Medikamente

Droht in Deutschland ein Medikamenten-Engpass?

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Arzneimittel-Importeure warnen vor einer Verschärfung der Medikamentenengpässe. Medikamente sind weltweit jetzt schon deutlich teurer.

Berlin.  Ob Blutdrucksenker, Antidepressiva oder Schmerzmittel – immer wieder fehlen in Apotheken einzelne Produkte von Herstellern. Die Situation könnte sich durch die aktuelle Pandemie noch verschlimmern.

„Die Knappheit einzelner Medikamente hat sich durch die teilweise geschlossenen Grenzen innerhalb Europa, durch Hamsterkäufe von Verbrauchern sowie durch zu großzügige Verschreibungen von Ärzten bereits deutlich verschärft. Und die Liste der knappen Produkte wird jeden Tag länger“, sagte der Vorstand der Arzneimittel-Importeure Deutschlands (VAD), Jörg Geller, dieser Redaktion. Aufgrund der hohen Nachfrage werden einzelne Medikamente bereits zu höheren Preisen gehandelt als vor der Krise.

Corona: Arzneimittel-Importeure fordern offene Grenzen für Medikamente

Der VAD-Chef fordert die EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen auf, die Grenzen für den Warenverkehr in Europa schnell wieder zu öffnen. „Handelsbeschränkungen und Exportverbote für Medikamente müssen aufgehoben werden.

Europa muss in der Krise solidarisch zusammenhalten und nicht nationalstaatlich egoistisch handeln.“ So werden derzeit aus Rumänien, Tschechien, Polen, Großbritannien oder Österreich zahlreiche Medikamente nicht geliefert, die aber zur Versorgung einkalkuliert waren. „Das ist äußerst problematisch“, so Geller.

Auch die deutschen Pharma-Hersteller sehen eine Verschärfung der Situation. „Die Preise von Wirkstoffen und die Logistikkosten sind aufgrund des Ausfalls von Zulieferern und Transportmitteln weltweit deutlich angestiegen“, berichtete der Sprecher des Bundesverbands der Arzneimittel-Hersteller (BAH), Christof Weingärtner, dieser Redaktion. Der Import von Wirkstoffen per Flugfracht habe sich teilweise verzehnfacht. Zudem gebe es einzelne Engpässe bei der Seefracht, sagte der BAH-Sprecher.

Das betreffe neben Roh- und Hilfsstoffen auch den Nachschub an Schutzkleidung, Masken und Desinfektionsmitteln. „Damit sind auch die Herstellungskosten vieler Arzneimittel über den möglichen Verkaufspreis gestiegen“, sagte Weingärtner. Auch die Arzneimittelimporteure berichten, dass derzeit einfache OP-Atemmasken für 45 Cent das Stück angeboten werden, so Geller: „Vor der Krise kosteten sie nur zwei Cent – sie sind damit gut 20-mal so teuer.“

Deutsche Pharmakonzerne fahren Sonderschichten - auch am Wochenende

Die Arzneimittelproduzenten setzen derzeit alles daran, „dass die Versorgung mit Arzneimitteln und Medizinprodukten trotz steigender Nachfrage und unter schwierigen Bedingungen sichergestellt ist“, nannte der BAH-Sprecher das Ergebnis einer aktuellen Umfrage unter den Verbandsmitgliedern. Die Unternehmen hätten ihre Kapazitäten erweitert, fahren Sonderschichten – auch am Wochenende. „Für einen gewissen Zeitraum sind die Unternehmen zuversichtlich, die Produktion aufrecht zu erhalten“, sagte Weingärtner. „Es kommt jedoch darauf an, wie lange die Situation anhält.“

Aktuell spüren die Apotheker zwar noch keine zusätzliche Verknappung. „Um die Situation in der Corona-Krise nicht zu verschärfen, ist es aber wichtig, dass Medikamente von den Kunden nicht gehortet werden oder Ärzte zu große Mengen verschreiben“, sagt Christian Splett, Pressereferent der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (ABDA). Zwischenzeitlich sei es zu einer verstärkten Nachfrage nach Paracetamol – das als Mittel gegen Covid-19 im Gespräch war – gekommen, was zu Nachschubverzögerungen geführt hätte. Doch die Lage habe sich wieder etwas entspannt.

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Lieferengpässe haben sich schon 2019 auf 18 Millionen Packungen verdoppelt

„Lieferengpässe bei Arzneimitteln sind schon seit zwei bis drei Jahren ein großes Problem“, berichtete Splett. Allein 2019 hat sich die Zahl der registrierten Lieferengpässe mit 18 Millionen Packungen im Vergleich zum Vorjahr (9,3 Millionen) fast verdoppelt, berichtet das Deutsche Arzneiprüfungsinstitut. „Doch die Dunkelziffer dürfte noch höher liegen“, sagt Christian Splett, Pressereferent der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (ABDA).

Generell liegen die seit Jahren bestehenden Arzneimittelengpässe daran, dass mehrere Wirkstoffe und Medikamente – wie Antibiotika oder einige Schmerzmittel – aus Kostengründen nur noch von wenigen Herstellern in Niedriglohnländern in Asien – wie Indien oder China - produziert werden und nicht mehr in Europa.

Nun hat aber auch Indien – das neben China zu den größten Wirkstoffproduzenten für Generika gilt – Exportbeschränkungen für mehrere Wirkstoffe verhängt, um die eigene Versorgung sicherzustellen. Dazu gehören Paracetamol, Tinidazol oder auch die Vitamine B1, B6 oder B12. Wie lange überhaupt noch Lieferungen aus dem Land nach Europa kommen, ist ungewiss. Dies könnte sich zeitverzögert auch auf die Versorgung hierzulande auswirken und die angespannte Lage weiter verschärfen.

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