Hamburg Airport

Die letzten Reisenden am Hamburger Flughafen

Claudia Rahn steht mit ihrem Koffer am Terminal 1. Die Hamburgerin brauchte zwei Tage für die Rückreise aus Brasilien.

Claudia Rahn steht mit ihrem Koffer am Terminal 1. Die Hamburgerin brauchte zwei Tage für die Rückreise aus Brasilien.

Foto: Michael Rauhe / Michael Rauhe / FUNKE Foto Services

Nur 22 Flüge, kaum Passagiere, leere Läden– der Hamburg Airport gleicht wegen der Coronakrise einer Geisterstadt.

Hamburg.  Vor dem Terminal 1 wartet eine einzige Frau. Wo sonst die Rollkoffer über das Pflaster klackern, die Türen der Taxis im Sekundentakt auf- und zugehen und Reisende hektisch einsteigen, herrscht nun Stille. Kein Auto rollt vor, niemand geht durch die Drehtüren in die gläserne Halle. Minuten später steht die Passagierin immer noch dort und wirft einen blassen Schatten auf den leeren Gehsteig. Sie kommt aus Brasilien. Zwei Tage hat sie gebraucht für die Heimkehr.

Von Salvador habe sie zunächst nach São Paulo reisen müssen, um von dort die einzige noch mögliche Verbindung nach Frankfurt zu bekommen. Dann ging es weiter nach Hamburg. „Ich war zwei Tage unterwegs, jetzt bin ich endlich wieder zu Hause“, sagt Claudia Rahn. Sie ist erschöpft und erleichtert, denn in Brasilien hat die Coronakrise das Leben längst lahmgelegt.

São Paulo, eine Wirtschaftsmetropole, in der die Menschen sonst Cocktailpartys feiern und in den Restaurants Meeresfrüchte schlemmen, hat eine weitgehende Ausgangssperre verhängt. „Da ist es schlimmer als hier“, sagt die Hamburgerin. Dann kommt ein Wagen, sie zieht ihren Schal hoch bis zur Nase und steigt ein.

Hamburg Airport: Die Atmosphäre ist gespenstisch

Auch die Atmosphäre im fast menschenleeren Terminal ist gespenstisch. Die Anzeigetafel listet nur je elf Ankünfte und Abflüge auf – für den ganzen Tag! Innerdeutsche Ziele wie Frankfurt, München und Stuttgart zeigt der graue Bildschirm am Dienstag an. Eine einzige internationale Verbindung wurde aufrechterhalten: Amsterdam. Der Hinweis auf der Tafel, dass die voraussichtliche Wartezeit vor der Sicherheitskontrolle eine Minute beträgt, ist wohl übertrieben. Denn dort wartet niemand.

Die verlassenen Schalter, die geschlossenen Büros der Airlines am Flughafen sind Folge des immer weiter zusammenbrechenden Luftverkehrs. Nach etlichen Urlaubsfliegern hat nun auch Easyjet seinen Betrieb eingestellt. Das Unternehmen begründete die Entscheidung mit den weltweiten Reisebeschränkungen und dem Stillstand des öffentlichen Lebens in Europa. Derzeit sei unklar, wann die gut 300 Maschinen wieder abheben können, teilte Easyjet mit.

In den vergangenen Tagen hatten auch einige globale Gesellschaften den Betrieb gestoppt, etwa die sonst ebenfalls in Hamburg vertretene Emirates aufgrund von lokalen Regulierungen. Dazu die beiden Star-Alliance-Mitglieder LOT und Brussels Airlines. Zuvor hatte die Lufthansa angekündigt, ihre Verbindungen auf weniger als fünf Prozent des üblichen Verkehrs zu reduzieren. Auf einen „Flugplan wie 1955“, hatte Lufthansa-Chef Carsten Spohr die außergewöhnliche Lage beschrieben.

Rückgänge bei Passagierzahlen um bis zu 98 Prozent

Auch in Fuhlsbüttel sind die Aussichten daher düster. „Wir beobachten, dass das Coronavirus den regulären Flugbetrieb am Hamburg Airport nach und nach zum Erliegen bringt. In der vergangenen Woche hatten wir Rückgänge bei den Passagierzahlen um bis zu 98 Prozent im Vergleich zum Vorjahr“, sagt Flughafenchef Michael Eggenschwiler. „Und wir gehen davon aus, dass sich dieses in den nächsten Wochen nicht ändern wird.“ Für die 2000 Mitarbeiter wurde daher Kurzarbeit beantragt, während der Entlassungen allerdings ausgeschlossen sind.

