Pandemie

Corona-Studie: Deutsche sind noch relativ gelassen

Die Psyche in der Corona-Krise: 6 Tipps für mentale Gesundheit

Der Ausbruch des neuen Coronavirus sowie die damit einhergehende häusliche Isolation machen vielen Menschen Angst. Sehen Sie im Video, wie Sie Ihre Psyche in dieser Zeit stärken.

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Corona-Umfrage in G7-Ländern: Deutsche fürchten Folgen für Gesundheit, Einkommen und Bildung am wenigsten – Italiener am meisten.

Berlin. Nur wenige deutsche Wörter haben es in den internationalen Sprachschatz geschafft. Das Englische hat zum Beispiel die Begriffe „angst“, „blitzkrieg“ und „schadenfreude“ übernommen – allesamt negativ besetzte Vokabeln. In der Corona-Krise zeigen sich die Bundesbürger hingegen erstaunlich gelassen, zumindest im internationalen Vergleich.

Eine repräsentative Online-Umfrage in den größten westlichen Industrieländern (G7) USA, Kanada, Japan, Deutschland, Frankreich, Großbritannien und Italien unterstreicht dies. Die Studie wird heute öffentlich vorgestellt und stand unserer Redaktion vorab zur Verfügung.

So wirkt sich die Ausbreitung des Coronavirus auf die Deutschen aus:

Gesundheit

Auch den Bundesbürgern geht die Corona-Epidemie unter die Haut. Aber unter den europäischen G7-Ländern sind die Deutschen am wenigsten besorgt um das eigene Wohl. 68 Prozent sagen, dass die Corona-Krise Einfluss auf ihre persönliche Gesundheit haben könne.

Am größten ist die Angst bei den Italienern (85 Prozent); die Regionen Lombardei und Veneto im Norden des Landes bilden das Epizentrum der Corona-Krise in Europa. Dahinter folgen die Franzosen 76 Prozent), die Amerikaner (74 Prozent), die Briten und die Kanadier (jeweils 73 Prozent). Lediglich die Japaner (65 Prozent) sind weniger nervös als die Deutschen.

Eine ähnliche Reihenfolge ergibt sich bei der Frage, ob die Pandemie Auswirkungen auf die Gesundheit in der eigenen Familie oder bei Freunden hat. Spitzenreiter bei den Ängsten ist Italien (93 Prozent). Am wenigsten besorgt ist man in Japan (69 Prozent), am zweitwenigsten in Deutschland (78 Prozent).

Zum Teil lassen sich die Werte auf der Angst-Skala mit den Zahlen der Opfer begründen. In Italien gab es bis Dienstagabend (18 Uhr) die meisten Infizierten (69.176) und die meisten Toten (6820) unter den G7-Ländern. In Deutschland betrug die Zahl der Todesopfer 156, in Japan 42, in Großbritannien 422 und in den USA stieg die Zahl der Todesopfer im Zuge der Corona-Krise auf 600.

Bei aller Kritik an fehlenden Atemschutzmasken für medizinisches Personal in Zeiten von Corona: Ein Grund für die relative Gelassenheit der Deutschen mag auch an der Versorgungsdichte mit Ärzten liegen. In den Jahren 2017 und 2018 gab es knapp 360.000 Mediziner im direkten Patientenkontakt, wie das Statistische Bundesamt am Dienstag mitteilte. Dies waren 4,3 Ärzte je 1000 Einwohner. In Großbritannien lag der Wert bei 2,9 Medizinern, in Frankreich bei 3,2 und in Italien bei 4,0.

„Auch in Deutschland ist man wegen der Corona-Krise besorgt. Aber im Vergleich zu anderen Ländern herrscht das Grundgefühl vor, dass die Verantwortlichen die Lage im Griff haben“, sagte der Politikforscher Torsten Schneider-Haase vom Meinungsforschungsinstitut Kantar unserer Redaktion. „Die Bundesbürger sind der Meinung, dass Politik, Ärzte und Wissenschaftler in Deutschland relativ gut auf die Corona-Pandemie reagiert haben. Auch die vergleichsweise niedrige Zahl an Todesopfern mag hier eine Rolle spielen.“

Persönliches Einkommen

Bei den Auswirkungen von Corona auf das persönliche Einkommen ist man in Deutschland am wenigsten beunruhigt. 18 Prozent geben an, dass die Krise bereits durchgeschlagen habe. In Italien (37 Prozent) ist der Wert am höchsten, gefolgt von den USA (36 Prozent), Kanada (31 Prozent), Großbritannien (26 Prozent), Frankreich (22 Prozent) und Japan (20 Prozent).

Allerdings erwarten 36 Prozent der Deutschen, dass Corona in Zukunft ihr Gehalt beeinflussen wird. Am höchsten ist die Sorge in Italien (47 Prozent) vor Japan (45 Prozent), Kanada und Frankreich (je 44 Prozent).

