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Coronakrise: Soforthilfe? Erst mal heißt es warten

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Hanna-Lotte Mikuteit
Janine Werth sitzt am Laptop in ihrem Geschäft Werte Freunde am Großen Burstah, um ihren Antrag auf einen staatlichen Zuschuss zu stellen.

Janine Werth sitzt am Laptop in ihrem Geschäft Werte Freunde am Großen Burstah, um ihren Antrag auf einen staatlichen Zuschuss zu stellen.

Foto: Marcelo Hernandez / FUNKE Foto Services / MARCELO HERNANDEZ / FUNKE Foto Services

Mein Laden in Coronazeiten, Teil 2: Wie Unternehmerin Janine Werth ihr Geschäft am Großen Burstah durch die Krise steuert.

Hamburg.  Wie oft Janine Werth die Internetseite der Hamburgischen Investitions- und Förderbank (IFB) aufgerufen hat? Die Inhaberin des Geschäfts Werte Freunde schüttelt nur den Kopf. „Ich sitze schon seit Tagen ständig am Computer, um an Informationen zur Soforthilfe zu kommen“, sagt sie.

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Ab 8 Uhr am Montagmorgen hat Werth die Seite im Prinzip nonstop aktualisiert. „Man weiß ja nicht, wie die Bank die Anträge abarbeitet“, sagt sie. „Aber es ist bestimmt gut, zu den ersten Antragstellern zu gehören.“ Der staatliche Zuschuss ist für die existenzgefährdete Einzelhändlerin mitten in der Coronakrise ein Rettungsanker. Zumindest für die nächsten Wochen. „Mir geht es nicht darum, etwas geschenkt zu bekommen“, sagt sie. „Aber ich will eine faire Chance.“ Es geht um bis zu 20.000 Euro.

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Coronakrise: Online-Anträge bis 21 Uhr noch nicht freigeschaltet

Seit zwei Wochen ist ihr Laden in der Hamburger Innenstadt, in dem Janine Werth Naturkosmetik und nachhaltige Mode verkauft, inzwischen auf behörd­liche Anordnung geschlossen. Trotzdem ist sie auch an Tag 1 von Woche 3 morgens früh vor ihren Mitarbeiterinnen im Laden. Nur am Wochenende hat sie von zu Hause aus gearbeitet und versucht, über soziale Medien wie Instagram das Geschäft am Laufen zu halten. 65 Bestellungen sind zusammengekommen. Das ist nicht schlecht.

Aber deutlich weniger als die Wochenendumsätze in normalen Zeiten, die etwa die Hälfte des Geschäfts ausmachen. „Unser Vorteil ist, dass die Kosmetikartikel verbraucht und nachgekauft werden“, sagt die 41-Jährige, die sich selbst als eine optimistische Frau bezeichnet.

Trotzdem: Auch ihr sieht man an, wie Ungewissheit und Existenzängste sie belasten. Aufs morgendliche Schminken verzichtet sie jetzt meistens. Einmal sei sie schon laut geworden. „Das war Ende vergangener Woche. Da hatten wir hier alle so eine Art Lagerkoller.“ Kein Wunder: 500.000 Euro stecken in dem Laden – bis auf einen kleinen Anteil Eigenkapital hat Werth dafür Kredite aufgenommen. Jetzt sind die Umsätze eingebrochen, die Kosten laufen weiter.

Kleiner Lichtblick: Der Vermieter, eine Versicherungsgesellschaft, hat die Kaltmiete für den Laden am Großen Burstah für April gestundet. Fällig werden jetzt nur die Betriebskosten – allerdings immer noch 2000 Euro. Auch die erste Krankenkasse will Beiträge erst mal stunden. Lieferanten haben Zahlungstermine verlängert.

Um 14 Uhr ist der Link zu den Online-Formularen immer noch nicht freigeschaltet. Schon seit Freitag, als auf der IFB-Seite die Förderbedingungen konkretisiert worden waren, haben Janine Werth und ihr Lebensgefährte Stefan Schmid, der sie in administrativen Dingen neben seinem Job als Unternehmensberater unterstützt, angefangen, die notwendigen Angaben von der Handelsregisternummer bis zu den Kontodaten vorzubereiten, um den Antrag so schnell wie möglich ausfüllen zu können. Die Voraussetzung erfüllt sie: „Die Umsatzerzielungsmöglichkeiten wurden durch die Corona-Allgemeinverfügungen massiv eingeschränkt.“

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„Die Anleitung ist weitgehend schlüssig“, sagen Werth und Schmid. Nur über die Prognose des Liquiditätsengpasses der GmbH bis Mai 2020 haben sie lange nachgedacht und viel gerechnet. „Man will ja ehrlich sein, keine Fehler machen, zugleich aber auch nichts unversucht lassen, oder sich als aufrichtig Bedürftige Förderchancen verbauen.“ Weitere Unsicherheit: Die Zahl der Beschäftigten – zum Team gehören sechs Frauen – muss auf sogenannte Vollzeitäquivalente umgerechnet werden. „Wir kommen exakt auf die Zahl von 5,1“, sagt die Ladeninhaberin. Das ist genau auf der Grenze: Bis zu zehn Mitarbeitern beträgt die maximale Fördersumme 20.000 Euro. Bei bis zu fünf wären es 14.000 Euro.

Dass die Soforthilfe nicht reicht, um langfristig Probleme zu lösen, weiß Ja­nine Werth. Aber das Geld hilft, die dringendsten Rechnungen zu bezahlen. Ja­nine Werth geht davon aus, dass die Politik nach dem 16. April die Läden weiter geschlossen halten wird. „Wir versuchen jetzt mit voller Kraft, unser Geschäftsmodell zu digitalisieren“, sagt sie. Und trotz erster Erfolge musste sich die Geschäftsfrau eingestehen, dass sie weiter Kosten reduzieren muss. Wahrscheinlich muss sie auch einen weiteren Kredit aufnehmen. „In der vergangenen Woche hatten wir Umsatzrückgänge von 65 Prozent“, sagt sie. Davor waren es noch 50 Prozent. „Das geht so nicht weiter.“

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Kurzarbeit für alle Mitarbeiter – aber nur anteilig

Am Montag hat sie ihren Mitarbeiterinnen mitgeteilt, dass sie ab April für alle Kurzarbeit anmelden muss. „Das stand mir sehr bevor“, sagt Werth. Allerdings habe sie den Anteil der Kurzarbeit jeweils so berechnet, dass einerseits die Aufgaben im Laden bearbeitet werden können und andererseits unter sozialverträglichen Aspekten alle für einige Zeit mit dem reduzierten Gehalt auskommen können. „Es wurde gut aufgenommen“, sagt die Unternehmerin und klingt hörbar erleichtert. Alle Mitarbeiterinnen wollen bleiben und haben sogar weiteres Entgegenkommen signalisiert. „Wenn wir das hier schaffen, dann nur als Team“, sagt Janine Werth.

Es ist wieder ein langer Tag. Von wegen Soforthilfe. Bis 21 Uhr ist es nicht möglich, einen Antrag auf den dringend erwarteten Zuschuss zu stellen. Trotz mehrerer Hundert Versuche. „Das Warten nervt. Jetzt folgt ein weiterer Tag mit Webseiten-Aktualisierung. Das ist ärgerlich“, sagt sich Janine Werth. „Da verstreicht wertvolle Zeit, die ich besser nutzen kann.“

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