Landwirtschaft

Superfood: Hamburger Start-up baut Gras zum Trinken an

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Hanna-Lotte Mikuteit
Die Gründer von Lütt Gröön in Allermöhe: Amir Yagel (links) und Lukas Born in ihrem Gewächshaus.

Die Gründer von Lütt Gröön in Allermöhe: Amir Yagel (links) und Lukas Born in ihrem Gewächshaus.

Foto: Michael Rauhe

Lütt Gröön setzt auf junge Salat- und Gemüsepflanzen aus dem Gewächshaus in Allermöhe. Geliefert wird noch am Tag der Bestellung.

Hamburg.  Die filigranen Stängel der Erbse leuchten zart in frischem Grün. Die jungen Grünkohlblättchen sind einen Ton dunkler. Dazwischen wachsen violette Radieschen und gelbliches Senfblatt. Es ist erst März, aber im Gewächshaus von Lukas Born und Amir Yagel ist das ganze Jahr Erntezeit. Auf langen Tischen stehen bei angenehmen 19 Grad Raumtemperatur Töpfe und Kisten mit sehr jungem Gemüse.

„Normalerweise wachsen die Pflanzen mehrere Monate auf dem Feld heran“, sagt Lukas Born. „Aber wir ernten schon nach zehn bis 20 Tagen.“ Die Gründer von Lütt Gröön haben sich auf sogenanntes Mikrogrün spezialisiert. „Der Geschmack ist zarter und zugleich sehr deutlich“, sagt Amir Yagel und zupft einige Erbsenstängel zum Probieren ab. Schmeckt überraschend intensiv.

Lütt Gröön: Gründer lernen sich auf Isemarkt kennen

Es gibt Rettich, Buchweizen, Brokkoli und Sonnenblumen. Auch Weizen- und Gerstengras, die gerade als besonders gesundes Superfood gehandelt werden, bauen die beiden Jungunternehmer unter den transparentem Dach am Allermöher Deich für den Verzehr an.

Seit 2018 betreiben Born und Yagel ihre Firma Lütt Gröön. Der Name kommt aus dem Plattdeutschen und heißt so viel wie „kleines Grün“. Kennengelernt hatten sich der Landwirt aus Österreich und der Betriebswirt aus Israel ein Jahr zuvor auf dem Isemarkt, wo sie unabhängig voneinander Gemüsepflanzen in sehr jungem Stadium anboten.

Geerntet wird, wenn eine Bestellung vorliegt

„Jeder hatte seinen Stand. Wir haben dann beschlossen, uns zusammenzutun“, sagt Yagel, der aus Tel Aviv kommt und in seiner Heimat erste Erfahrungen mit Anbauverfahren ohne Erde gesammelt hatte. Zusammen wollen die beiden mit ihrem Konzept einer urbanen Landwirtschaft neue Wege beschreiten. „Wir sehen uns als Erzeuger vor der Stadt, die Menschen mit besonders frischem Gemüse ohne lange Lieferzeiten versorgen“, so Born. „Farm2Table“ nennt sich das Konzept, bei dem erst geerntet wird, wenn eine Bestellung vorliegt.

Im hinteren Teil des 750 Quadratmeter großen Gewächshauses steht Alon Azoulay. Er füllt Erde in Töpfe und Pflanzkisten, bewässert sie. „Wir verwenden Bio-Erde, die wir selbst mischen“, sagt Lukas Born. Obendrauf kommt das Saatgut, das ebenfalls aus ökologischem Landbau stammt. Gerade sät Azoulay, der ebenfalls aus Israel kommt, Gerstengras aus. Die ersten vier Tage keimt es im Dunkeln, quasi wie in der Erde, dann erst bekommt es Licht.

Gras lässt sich am besten als Shot pressen

Die Pflanzen, erklärt Landwirt Born, entwickeln sich von Keimlingen nach fünf Tagen in Mikrogrün. „Zu diesem Zeitpunkt haben sie fast so viele Nährstoffe wie ausgewachsene Pflanzen“, so der 32-Jährige, der einen gewaltigen Schnurrbart als Erkennungszeichen trägt. Weil in jedem Topf von Lütt Gröön Hunderte Mikrogrünpflanzen stecken, ist der Gehalt eines Topfes an Mineralstoffen, Vitaminen und Spurenelementen höher als bei ausgewachsenem Gemüse.

Je nach Geschmack lassen sich die zarten Pflanzen in Salat, auf Quark oder Frischkäse essen oder wie Kräuter als besondere Geschmacksnote in Gerichten verarbeiten. Weizen- und Gerstengras, für viele eher als Futtermittel und als Lebensmittel eher ungewohnt, lässt sich am besten als Shot pressen oder in Smoothies mischen. „Gras ist nicht nur schwer zu kauen, der menschliche Magen kann die Rohfaser nicht verdauen“, erklärt Lukas Born. Auch deshalb bietet Lütt Gröön frisch geschnittenes Gras für Saftkuren und einen Smoothie-Mix mit Weizengras und Erben-Mikrogrün auf der Internetseite an.

Jungpflanzen werden auch auf dem Isemarkt angeboten

Nachdem die beiden Gründer anfangs noch selbst auf den Märkten standen, ist die Nachfrage inzwischen so groß, dass sie ihr Mikrogrün hauptsächlich über Großhändler und in Biokisten vermarkten. Dabei gilt das „Farm2Tab­le“-Konzept: Bestellt werden kann bis 14 Uhr per Mail, am Nachmittag wird ausgeliefert „So haben wir kaum Überproduktion und Ausschuss“, sagt Amir Yagel. Auch im eigenen Onlineshop, in der Hobenköök, einer auf regionale Erzeugnisse spezialisierten Markthalle im Oberhafenquartier, und bei Kräuter Malte auf dem Isemarkt werden die Jungpflanzen für im Schnitt 3,50 Euro pro Topf angeboten. Es gibt auch sogenannten Mixschnitt, der pro Gramm berechnet wird.

„Die Nachfrage wächst“, sagt Amir Yagel. Das Bewusstsein für frische regionale Produkte sei in den vergangenen Jahren größer geworden. Mittlerweile beschäftigen sie zwei Teilzeitkräfte, um die Arbeit zu schaffen. „Wir verkaufen inzwischen ein paar Tausend Töpfe und Kisten in der Woche.“ Umsatzzahlen wollen die Jungunternehmer nicht nennen. Aber, sagen die beiden Familienväter, der Verdienst reicht zum Leben. Und sie wollen wachsen.

Lütt Gröön: Hamburger experimentieren mit neuen Gemüsesorten

Gerade haben sie ein weiteres Gewächshaus am Allermöher Deich gemietet, um die Produktion auszubauen. In diesem Jahr wollen sie auch erstmals historische Gemüsesorten ins Programm nehmen, die sie im Freiland anbauen. Darunter die besonders aromatische, runde Frühkarotte Pariser Markt, Teufelsohr, ein alte Römersalatsorte, oder die aus Sachsen stammende Gartenerdbeere Mieze Schindler.

Gerade experimentieren sie zudem mit neuen Gemüsesorten, die sie als Mikrogrün anbieten wollen, darunter Knoblauch und Fenchel. „Das Gute ist, dass wir auch in Zeiten, in denen durch das Coronavirus Lieferketten etwa für Gemüse aus Italien nicht mehr funktionieren, schnell liefern können“, sagt Amir Yagel.

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