Die relative Gelassenheit der Deutschen mag damit zu tun haben, dass die Konjunktur hierzulande seit Ende der Finanzkrise 2009 auf Trab ist – selbst wenn die Wachstumsraten zuletzt eher bescheiden waren. Auch die Ankündigungen aus der Politik, einen drohenden Wirtschaftseinbruch mit einem großen Finanzpuffer abzufedern, könnten sich hier niederschlagen. Die öffentlichen Kassen sind aufgrund der Steuermehreinnahmen jedenfalls gut gefüllt.

Bildung

Auch hier sind die Deutschen am wenigsten beunruhigt. 53 Prozent der Bundesbürger geben an, dass sie sich wegen Corona viele oder ziemlich viele Sorgen um ihre eigene Bildung oder die Ausbildung ihrer Kinder machen. Am größten ist die Angst in Frankreich (72 Prozent), Großbritannien (71 Prozent), USA und Kanada (jeweils 70 Prozent). Erst dahinter kommen Italien (64 Prozent) und Japan (54 Prozent).

Bewertung der eigenen Regierung

Bei der Zufriedenheit mit der eigenen Regierung rangieren die Deutschen in der Mitte. Eine große oder einigermaßen große Zustimmung gibt es in Italien (76 Prozent) – Platz eins. Dahinter folgen Kanada (66 Prozent), Frankreich (61 Prozent), Deutschland (58 Prozent), Großbritannien (56 Prozent), die USA (53 Prozent) und Japan (35 Prozent).

Hinter den Zahlen für Italien dürfte das entschlossene Handeln der Regierung stehen. Der parteilose Ministerpräsident Giuseppe Conte, der in der Koalition mit dem Rechtspopulisten Matteo Salvini noch das fünfte Rad am Wagen war, ist während der Krise sichtbar gewachsen. Er führte am 10. März in Italien als erstem Land in Europa eine harte Ausgangssperre ein und kommunizierte den Ernst der Lage im richtigen Ton. Seine Landsleute fühlten sich mitgenommen.

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Die mittlere Zufriedenheit in Deutschland liegt möglicherweise an den unterschiedlichen Regelungen in den einzelnen Bundesländern, die sich erst durch die Absprache am Sonntag im Kanzleramt annäherten. Der Abstimmungs-Knick zwischen Bund und Ländern sowie die föderalistischen Dissonanzen könnten in Teilen der Bevölkerung für Unsicherheit gesorgt haben.

Für eine Minderheit der Bundesbürger (8 Prozent) gehen die Maßnahmen der eigenen Regierung zu weit. Noch größer ist die Unzufriedenheit in Japan und den USA (jeweils 10 Prozent). Den niedrigsten Wert verzeichnet Italien (3 Prozent). Umgekehrt sagen 47 Prozent der Deutschen, dass die eigene Regierung nicht hart genug in der Corona-Krise durchgreift. In Italien das gleiche Bild. Schärfere Maßnahmen fordern vor allem die Japaner (51 Prozent) und die Franzosen (49 Prozent).

Das Vertrauen, dass die Regierung künftig die richtige Entscheidungen zu Corona trifft, ist in Deutschland hoch. 67 Prozent der Bundesbürger sind hier sehr oder einigermaßen zuversichtlich. Italien kommt auf dieselbe Zahl. An der Spitze stehen die Kanadier (77 Prozent).

Am wenigsten Kredit geben die Japaner (38 Prozent) der Politik. Wohl eine Quittung für Ministerpräsident Shinzo Abe. Der war harsch dafür kritisiert worden, das neuartige Coronavirus anfangs nicht richtig ernst genommen zu haben. Lange hatte er an der Austragung der Olympischen Sommerspiele in Tokio festgehalten. Erst am Dienstag rang er sich auf internationalen Druck hin zu einer Verschiebung durch.

Verhalten der eigenen Landsleute

Viele Deutsche sehen das Auftreten ihrer Mitbürger im Kampf gegen das Coronavirus negativ. 57 Prozent sind hier sehr oder ziemlich unzufrieden. Die Franzosen (62 Prozent) allerdings haben noch mehr auszusetzen. Auch eine Mehrheit der Italiener (58 Prozent) rügt die eigenen Landsleute. Am geringsten ist der Frust über das Verhalten der Mitmenschen in Kanada (26 Prozent).

Bei der Studie des Meinungsforschungsinstituts Kantar handelt es sich um eine repräsentative Online-Umfrage. Sie wurde in den führenden westlichen Indus­trieländern (G7) USA, Kanada, Japan, Deutschland, Frankreich, Großbritannien und Italien durchgeführt. Befragt wurden je 1000 oder mehr Teilnehmer ab 16 Jahren. Die Daten wurden so gewichtet, dass sie bei Alter, Geschlecht und Bildungsgrad den Durchschnitt der Bevölkerung wiedergeben.

Die Erhebung fand zwischen dem 19. und dem 21. März statt, also in Deutschland zwischen der TV-Ansprache von Bundeskanzlerin Angela Merkel am 18. März und dem Beschluss von Kanzlerin und Ministerpräsidenten am 22. März.

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