Panikverkäufe

Coronavirus lässt Börse abstürzen – EZB-Maßnahmen verpuffen

Minuszinsen: Was passiert mit meinem Geld?

Sparer haben es schwer: Durch Negativzinsen, auch Strafzinsen genannt, wird ihr ungenutztes Guthaben auf dem Konto weniger. Die Inflation, also der allgemeine Anstieg der Preise, kommt erschwerend hinzu.

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Das Coronavirus setzt den Börsen weiter zu. Auch das Maßnahmenpaket der Europäischen Zentralbank konnte die Märkte nicht beruhigen.

Berlin. Die Anleger an den Börsen werden immer nervöser. Nach dem „schwarzen Montag“, bei dem der Deutsche Aktienindex (Dax) den größten Tagesverlust seit dem 11. September 2011 verzeichnen musste, drehte sich die Abwärtsspirale am Donnerstag weiter.

Panikverkäufe drückten den Dax erstmals seit 2016 unter die Marke von 10.000 Punkten. Auch in den USA kam es zu Panikverkäufen. An der Wall Street wurde der Handel erneut für eine Viertelstunde unterbrochen, nachdem der Dow Jones um 7,2 Prozent abgesackt war.

Börse: EZB kann nicht für Beruhigung sorgen

Nachdem die US-Zentralbank Federal Reserve (Fed) schon in der vergangenen Woche ihren Leitzins um einen halben Prozentpunkt gesenkt hatte und die Bank of England nachzog, ruhten nun die Hoffnungen auf dem Rat der Europäischen Zentralbank (EZB). Doch auch die EZB konnte die Anleger nicht beruhigen.

An der Zinsschraube wagte die EZB nicht zu drehen. Der Leitzins bleibt auf dem Rekordtief von null Prozent, der Einlagezins verharrt bei minus 0,5 Prozent. Banken müssen also weiterhin Strafzinsen zahlen, wenn sie ihr Geld bei der EZB parken.

120 Milliarden Euro für Unternehmensanleihen

Ausgeweitet hat die EZB dagegen die Käufe von Unternehmensanleihen. Bis Jahresende wollen die europäischen Währungshüter 120 Milliarden Euro in Wertpapiere investieren – zusätzlich zu den 20 Milliarden Euro, die sie ohnehin schon monatlich in den Erwerb von Staats- und Unternehmensanleihen stecken. Von den Anleihenkäufen profitieren vor allem die großen börsennotierten Unternehmen.

Daneben möchte die EZB die kleinen und mittleren Unternehmen durch stark vergünstigte Langfristkredite stärken. „Banken müssen damit für diese Kredite weniger an die EZB zurückzahlen, als sie sich geliehen haben, und bekommen sogar mehr gezahlt, als sie für Einlagen bei der EZB bezahlen müssen“, sagte Sebastian Dullien, Wissenschaftlicher Direktor am Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK), unserer Redaktion. Die EZB subventioniere somit Banken, die in der Krise kleinen und mittleren Unternehmen aushelfen würden. Auch der Staat hat Kreditprogramme aufgelegt, um Unternehmen zu helfen.

Auch lässt die EZB in der Krise Nachsicht mit ihren Banken walten. Vor-Ort-Inspektionen werden verschoben, Fristen für Sanierungsmaßnahmen verlängert. Der Banken-Stresstest der Europäischen Bankenaufsicht EBA wird auf das kommende Jahr verschoben. Sollte sich die Lage zuspitzen, werden Notkredite für Banken bereitgestellt, auch wenn der EZB-Rat laut eigener Aussage „keine wesentlichen Anzeichen für Spannungen an den Geldmärkten oder Liquiditätsengpässe im Bankensystem sieht“.

Harte Bewährungsprobe für Christine Lagarde

Für die EZB-Präsidentin Christine Lagarde ist es vier Monate nach ihrem Amtsantritt die erste große Bewährungsprobe. In der Ausbreitung des Virus Sars-CoV-2 sieht sie eine „große Erschütterung“ der Wachstumsaussichten für die Wirtschaft in der Eurozone.

„Wenngleich letztlich von Natur aus vorübergehend“, seien die Auswirkungen auf die Konjunktur erheblich. Sie appellierte an die Regierungen, „rechtzeitige und gezielte Maßnahmen“ zur Milderung der wirtschaftlichen Folgen der Pandemie zu ergreifen.

Eine Botschaft wie ihr Vorgänger Mario Draghi, der mit dem Satz „whatever it takes“ („was auch immer notwendig ist“) 2012 ein Bekenntnis zum Euro aussprach und damit die Märkte beruhigte, sprach Lagarde nicht aus. Das Maßnahmenpaket sei „die effizienteste Antwort, die wir im Moment sehen“, sagte Lagarde und versprach den Banken einen „unbeschränkten und großzügigen Zugang zur Liquidität“.

Kritik von Ökonomen

Ökonomen konnte sie damit nur bedingt überzeugen. „Gegenwärtig besteht die Aufgabe der Notenbanken darin, Abwärtsspiralen zu unterbrechen. Das ist der EZB nicht gelungen, weil ihr Maßnahmenpaket in den gewohnten Instrumentenbahnen geblieben und der besonderen Lage in den Augen der Marktteilnehmer nicht gerecht geworden ist“, sagte Ulrich Kater, Chefvolkswirt der Deka, der Fondsgesellschaft der Sparkassen, unserer Redaktion.

Für Kater steht fest: „Das war nicht das letzte Wort der Geldpolitik zu Corona.“ Denn nun würden die Erwartungen steigen, dass „die Notenbanken in einer konzertierten Aktion die selbst erfüllende Negativerwartungen durchbrechen werden.“

IW-Chef kritisiert nationale Alleingänge

Michael Hüther brachte dagegen Verständnis für die Entscheidung auf. „Die EZB wollte ein Signal senden, das ist ihr nur bedingt gelungen. Allerdings gab es auch die selbst gesetzte Erwartung, dass die EZB mit ihrer Entscheidung jetzt wahre Wunder vollbringt. Das kann sie nicht, sie hat im Rahmen ihrer Möglichkeiten gehandelt“, sagte der Leiter des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) unserer Redaktion.

Dagegen bemängelte Hüther die nationalen Alleingänge: „Es gibt überhaupt keine internationale Koordinierung.“ Deutliche Kritik sprach Hüther an US-Präsident Donald Trump aus, der mit seinem „unsinnigen“ Einreisestopp gegen Europäer zu den Panikverkäufen an der Börse beigetragen habe. Auch der Deutsche Gewerkschaftsbund hatte bereits eine internationale Reaktion auf das Coronavirus gefordert.

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Ist das Finanzsystem robust genug?

Kritik am EZB-Programm äußerte Stefan Kooths, Leiter des Prognosezentrums des Instituts für Weltwirtschaft an der Universität Kiel. „Indem die EZB die Sicherheitsanforderungen für ihre Geldgeschäfte lockert, geht sie selbst weiter ins Risiko“, sagte Kooths.

Zwar nehme die Zentralbank so Risiken aus dem Markt, das wäre aber eigentlich Aufgabe der Staaten. „Die EZB schaltet damit wieder aktiv in den Krisenmodus, weil sie das Finanzsystem offenbar immer noch nicht für robust genug und zumindest einzelne Staaten nicht für ausreichend handlungsfähig hält.“