Corona-Krise

Airbus schließt Werke in Frankreich und Spanien

Airbus-Chef Guillaume Faury reagiert mit den beschlossenen Maßnahmen auf das Coronavirus.

Airbus-Chef Guillaume Faury reagiert mit den beschlossenen Maßnahmen auf das Coronavirus.

Foto: Michael Rauhe

Flugzeugbauer setzt Produktion in zwei Ländern aus. Was passiert auf Finkenwerder? Wie reagieren andere Industriebetriebe?

Hamburg. Nachdem Airbus im Fe­bruar die Endmontage im chinesischen Werk Tianjin wegen des Coronavirus für rund eine Woche unterbrechen musste, trifft es jetzt die Flugzeugfertigung in Europa: Die Produktion in Frankreich und in Spanien ist für den Rest der Woche eingestellt worden. Man reagiere damit auf die in diesen beiden Ländern angeordneten Maßnahmen zur Bekämpfung der Virus-Ausbreitung, teilte der Konzern mit. Die Schließung der Produktion für vier Tage gebe dem Unternehmen genügend Zeit, die strikten Gesundheitsvorschriften im Hinblick auf Hygiene, Reinigung und den Abstand zwischen Mitarbeitern umzusetzen, hieß es. In Frankreich hat Airbus 49.000 Beschäftigte, in Spanien sind es 13.000. Spaniens Regierung hatte den nationalen Notstand ausgerufen, in Frankreich gilt mit der Stufe 3 die höchste Stufe im Kampf gegen Epidemien.

In Ländern, die als Stufe 2 oder weniger eingestuft sind – etwa in Deutschland und Großbritannien – werde eine „Anpassung an geänderte Arbeitsabläufe“ ebenfalls zwischen Dienstag und Freitag vorgenommen, „wobei der Großteil der operativen Aktivitäten beibehalten wird“, teilte ein Airbus-Sprecher auf Abendblatt-Anfrage mit. Spezialisten des Medizinischen Dienstes von Airbus informierten durch Videos und Besuche an den Arbeitsplätzen die Mitarbeiter.

Airbus setzt auf Flexibilität im Umgang mit der Corona-Krise

„Wir tun unser Bestes, um unsere Mitarbeiter, die von der Schließung von Schulen und Kinderbetreuungseinrichtungen betroffen sind, zu unterstützen, indem wir ihnen ein Höchstmaß an Flexibilität im Umgang mit der Situation bieten“, sagte der Airbus-Sprecher. „Dazu gehört, dass wir, wo immer möglich, Homeoffice ermöglichen und gleichzeitig die Geschäftskontinuität bei Airbus sicherstellen, um Kundenverpflichtungen und nationale Vorschriften zu erfüllen.“ Der Konzern beziffert aber nicht, wie viele der knapp 15.000 Beschäftigten des Standorts Hamburg von zu Hause aus arbeiten beziehungsweise sich in Quarantäne befinden. Dienstreisen zwischen Frankreich und Deutschland habe das Unternehmen „auf ein Minimum reduziert“, hieß es weiter.

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Unmittelbare Folgen für den Standort Hamburg – etwa wegen ausbleibender Zulieferungen – ergeben sich durch den viertägigen Produktionsstopp in Frankreich und Spanien nach Angaben des Sprechers nicht: „Nach heutigem Sachstand können wir weiterarbeiten.“ Auch Mitarbeiter von Personaldienstleistern, Lieferanten und Kooperationspartnern hätten weiterhin Zutritt zum Werksgelände in Hamburg, sofern sie die „strengen Gesundheits- und Sicherheitsprotokolle“ einhalten.

Drastische Einnahmeausfälle bei den Airlines

Fluggesellschaften haben bei Airbus zwar im Januar eine beachtliche Zahl von 274 Jets in Auftrag gegeben, im Februar kamen dann aber keine Bestellungen mehr herein. Bis Ende Februar waren 86 Maschinen ausgeliefert worden. Angesichts der massiven Einschränkungen des weltweiten Flugverkehrs und die drastischen Einnahmeausfälle bei den Airlines ist aber davon auszugehen, dass manche von ihnen die Abnahme von bei Airbus bestellten Fliegern verschieben wollen. Noch Mitte Februar hatte der Flugzeugbauer angegeben, in diesem Jahr einen neuen Auslieferungsrekord von 880 Maschinen anzupeilen – im Jahr 2019 waren 863 Jets an die Kunden übergeben worden.

