Coronavirus-Pandemie

So wollen Facebook, Instagram und YouTube die Netze schützen

Kontaktsperren in der Corona-Krise: Diese Regeln gelten jetzt

Abstand halten und Kontakte weiter reduzieren: Auf diese Regeln haben sich Bund und Länder geeinigt, um Infektionen mit dem Coronavirus einzudämmen.

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Die Internetnutzung steigt wegen der Corona-Krise. Halten die Netze? Facebook, Instagram und YouTube ergreifen vorsorglich Maßnahmen.

Berlin Arbeitnehmer arbeiten im Home-Office und stehen mit ihren Kollegen über Video-Konferenzen in Kontakt, Schüler nutzen Online-Plattformen für den Unterricht von zu Hause, der Papst sendet Gebe via Stream in die Welt – und wer tatsächlich „Corona-Ferien“ macht, der nutzt oftmals Musik- und Video-Streaming-Dienste oder greift auf Online-Spiele zurück.

In Zeiten der Corona-Krise gewinnt das Internet noch mehr an Bedeutung im Alltagsleben. Doch halten die Netze einer solchen Belastung überhaupt stand? Oder müssen sogar Netflix, Amazon Prime, Spotify und Co. gedrosselt werden, um die Netzstabilität zu gewährleisten?

Coronavirus: Werden Streaming-Dienste blockiert?

In der Schweiz wird über ein solches Szenario offenbar bereits nachgedacht, laut „Neuer Züricher Zeitung“ sieht der Bundesrat diese Maßnahme als letzte Möglichkeit vor, „nicht versorgungsrelevante Dienste einzuschränken oder zu blockieren.“

Und auch die EU-Kommission sucht das Gespräch: So tauschte sich EU-Kommissar Thierry Breton mit Netflix-Chef Reed Hastings darüber aus, ob es Wege gebe, die Belastung zu reduzieren. Denkbar sei etwa, dass die Bildqualität bei starker Auslastung automatisch von HD- auf die Standard-Auflösung reduziert wird. Anstatt fünf Megabit pro Sekunde würden dann nur noch drei Megabit pro Sekunde übertragen werden.

Facebook und Instagram haben bereits vorsorglich Maßnahmen ergriffen, wie Facebook am Montagnachmittag mitteilte. „Wir reduzieren vorübergehend die Übertragungsraten für Videos auf Facebook und Instagram in Europa, um das Risiko einer möglichen Netzwerküberlastung zu senken. Unsere Dienste können weiterhin in vollem Umfang genutzt werden“, hieß es unter anderem in einem Tweet des Internet-Konzerns.

YouTube zog am Dienstag nach. Die Video-Plattform teilte mit, dass sie zum Schutz der Netze nun auch weltweit die Bildqualität drosseln wird. Bei Videos wird nun als Grundeinstellung die Standard-Auflösung statt HD voreingestellt. Die Nutzer können die Videoqualität noch immer manuell ändern. Die Drosselung in Europa war vergangene Woche zunächst für 30 Tage angekündigt worden.

In Italien erhöhte sich der Datenanstieg um 70 Prozent

Die in Deutschland für die Versorgungssicherheit zuständige Bundesnetzagentur verwies auf Anfrage unserer Redaktion an die Betreiber. Empfehlungen zur Internetnutzung gebe sie nicht. Bei den drei größten deutschen Netzbetreibern, der Telekom, Vodafone und dem O2-Netzbetreiber Telefónica, heißt es auf Anfrage unserer Redaktion, dass die Netze stabil seien.

Allerdings unterscheiden sich die Angaben zur Datennutzung. Während die Telekom „keinen nennenswerten Anstieg des Datenverkehrs“ sieht, berichtet Telefónica von einer „leichten Zunahme.“ Vodafone teilt mit, dass man „von einer erhöhten Nutzung in nächster Zeit“ ausgehe.

„Hier sehen wir uns gut gerüstet, insbesondere für die klassischen Anwendungen“, sagte ein Vodafone-Sprecher unserer Redaktion, warnte zugleich aber: „Allerdings zeigen Nachbarländer, wie eine massive Gaming- und Streaming-Nutzung zusätzliche Last auf Netze bringen kann.“ So hat sich in Italien der Datenanstieg laut eines Berichts des Nachrichtenportals „Bloomberg“ um 70 Prozent erhöht.

Deutlich mehr Videokonferenzen und Online-Spiele in Deutschland

Und auch in Deutschland fließen seit der Pandemie mehr Daten, teilte der weltgrößte Internet-Knotenpunkt, der Deutsche Commercial Internet Exchange (DE-CIX) mit Sitz in Frankfurt am Main, am Mittwoch mit. Seit vergangenem Mittwoch habe sich der durchschnittliche Datenverkehr um zehn Prozent erhöht, bei Videokonferenzen habe es sogar einen Anstieg um 50 Prozent gegeben.

Auch Online-Spiele werden demnach um ein Viertel stärker nachgefragt als noch in der Vorwoche. Telekommunikationsanbieter würden weltweit reagieren, seit Anfang März seien die Kapazitäten um ein Fünftel erweitert worden, teilte DE-CIX mit.

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„In Zeiten, wo die Menschen teilweise in der Isolation leben müssen, ist der direkte Draht zur Familie, zu Freunden und zum Firmenumfeld über die verschiedenen privaten und geschäftlichen Applikationen essentiell“, sagte DE-CIX International-Geschäftsführer Ivo Ivanov.

Bereits vor einer Woche wurde am Frankfurter Internetknotenpunkt ein Rekord erreicht: 9,1 Terabit Daten pro Sekunde wurden gemessen – so viele wie nie zuvor.