Die Airlines würden, so Eggenschwiler, nur noch ein Rumpfprogramm aufrechterhalten. Dazu kämen Rückführungsverbindungen. Auch für medizinische Flüge, Organtransporte, Sicherheits- und Notlandungen sowie für Frachtflüge sei Hamburg Airport weiter im Einsatz. Andere norddeutsche Standorte wie Bremen oder Rostock sind dazu übergegangen, nur noch auf Antrag wichtige Flugbewegungen abzuwickeln. Und das dürfte noch einige Zeit so bleiben: Die Reisewarnung der Bundesregierung wegen der Coronakrise gilt vorerst bis Ende April und betrifft damit auch die Osterferien.

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Zu leiden unter den fast menschenleeren Gebäuden – Terminal 2 ist ganz geschlossen – haben auch die wenigen noch geöffneten Läden im Hamburger Flughafen. „Wir haben nur wegen der Lotto-Annahmestelle noch einigen Verkehr hier“, sagt Henri Leonhardt von Press & Books. Lottoscheine würden auch Anwohner aus der Nachbarschaft bei ihm ausfüllen.

Insgesamt sei die Zahl der Kunden stark zurückgegangen, auf zeitweise nur noch 100, sagt der Mitarbeiter des Zeitschriftenladens gegenüber dem Edeka-Markt, in dem die Angestellten zum Zeitvertreib gerade Karten spielen. Ruhe herrscht auch im Ankunftsbereich, niemand erscheint hinter den Absperrbändern, Leute mit Blumensträußen und Spruchbändern, auf denen „Willkommen“ steht, sind an diesem Tag nicht zu sehen.

„Das klingt nach Luxuspro­blem, aber hier geht es um unsere Existenz“

Eine Etage über dem Gang mit den wenigen verbliebenen Einkaufsmöglichkeiten wird die Stille unterbrochen von einem gestikulierenden Paar am Schalter. Die beiden sind fast jeden Tag am Flughafen, sie müssen unbedingt nach Martinique. „Das klingt nach Luxuspro­blem, aber hier geht es um unsere Existenz“, sagt Bernd Schöps. Der Mann mit dem sonnengegerbten Gesicht ist Inhaber der Firma Blauwasser Kojencharter. Seine Yacht liegt in der Karibik, hier bietet er Törns für zahlende Gäste an.

Coronavirus: So können Sie sich vor Ansteckung schützen

  • Niesen oder husten Sie am besten in ein Einwegtaschentuch, das Sie danach wegwerfen. Ist keins griffbereit, halten Sie die Armbeuge vor Mund und Nase. Danach: Hände waschen
  • Regelmäßig und gründlich die Hände mit Seife waschen
  • Das Gesicht nicht mit den Händen berühren, weil die Erreger des Coronavirus über die Schleimhäute von Mund, Nase oder Augen in den Körper eindringen und eine Infektion auslösen können
  • Ein bis zwei Meter Abstand zu Menschen halten
  • Schutzmasken und Desinfektionsmittel sind überflüssig – sie können sogar umgekehrt zu Nachlässigkeit in wichtigeren Bereichen führen

Doch während der Hurrikansaison ist das Schiff im Risikogebiet nicht zu versichern. Wird die Yacht durch Unwetter zerstört, bleibt er auf den Kosten sitzen. Also muss das Schiff zurück in die Ostsee. Irgendwie nach Paris, und dann weiter nach Martinique zu kommen, das ist der Plan der Unternehmerfamilie. Doch die Mitarbeiter der Airlines machen den Eckernfördern wenig Hoffnung.

Und die Probleme hören mit der Hinreise nicht auf: Auch wenn die Segler es trotz der Einreisebeschränkungen irgendwie bis in die Karibik schaffen, der Rückweg wird äußerst risikoreich. Bei der Atlantiküberführung des Schiffes dürfte kaum eine Insel das Anlegen erlauben, der übliche Stopp auf den Azoren, etwa zum Tanken, müsste wohl ausfallen. Außerdem benennt Schöps das Problem, das derzeit wohl alle Menschen auf ihren Reisen fürchten: „Was ist, wenn jemand krank wird, fern der Heimat?