Doch die neue Marktsituation bringt Unsicherheiten für die Prognose, selbst wenn es nicht zu einem länger anhaltenden Stillstand der Produktion kommen sollte. Auf der anderen Seite gebe es Fluggesellschaften, die auch aktuell großes Interesse daran bekundet hätten, ihre Flotten zu modernisieren, sagte ein Airbus-Sprecher aus Toulouse dem Abendblatt. Dazu gehören der Billigflieger WizzAir sowie die ebenfalls im Niedrigpreissegment tätigen Airlines JetBlue und Spirit aus den Vereinigten Staaten.

Jungheinrich und Still sehen keine großen Auswirkungen

Während der Finanz- und Wirtschaftskrise 2008/2009 hatte Airbus ein Team mit der Bezeichnung „Watchtower“ aufgestellt, das mehr als 600 Lieferpositionen entweder nach hinten geschoben oder nach vorne gezogen hat. Ein solches Team sei auch jetzt wieder aktiviert worden, hieß es von Airbus. Zudem bewies der Konzern gerade erst 2018, dass er mit größeren Unregelmäßigkeiten im Produktionsablauf umgehen kann: Obwohl wegen der Lieferschwierigkeiten des Triebwerksherstellers zeitweise mehr als 100 fertig gebaute Maschinen der beliebten A320neo-Reihe noch auf ihre Motoren warten mussten, gelang Airbus noch ein Auslieferungsrekord.

Coronavirus: So können Sie sich vor Ansteckung schützen

  • Niesen oder husten Sie am besten in ein Einwegtaschentuch, das Sie danach wegwerfen. Ist keins griffbereit, halten Sie die Armbeuge vor Mund und Nase. Danach: Händewaschen
  • Regelmäßig und gründlich die Hände mit Seife waschen
  • Das Gesicht nicht mit den Händen berühren, weil die Erreger des Coronavirus über die Schleimhäute von Mund, Nase oder Augen in den Körper eindringen und eine Infektion auslösen können
  • Ein bis zwei Meter Abstand zu Menschen halten, die Infektionssymptome zeigen
  • Schutzmasken und Desinfektionsmittel sind überflüssig – sie können sogar umgekehrt zu Nachlässigkeit in wichtigeren Bereichen führen

Unterdessen stellen sich auch andere Industrieunternehmen in Hamburg wegen des Coronavirus auf stark veränderte Arbeitsbedingungen ein. „In vielen Betrieben denkt man über die Schließung der Kantine oder über die Arbeit in versetzten Schichten nach“, sagte Ina Morgenroth, die Erste Bevollmächtigte und Geschäftsführerin der IG Metall Hamburg, im Gespräch mit dem Abendblatt. Außerdem gehe es darum, die Fertigung so einzurichten, dass ein Abstand von 1,5 Metern zwischen den Beschäftigten gewährleistet werden kann. Probleme mit der Lieferkette können nach Einschätzung von Morgenroth aber dazu führen, dass in den nächsten Wochen die Produktion auch in den Hamburger Werken von Konzernen wie Airbus und Daimler ins Stocken gerät.

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Bei den beiden großen Hamburger Gabelstapler-Herstellern gibt es nach eigenen Angaben bislang keine gravierenden Auswirkungen auf die Produktion. Sowohl bei Jungheinrich als auch bei Still gibt es zwar vereinzelt infizierte Mitarbeiter, doch dadurch werde die Montage der Fahrzeuge nicht wesentlich beeinflusst. „Alle Werke sind in Betrieb“, sagte ein Jungheinrich-Sprecher dem Abendblatt auf Anfrage. Detaillierter wollte sich das Unternehmen vor der Bilanz-Pressekonferenz am heutigen Mittwoch nicht äußern. „Die Produktion in Hamburg läuft“, sagte ein Sprecher des Still-Mutterkonzerns Kion. „Die Versorgung mit Material und Bauteilen wird zwar schwieriger, läuft aber noch gut.“