Gewerkschaftsbund vertritt acht Einzelgewerkschaften. Katja Karger leitet den DGB in Hamburg seit 2013. Die 51-jährige befindet sich wegen der Coronakrise gerade selbst überwiegend im Homeoffice, stand dem Abendblatt dort via Smartphone Rede und Antwort. Ihre klare Botschaft: Für die Arbeitnehmer wird in dieser Krise nicht genug getan.

Hamburger Abendblatt: Frau Karger, wie stark ist die Verunsicherung in den Belegschaften in Zeiten von Corona?

Katja Karger: Die Verunsicherung ist natürlich sehr groß wie in allen Teilen der Bevölkerung. Bei den Beschäftigten muss man differenzieren. Zum einen gibt es die Arbeitnehmer im Lebensmitteleinzelhandel, bei den Paketdiensten, in Pflegeeinrichtungen und Krankenhäusern, die so viel arbeiten müssen wie nie zuvor. Hier müssen wir als Gewerkschaften darauf achten, dass der Gesundheitsschutz nicht unter die Räder kommt, die Kollegen nicht wegen totaler Erschöpfung zusammenbrechen. Dann gibt es die Menschen, die zwar noch ihre Jobs haben, aber ganz anders arbeiten müssen, vor allem im Homeoffice. Sie müssen ihrem Tag eine komplett neue, vernünftige Struktur geben und sich oft auch noch um Kinder kümmern, was nicht wenige überfordert. Die dritte Gruppe sind die Beschäftigten, die nun von ihren Unternehmen nicht mehr gebraucht werden. Viele von ihnen müssen in Kurzarbeit, andere werden schlicht entlassen.

Wie sieht es in den verschiedenen Branchen in puncto Kurzarbeit aus?

Nach Zahlen der Arbeitsagentur aus der vergangenen Woche hatten 12.700 Unternehmen Kurzarbeit angemeldet – und fast alle für hundert Prozent der Belegschaft. Pro Betrieb kann man mit mindestens fünf Beschäftigten rechnen – das wären dann mehr als 60.000 Arbeitnehmer in Kurzarbeit. Wenn ich mir aber die Rückmeldungen aus unseren Einzelgewerkschaften anschaue, dann gehe ich davon aus, dass in Hamburg zwei Drittel aller Beschäftigten in Kurzarbeit gehen.

Wie ist Ihr Eindruck: Wird in dieser Krise vorschnell entlassen, obwohl dies nicht notwendig wäre?

Gerade in der Gastronomie und Hotellerie sehen wir diesbezüglich massive Probleme. Da versuchen nicht wenige Betriebe, sich nun in der Krise von ungeliebten Beschäftigten zu trennen. Zudem haben wir gerade in der Gastronomie die größten Schwierigkeiten, einen Tarifvertrag mit den Arbeitgebern hinzubekommen, der den Beschäftigten ein höheres als das gesetzliche Kurzarbeitergeld garantiert. Quer über alle Branchen fallen jetzt vor allem die Einkommen für Zeitarbeiter, freie Beschäftigte und Minijobber weg. Diese prekären Beschäftigungsverhältnisse sind wieder einmal die ersten, die wegfallen – ihre Existenz und Ausgestaltung sollte generell überdacht werden. Hier handelt es sich übrigens zum Großteil um Frauen.

Sind Frauen von der aktuellen Krise besonders betroffen?

Ja. Auf der einen Seite müssen sie in Pflegeberufen und an den Kassen der Supermärkte derzeit besonders viel leisten. Auf der anderen Seite sind sie im Einzelhandel, in Hotels und der Gastronomie überproportional von schlecht bezahlter Kurzarbeit und Entlassungen betroffen. Die Ungleichheit wird in dieser Krise immer größer. Wer bereits vorher wenig hatte, hat nun noch weniger. Die soziale Schere hierzulande geht weiter auseinander.