Bitkom-Chef warnt vor Risiken im Home-Office

Der Digital-Branchenverband Bitkom sieht die Festnetz- und Mobilfunkinfrastruktur als gut gewappnet an. Zugleich forderte Bitkom-Chef Achim Berg gegenüber unserer Redaktion aber auch, sich auf einen „totalen Shutdown“ einzustellen: „Für eine konstant hohe Netzverfügbarkeit muss zwingend sichergestellt werden, dass der Einsatz von Technikern unter allen Umständen ohne Einschränkungen gewährleistet ist“, sagte Berg unserer Redaktion.

Die Corona-Krise sei ein „Weckruf“ für Unternehmen, Behörden und Einrichtungen, die die Digitalisierung bisher vernachlässigt haben, sagte der Bitkom-Chef. Laut einer repräsentativen Umfrage des Digital-Branchenverbandes arbeitet mittlerweile jeder Zweite von zu Hause.

Damit entstehen aber neue Risiken, warnt Berg: „Arbeitnehmer im Home-Office können mit Blick auf die IT-Sicherheit ein zusätzliches Risiko darstellen, insbesondere wenn sie nicht vom Arbeitgeber mit Smartphone, Laptop und VPN-Zugang ausgestattet wurden.“ Er appelliert daher, dass jeder Einzelne im Homeoffice aktuelle Software nutze, Updates einspiele und komplexe Passwörter verwenden solle.

Wer im Homeoffice Probleme mit seiner Verbindung habe, solle seine Router-Einstellungen prüfen und gegebenenfalls optimieren, riet der Bitkom-Chef. So könnten dienstliche Geräte und Anwendungen priorisiert werden.

Auch Bundesbehörde warnt vor Risiken

Auch das Bundesamt für Sicherheit und Informationstechnik (BSI) warnt vor Problemen im Home-Office. „In Bezug auf die Informationssicherheit erhöht Home-Office unter Umständen auch die Anforderungen, da in mobilen Arbeitsplatz-Umgebungen keine sichere IT-Infrastruktur vorausgesetzt werden kann, so wie sie in einer Büroumgebung anzutreffen ist“, sagte ein BSI-Sprecher unserer Redaktion.

Viele größere Unternehmen und Firmen, die Home-Office seit langem einsetzen, seien aber „in der Regel gut darauf eingestellt, Home-Office sicher anbieten zu können“, sagte der Sprecher. Grundsätzlich rate das BSI, bezüglich der Informationssicherheit eine „Risikoabwägung vorzunehmen, bei der die Arbeitsfähigkeit den anderen IT-Sicherheitsschutzzielen Vertraulichkeit und Integrität gegenübergestellt und bewertet wird“, sagte der BSI-Sprecher. Mitarbeiter sollten entsprechend für die IT-Sicherheit sensibilisiert werden.

Mehr Anfragen an IT-Dienstleister

Der steigende Bedarf an IT-Dienstleistungen kommt auch in der Wirtschaft verstärkt an. So berichtete Dirk Peters, Vorstand der Datagroup SE, unserer Redaktion von zunehmenden Anfragen.

„In den vergangenen Wochen erreichen uns verstärkt Anfragen von Unternehmen, die wegen Corona ihren Mitarbeitern Home-Office anbieten“, sagte Peters. Viele Firmen würden Equipment, Software und Infrastruktur, aber auch Beratungsleistungen verstärkt nachfragen.

Telekom hat Notfall- und Pandemiepläne aktiviert

Auch wenn die deutschen Telekommunikationsanbieter entgegen des Trends noch keine höhere Datennutzung verzeichnen, bereiten sie sich dennoch auf steigende Zahlen vor. „Spezielle Teams beobachten die Situation Tag und Nacht sehr genau und können zeitnah Maßnahmen auf den Weg bringen, um bei Bedarf gegenzusteuern“, sagte der Vodafone-Sprecher. Ein Sprecher der Telekom wies darauf hin, dass man bereits im Januar Notfall- und Pandemiepläne aktiviert habe, um die Infrastruktur sicherzustellen.

Der Telekom kommt dabei eine besondere Rolle zu. „So sichern wir auch die wichtige Kommunikation und den Betrieb beispielsweise von Not- und Rettungsdiensten, Krankenhäusern und Behörden. Damit unterstützen wir die Versorgungslage der Bevölkerung“, sagte der Sprecher.

Streaming-Dienst-Anbieter äußern sich nicht

Von Telefónica heißt es, dass man mit den notwendigen Stellen im Austausch stehe. „Für die Netzstabilität ist es aber keine neue Situation. Die Netze sind auf eine stärkere Nutzung ausgelegt“, teilte ein Sprecher mit. Wenn es Probleme gebe, stünden außerdem genug Techniker zur Verfügung, um diese zu beheben – unter verschärften Sicherheitsbedingungen. „Wir stellen sicher, dass die Mitarbeiter entsprechend geschützt sind“, so der Sprecher.

Und sorgen sich die Streaming-Dienst-Anbieter selbst davor, künftig ihre Leistungen nur noch begrenzt anbieten zu können? Dazu wollten sich weder Amazon noch Netflix auf Anfragen unserer Redaktion äußern. Die EU-Kommission jedenfalls rief die Streaming-Plattformen dazu auf, mit Internet-Anbietern zusammenzuarbeiten. Doch auch die Frage, ob Netflix und Amazon mit Behörden und Telekommunikationsanbietern in Kontakt stünden, um im Notfall schnell reagieren zu können, ließen die beiden US-Unternehmen unbeantwortet.