Corona

Aus Langeweile gehen viele Hamburger in den Baumarkt

Warten vor dem Baumarkt:  Die Kunden sollen Abstand  halten.

Warten vor dem Baumarkt: Die Kunden sollen Abstand  halten.

Foto: Marcelo Hernandez

Immer mehr Menschen renovieren nun ihr Zuhause oder buddeln im Garten. Obi und Co profitieren von dieser Situation.

Hamburg. Das rot-weiße Absperrband flattert im Wind, auf dem Boden vor dem Hagebau-Markt in Altona markieren Klebestreifen zwei Meter Mindestabstand in der Warteschlange. Zehn Kunden stehen an diesem Montagvormittag an, um sich mit Artikeln für das Heimwerken und den Garten einzudecken. Meistens sind es einzelne Männer, aber auch Mütter mit Kindern haben sich auf den Weg in den einzigen Baumarkt in der Umgebung gemacht. „Ich brauche Mehrfachsteckdosen, um mich im Homeoffice langfristig einzurichten“, sagt ein junger Mann, während er langsam vorrückt.

Vor dem Eingang ist ein Mitarbeiter einer Sicherheitsfirma mit Mundschutz postiert. Er nickt, wenn der Nächste durch die Glastür reindarf. Möglichst allein, maximal zu zweit. Gleichzeitig dürfen nicht mehr als 50 Kunden in den schmalen Gängen des 2200-Quadratmeter-Markts einkaufen. Die Tür geht auf, ein Kunde kommt mit einem Farbeimer, Abtropfgitter und Spachtelmasse heraus. „Wir sind gerade umgezogen, ich muss die alte Wohnung renovieren“, sagt er.

Mehrere Bundesländer haben Besuch von Baumärkten untersagt

Was in Hamburg weiter möglich ist, haben mehrere Bundesländer bereits untersagt: In Bayern sind Bau- und Gartenmärkte bereits seit Sonnabend weitgehend geschlossen, Sachsen, Niedersachsen und Mecklenburg-Vorpommern wollen – Stand Montagnachmittag – nachziehen oder haben das bereits getan. Mancherorts haben nur noch Handwerker, die sich als solche ausweisen können, Zugang zu Farbeimern Schrauben und Rohren. In der Hansestadt hingegen dürfen die Märkte laut der Allgemeinverfügung vom Sonntagabend weiter auch für Endverbraucher öffnen.

„Wir verkaufen gerade sehr viel Farbe. Das ist für die Jahreszeit eher untypisch“, sagt Philipp Möller, Geschäftsführer der Hagebau-Märkte Möller Förster mit 250 Mitarbeitern. Offenbar dächten jetzt viele, wenn ich schon zu Hause bleiben soll, dann mache ich es mir wenigstens schön. In den Wochen davor waren vor allem Atemschutzmasken, Desinfektionsmittel und Schutzkleidung besonders gefragt. Seitdem fast alle Geschäfte in Hamburg geschlossen sind, herrscht Ausnahmezustand in den vier Märkten des Familienunternehmens in Altona, Winterhude, Hummelsbüttel und Rahlstedt. Von Hamsterkäufen will Möller nicht sprechen. Er nennt es Zielkäufe. Aktuell nehme der Anteil an Handwerkerprodukten für Reparaturen zu. Konkrete Zahlen will Möller allerdings nicht nennen.

Großer Kundenansturm

Vor allem am Freitag und Sonnabend war der Kundenansturm in den meisten Fachmärkten enorm, Augenzeugen berichteten von mehrere Hundert Meter langen Schlangen auf Einlass wartender Kunden. Am Montag habe sich die Situation „etwas entzerrt“, sagte ein Sprecher der Baumarktkette Hornbach dem Abendblatt. Offenbar wirkt das von Bundesregierung und Bundesländern verhängte Kontaktverbot. „Die Leute sind jetzt ganz klar eingenordet“, sagt Harald Meyer vom Gartenmarkt Meyer’s Mühle in Norderstedt.

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Dort läuft auch der Verkauf von Sträuchern, Frühblühern wie Stiefmütterchen und Primeln sowie Gemüsesamen unter verschärften Sicherheitsmaßnahmen vorerst weiter. „Jetzt, wo die Leute Zeit zu Hause verbringen, beschäftigen sie sich mehr mit Gemüseanbau“, glaubt Meyer. Aus Sicht des Branchenverbands der Bau- und Gartenmarkthändler (BHB) aber ist der Verkauf von Samen und Pflanzen einer von vielen Belegen dafür, dass die Märkte ein wichtiger Baustein zur Aufrechterhaltung der Grundversorgung der Bevölkerung sind. Und deshalb weiter geöffnet bleiben sollten.

Generatoren zur Stromerzeugung werden nachgefragt

Bei Hornbach – die Kette betreibt eine große Filiale in Eidelstedt – werden verstärkt auch Brennholz, Gasflaschen und sogar Generatoren zur Stromerzeugung nachgefragt, sagt Unternehmenssprecher Florian Preuß. Offenbar treibt den einen oder anderen Kunden bereits die Furcht vor Einschränkungen in der Energieversorgung um.

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Bei Hornbach ist, wie in vielen anderen der großen Filialketten, die Beratung im Markt mit engem Kundenkontakt eingeschränkt oder ganz eingestellt. Obi verweist nun auf die Expertenberatung per Smartphone-App. Und – wie die Mitbewerber Toom, Bauhaus, Hagebau – auf den Onlineshop und die Möglichkeit, sich die Bestellung nach zu Hause liefern zu lassen. „Der Service wird verstärkt nachgefragt“, sagt Hornbach-Sprecher Preuß. In einigen Regionen könne es deshalb bereits längere Lieferzeiten geben.

Plexiglaswände schützen das Kassenpersonal

Im Altonaer Hagebaumarkt verhalten sich die meisten Kunden nicht nur draußen diszipliniert. Allerdings ist auch hier der Zugang zur Farbmischmaschine inzwischen abgesperrt. Dort hatten sich zu viele Kinder versammelt. In den vergangenen Tagen habe sich der Kundenstrom mehr auf den ganzen Tag verteilt, so Möller. Selbst am vergangenen Sonnabend habe die Polizei bei Kontrollen keine Beanstandungen gehabt.

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Das Kassenpersonal ist durch Plexiglaswände geschützt, die Kunden werden zum bargeldlosen Bezahlen aufgefordert. Auch im Laden tragen alle Mitarbeiter Atemschutzmasken. Möller geht davon aus, dass die Baumärkte in Hamburg anders als in anderen Bundesländern weiterhin geöffnet sein werden. „Wenn die Vorschriften umgesetzt werden, ist das möglich. Wir können das“, sagt der Unternehmer. Bei Meyer’s Mühle stellt man sich vorsorglich bereits auf eine Zeit der geschlossenen Gartenmarkt-Türen ein. Harald Meyer sagt: „Wir haben einen Lieferdienst eingerichtet, der läuft jetzt an.“