Corona-Krise

Hamburger gesucht, die Schutzmasken nähen

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Melanie Wassink
Jörg Zimmer, Geschäftsführer der Hamburger Firma Herbert Rehn, lässt nun in großem Stil Schutzmasken nähen.

Jörg Zimmer, Geschäftsführer der Hamburger Firma Herbert Rehn, lässt nun in großem Stil Schutzmasken nähen.

Foto: Roland Magunia

Unternehmer aus Bergedorf hat Produktion um einen Artikel erweitert, der stark nachgefragt wird. Großauftrag der Stadt.

Hamburg. Jörg Zimmer ist ein Manager, der gerne für andere Menschen da ist. Der 54-Jährige engagiert sich in der freiwilligen Feuerwehr – und auch die Herausforderungen durch das neue Coronavirus will er annehmen und helfen, die Krise möglichst schnell zu überwinden. „Wir haben uns entschieden, selber Schutzmasken zu produzieren“, sagt Zimmer und zeigt auf die Produktionshalle der Herbert Rehn GmbH, die er nach und nach zur Maskenfabrik aufbauen will. 40 neu eingestellte Männer und Frauen arbeiten hier bereits an neu angeschafften Nähmaschinen. In Zukunft braucht es aber wesentlich mehr helfende Hände, um die geforderte Stückzahl zu erreichen, eine große Herausforderung nicht nur in Zeiten der Krise.

Doch Hürden zu überwinden gehörte schon immer zu Zimmers Arbeit. Der Geschäftsführer der 1949 gegründeten Firma mit Sitz in Bergedorf produziert unter anderem technische Textilien und Spezialglas. Er behauptet sich mit dieser Fertigung erfolgreich gegen die Konkurrenz aus dem Osten, in Zeiten, in denen andere Hersteller im Hochlohnland Deutschland längst aufgegeben haben. Die Produkte sind anerkannt. Zu den Kunden der Herbert Rehn GmbH gehören Airbus und die Lübecker Dräger AG, die den Standort in Bergedorf früher als verlängerte Werkbank nutzte.

Viele Produktionsländer schotten sich in der Coronakrise ab

Auch in der Coronakrise geht es nun darum, im Inland wichtige Güter wie Lebensmittel oder Medikamente herzustellen. Denn viele Produktionsländer schotten sich zunehmend ab und fertigen für den eigenen Bedarf. In dieser Lage hörte Zimmer vom Hilferuf der Hansestadt Hamburg an die Unternehmen, doch bitte Material wie Masken und Schutzhandschuhe herzustellen. Er ließ sich nicht lange bitten und kaufte Nähmaschinen. „Damit die laufende Produktion nicht leidet, haben wir eine neue Fertigung innerhalb von vier Tagen aufgebaut“, berichtet Zimmer über die Hauruck-Aktion. Insgesamt habe er 100.000 Euro investiert. Die neuen Produktionsanlagen sind für das Unternehmen aber nur die halbe Miete, es fehlen noch Menschen.

Bisher beschäftigte Zimmer insgesamt 60 Frauen und Männer, Fachleute, die Druckgasbehälter prüfen, Tauchgeräte herstellen oder Bauteile fertigen für Sauerstoffgeräte in Flugzeugen. Nun sucht der technische Betriebswirt „jeden Mitarbeiter, der sich einigermaßen geschickt anstellt“, und betont: „Bei uns hat jeder eine Chance auf Arbeit“. Ob Kellner, Friseure, Verkäufer, Studenten oder Flüchtlinge, jeder werde gebraucht. Zimmers Ziel: Er will 30 weitere Mitarbeiter finden, um täglich 10.000 bis 20.000 Masken produzieren zu können.

Großer Bedarf

Denn der Bedarf ist groß. Von der Stadt Hamburg hat die Herbert Rehn GmbH, die bisher jährlich etwa fünf Millionen Euro umsetzte, einen Großauftrag über 900.000 Masken erhalten. „Und dazu melden sich täglich Pflegeheime, Apotheken und Privatpersonen, die dringend Nachschub benötigen“, sagt Zimmer. Er bietet zwei Arten des Gesichtsschutzes an: ein Modell aus Baumwolle, das verhindert, dass der Träger „etwa durch Niesen und Tröpfchenbildung Menschen benetzt“. Die Maske könne dadurch zum Teil auch die Kontamination des Gegenübers unterbinden. Die zweite Serie der Schutzklasse FFP2 sei sicherer und auch für Klinikpersonal geeignet.

Die Firma bietet die Produkte über mehrere Kanäle an: „Apotheken und andere größere Abnehmer melden sich direkt bei uns“, sagt Zimmer, etwa über die Mailadresse info@herbert-rehn.de. „Privatkunden kaufen über unseren Onlineshop für Taucher, www.pd2-shop.de.“ Hier kosten die einfachen Textilmasken in einer Zehnerpackung 49 Euro. Der Direktvertrieb solle auch verhindern, dass andere Händler den Preis überbieten und sich in Notzeiten bereichern. Bei der Suche nach Mitarbeitern für die Produktion wird die Herbert Rehn GmbH von der Agentur für Arbeit unterstützt. Es geht um Näher, Schneider und Textilhelfer, so Knut Böhrnsen.

Auch Seiteneinsteiger werden gesucht

Der Sprecher der Arbeitsagentur ergänzt, gerade Näher mit langjähriger Erfahrung bekämen ihre Chance, daher seien Talente aus Syrien oder Afghanistan gern genommene Bewerber. „Aber auch andere geschickte Kräfte, die über eine gute Augen-Handkoordination verfügen und diese bei der Probearbeit zeigen, können mit einem Job rechnen“, so Böhrnsen. Zu verdienen sind 2100 Euro brutto, dazu müssen die Bewerber mit einem achtstündigen Dreischichtsystem und Wochenendarbeit rechnen.

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Für die Produktion werden auch Seiteneinsteiger gesucht, weil Textilarbeiter in Deutschland wegen der schon vor Jahrzehnten ins Ausland abgewanderten Kleidungsindustrie kaum mehr ausgebildet werden. In Hamburg sind noch 306 Betriebe des Schneiderhandwerks bei der Handwerkskammer registriert.

Umdenken bei den Firmen

Diese Firmen denken selber um in der Coronakrise: „Aus einigen dieser Mitgliedsbetriebe erreichen uns Anfragen, ob sie Schutzmasken herstellen dürfen“, so Christiane Engelhardt, Sprecherin der Handwerkskammer. Oft sei dies abhängig von der Begrifflichkeit, mit Wörtern wie Atemschutz oder Mundschutz dürften die Firmen nicht werben, sie sollten sich auf die Herstellung einfacher Masken beschränken, so die Sprecherin.

Informationen zum Coronavirus:

Bei der Herbert Rehn GmbH, wo man sich in Sachen Sicherheit und entsprechender Rechtsvorschriften seit Jahrzehnten auskennt, plant die Geschäftsleitung mit der Produktion der Schutzmasken bereits über die Zeit der Coronakrise hinaus: „Wir hoffen, dass wir den Standort mit dieser Fertigung längerfristig zu seiner alten Blüte führen können“, sagt Zimmer, und er tue „alles dafür, die bisher auf sechs Monate befristeten Jobs in eine langjährige Beschäftigung umzuwandeln.“

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