In Deutschland gibt es per Gesetz vom Nettolohn 60 Prozent Kurzarbeitergeld, hat man Kinder, sind es 67 Prozent. Aus Ihrer Sicht reicht das nicht. Was schlagen Sie vor?

Wir haben bereits in einigen Branchen per Tarifvertrag durchgesetzt, dass die Unternehmen das Kurzarbeitergeld auf 100 Prozent vom Nettolohn aufstocken. Das ist gerade in einer teuren Stadt wie Hamburg auch notwendig. Das absolute Minimum für Betriebe in einer schwierigen wirtschaftlichen Lage sollte aus meiner Sicht eine Aufstockung auf 80 Prozent sein. Diesen Mindestsatz muss die Politik per Gesetz für alle Beschäftigten sicherstellen.

Haben Sie den Eindruck, dass der Staat mit seinen finanziellen Hilfen zu einseitig auf die Unternehmen schaut und zu wenig für die Beschäftigten macht?

Ja, das ist mein Eindruck. Es herrscht weiter die falsche Annahme: Geht es den Unternehmen gut, dann geht es auch den Beschäftigten gut. Dieser unterstellte Automatismus ist leider ein Trugschluss. Über die Arbeitnehmer wird kein Schutzschirm gespannt, sie werden von der Politik zu wenig gesehen.

Was müsste neben der gesetzlich angewiesenen Aufstockung des Kurzarbeitergeldes auf 80 Prozent noch geschehen?

Ich finde es zwar eine nette Geste, dass Pflegekräften und Beschäftigten im Lebensmitteleinzelhandel nun von den Balkonen Applaus gespendet wird und sie zudem einmalige Prämien für den aktuellen Zusatzstress bekommen. Aber gerade für diese vergleichsweise schlecht bezahlten Arbeitnehmer muss es langfristig höhere Löhne und bessere Arbeitsbedingungen geben. Es leuchtet doch niemandem ein, dass man für einen SUV 40.000 Euro bezahlt, aber die Pflegekraft der eigenen Eltern im Jahr weniger verdient …

Das ist aber ein günstiger SUV …

(lacht) Mal im Ernst: Ist unserer Gesellschaft ein SUV wirklich mehr wert als eine Pflegerin? Das ist doch zynisch. Zudem sollte endlich darüber nachgedacht werden, ob es tatsächlich sinnvoll war, den Gesundheitssektor so weitgehend zu privatisieren. Und auch die Frage, was wir in Deutschland künftig wieder selbst herstellen sollten, muss beantwortet werden. Es kann doch nicht sein, dass lebensnotwendige Medikamente in Apotheken nicht mehr vorrätig sind, weil der Nachschub aus Asien fehlt.

Immer mehr Beschäftigte sind nun im Homeoffice. Was halten Sie von dieser Form der Arbeit?

Zunächst ist es gut, dass die Beschäftigten über das Instrument des Homeoffice stärker mitbestimmen können, wann sie wo und wie arbeiten wollen. Allerdings sehnen sich auch viele Arbeitnehmer – wegen der fehlenden sozialen Kontakte und der häufig schwierigen Arbeitsbedingungen in kleineren Wohnungen – danach, wieder ins Büro zu kommen. Der Mensch ist ein soziales Wesen und will sich nicht nur über Video- und Telefonkonferenzen mitteilen.

Die Hamburger Corona-Soforthilfe (HCS) für Unternehmer:

  • Solo-Selbständige: 2500 € (Hamburg), 9000 € (Bund), 11.500 € (Gesamt)
  • 1–5 Mitarbeiter: 5000 € (HH), 9000 € (Bund), 14.000 € (Gesamt)
  • 6–10 Mitarbeiter: 5000 € (HH),15.000 € (Bund), 20.000 € (Gesamt)
  • 11–50 Mitarbeiter: 25.000 € (HH), keine Beteiligung vom Bund
  • 51–250 Mitarbeiter: 30.000 € (HH), keine Beteiligung vom Bund

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