Abendblatt-Report

Hamburgs City – das lange Warten auf Kunden

| Lesedauer: 9 Minuten
Melanie Wassink
Mit Gesichtsschutz und Handschuhen: Die Optik-Weser-Mitarbeiter Ole Nofze (v. l.), Anja Bischoff, Kerstin Lattmann und Geschäftsführerin Claudia Leuschner stehen für die Beratung der Kunden bereit.

Mit Gesichtsschutz und Handschuhen: Die Optik-Weser-Mitarbeiter Ole Nofze (v. l.), Anja Bischoff, Kerstin Lattmann und Geschäftsführerin Claudia Leuschner stehen für die Beratung der Kunden bereit.

Foto: Michael Rauhe

Optiker stehen mit Gesichtsschutz im Laden, in der Lebensmittelabteilung von Karstadt gibt es Osterartikel schon billiger.

Hamburg.  Die beiden Dackel, die ihr Frauchen am Ende der Leine durch die Hamburger City ziehen, schnuppern am Boden vor der geschlossenen Boutique und wollen dann schnell weiter. So richtig wohl scheinen sich die Hunde beim Gassigehen auf dem Asphalt nicht zu fühlen, doch die Frau in der weißen Steppjacke ist zufrieden: „Hier kann man gut spazieren gehen. Man trifft kaum andere Leute. Und es ist nicht so eng wie in den Seitenstraßen“, sagt die Passantin und zeigt auf die fast menschenleere Mönckebergstraße. Die Einkaufsmeile liegt verlassen im fahlen Sonnenlicht, nur wenige Passanten, oft mit Schutzmasken, laufen vorbei und verschwinden meist schnell wieder in den Eingängen von Arztpraxen oder Apotheken.

An den Türen der Geschäfte ähneln sich die Botschaften. „Wir sind traurig. Wir können nicht für Sie da sein. Wir helfen damit, die Coronaviren zu stoppen!“, hat Tchibo auf ein Schild an der Tür geschrieben. Genau wie Görtz und andere Läden weist der Hamburger Kaffeeanbieter auf den immer noch möglichen Online-Einkauf hin. Aber auch hier könne es „in den nächsten Wochen zu Verzögerungen bei Bestellungen“ kommen, wirbt H&M auf der Tafel vor dem geschlossenen Shop in der Spitalerstraße um Verständnis bei seinen Kunden.

300.000 Geschäfte in Deutschland sind wegen Corona geschlossen

Die Mönckebergstraße zählt wie die Zeil in Frankfurt oder die Schildergasse in Köln zu den beliebtesten Einkaufsmeilen in Deutschland. Die Coronakrise hat das Shoppingparadies in der Nähe der Binnenalster inzwischen allerdings zur Einöde werden lassen. Shoppingbummel gehört zu den Dingen, die derzeit wegen der Ansteckungsgefahr verboten sind: Seit Mitte März, als Hamburg die Einschränkungen im Alltagsleben der Bürger wegen der Pandemie deutlich verschärfte, sind hier die meisten Läden stillgelegt.

Bundesweit sind nach Einschätzung des Branchenverbands aktuell bis zu 300.000 der 450.000 Einzelhandelsgeschäfte in Deutschland geschlossen. Mehr als 90 Prozent dieser Firmen nehmen laut einer Umfrage staatliche Hilfen in Anspruch oder planen dies. Gerade die zahlreichen Modeläden stehen vor einem Dilemma: „Hosen und Schuhe aus der Frühjahrskollektion kann der Modehandel im Sommer kaum noch verkaufen“, warnte Steffen Jost, Präsident des Handelsverbands Textil.

Lange Lieferketten sind ein Problem

Zudem machen der Branche aktuell die langen, internationalen Lieferketten zu schaffen. Obwohl die Läden geschlossen sind, wird neue Ware angeliefert, die bereits vor Monaten bestellt wurde. Gleichzeitig läuft schon jetzt die Orderrunde für die Herbstmode und sorgt für zusätzliche finanzielle Belastungen.

Dass die Shops trotz dieser Bedrängnisse tatsächlich schließen, wird von den Behörden streng überwacht. Ein Streifenwagen fährt langsam am Mönckebergbrunnen vorbei, die Besatzung schaut auf den Bürgersteig. „Mama, guck mal, ein Polizeiauto“, ruft ein kleiner Junge, der hier mit seinen Eltern spazieren geht. „Die schauen, ob alle Kinder lieb sind“, sagt die Mutter schlagfertig.

Supermärkte sind ausgenommen von den Zwangsschließungen

Ausgenommen von den Zwangsschließungen der Geschäfte sind unter anderem Supermärkte, Apotheken, Getränkemärkte und Banken. Zu den wenigen Läden mit Kundenverkehr gehört Optik Weser an der Spitalerstraße. „Wir sind ja systemrelevant im Gesundheitswesen, beispielsweise wenn ein Arzt eine Brille braucht“, sagt Claudia Leuschner. Die Geschäftsführerin des Traditionsgeschäfts und alle Mitarbeiter tragen über ihren Gesichtern ein Plastikvisier.

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Die Optiker sehen in dem Outfit ein wenig wie die Besatzung eines Raumschiffes aus, fühlen sich damit aber sicher. „Das habe ich von einem Bekannten, der in der Medizintechnik arbeitet“, freut sich die blonde Frau über den Schutz, den sie hier auch dringend brauchen. Immerhin müsse sie weiterhin Augenprüfungen anbieten, bei denen ein enger Kontakt unerlässlich ist. „Vorher bitten wir die Kunden aber zum kontaktlosen Fiebermessen bei uns“, berichtet die Chefin über ihre Arbeit in der Krise.

Unternehmen müssen Kurzarbeit anmelden

Eine Arbeit, die sich für das letzte inhabergeführte Geschäft in der Gegend übrigens nicht auszahlt. „Es kommen nur eine Handvoll Kunden, die Kasse ist abends praktisch leer“, sagt Claudia Leuschner, die für ihre Mitarbeiter bereits Kurzarbeit angemeldet hat. Besonders bitter für sie: Sonnenbrillen, zu dieser Jahreszeit Hauptumsatzbringer, dürfe sie derzeit nicht verkaufen. „Wir hoffen, dass es Anfang Mai wieder langsam losgehen kann“, sagt die 48-Jährige über ihren Wunsch in schweren Zeiten.

Ein paar Hundert Meter weiter ist die Lage während der Coronakrise noch einmal deutlich schlechter, wenn auch auf den ersten Blick für die Kunden nicht ersichtlich. An der Eingangstür von Galeria Karstadt hängt ein gelbes Schild mit einem Pfeil: „Unsere Lebensmittelabteilung im Thaliahaus ist geöffnet“, steht in großen Lettern. Und darüber, in Signalrot: 50 Prozent Rabatt auf alle Ostersüßwaren. Kurz vor dem Fest dürfte das die Schnäppchenjäger freuen, doch den Mitarbeitern ist nicht zum Feiern zumute.

Zukunft von Galeria Karstadt Kaufhof bedroht

Die Lebensmittelabteilung hat weiterhin geöffnet, obgleich Galeria Karstadt Kaufhof am Mittwoch Rettung in einem Schutzschirmverfahren suchen musste. Die Coronakrise bedroht damit die Zukunft des letzten großen deutschen Warenhauses mit seinen mehr als 28.000 Mitarbeitern. „Die Beschäftigten wurden überrascht von der Ankündigung eines Schutzschirmverfahrens“, sagte Stefanie Nutzenberger vom Ver.di-Bundesvorstand.

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Die Gewerkschaft und die Betriebsräte seien erst unmittelbar vor Bekanntgabe des Schutzschirmverfahrens informiert worden, kritisiert sie und fordert: „Um das Unternehmen sicher für die Zukunft aufzustellen, muss jetzt sofort eine enge Einbindung der Beschäftigten, der Betriebsräte und ihrer Gewerkschaft erfolgen“.

Keine große Hoffnung

Nach eigenen Angaben verliert Galeria Karstadt Kaufhof durch die Schließung der Warenhäuser seit dem 18. März jede Woche mehr als 80 Millionen Euro Umsatz. Bis Ende April würden sich die Einbußen auf mehr als eine halbe Milliarde Euro summieren.

Der jetzige Schritt bedeutet für den Konzern nur eine kurzfristige Hilfe, keine große Hoffnung. Das Schutzschirmverfahren bewahrt in Finanzprobleme geratene Unternehmen vor dem Zugriff der Gläubiger, ohne dass die Betriebe Insolvenz anmelden müssen. Allerdings ist die Situation für Galeria Karstadt Kaufhof doppelt schwierig. Das Unternehmen muss wegen der Coronakrise nicht nur bei weiterlaufenden Kosten auf Einnahmen verzichten, es ist zudem mitten im Restrukturierungsprozess.

Hilfe für die Obdachlosen

Nach weiteren gelben Schildern Richtung Lebensmittelabteilung und mit Flatterbändern abgesperrten Gängen steht der Kunde zwar immer noch bei Karstadt, aber plötzlich in einem süßen Paradies: zwischen Schokohasen und Krokanteiern. Ein Galeria-Mitarbeiter karrt weitere Paletten mit Pralinen heran, seine Kollegin erklärt die Süßwaren-Sondersituation. „Wir haben normalerweise den Ostermarkt im Haupthaus. Dort mussten wir schließen, jetzt schleusen wir die Sachen über diese Fläche hinaus, die normalerweise zu Rewe gehört.“ Daher der Kaufanreiz mit 50 Prozent Nachlass, denn nach dem Fest entwickeln sich die Leckereien üblicherweise zu Ladenhütern.

Informationen zum Coronavirus:

Draußen auf dem Bürgersteig sind viele Menschen jetzt schon mit weit weniger als Schokolade zufrieden. Zwei junge Männer schieben einen Karren mit Brottüten vorbei. „Das ist für die Bedürftigen“, sagen sie und reichen einem Bettler mit einem Becher vor sich eine Brezel herunter. Die Helfer versorgen die immer noch zahlreichen Obdachlosen in der Gegend, die nun mit weniger Einnahmen in ihren Sammelboxen auskommen müssen. Nicht nur die Händler hoffen darauf, dass bald wieder Normalität herrscht in der Shoppingmeile: „Noch bis Ostern alles zu?“, fragt ein Rumäne. Er sitzt auf einer Decke neben der Deutschen Bank, neben einer Handvoll Leuten, die in großen Abständen vor den Geldautomaten anstehen. Dem Obdachlosen ist die Auswirkung der Lage klar: „Das wird schwierig, auch für uns.“

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