Wilhelmsburg

Abendblatt-Test: Kosmetikpads zum Auswaschen

| Lesedauer: 7 Minuten
Hanna-Lotte Mikuteit
Gründerin Nike Praglowski sitzt an ihrer Nähmaschine im Atelierladen von Make it last.

Gründerin Nike Praglowski sitzt an ihrer Nähmaschine im Atelierladen von Make it last.

Foto: Michael Rauhe

Firmen in der Region überraschen mit neuen Produkten. Wir erzählen die Geschichte dahinter. Heute: Kosmetiktücher von Make it Last.

Hamburg. Wenn Nike Praglowski sich an die Nähmaschine in ihrem Atelierladen in Wilhelmsburg setzt, kann es passieren, dass sie erst mal anfängt zu lesen. Die Kleinstunternehmerin verarbeitet nämlich Seiten des englischen Wörterbuchs Merriam Webster’s als Verpackung. Unter dem Buchstaben C wird erklärt, was corn bread (Maisbrot) ist, corn cake (Maiskrapfen) oder auch corncracker (Wachtelkönig).

„Heute verwendet ja kaum noch jemand gedruckte Wörterbücher, deshalb bekommt man die für ein paar Euro im Antiquariat oder im Internet. Meistens komplett ungenutzt“, sagt Praglowski, die das Merriam Webster’s Collegiate Dictionary aus dem Anglistik-Studium kennt und schätzt. Jedes Exemplar hat etwa 700 Blätter, in die sie jetzt zugeschnitten, gefaltet und genäht ihre Kosmetikpads verpackt. „Ich musste eine Schutzhülle finden, die auch in Unverpackt-Läden akzeptiert ist“, sagt die Wilhelmsburgerin.

Das größte Problem war, das richtige Material zu finden

Die 37-Jährige beschäftigt sich seit einigen Jahren mit dem Design nachhaltiger Produkte. Die Materialien, die sie in ihrer Manufaktur verwendet, sind vollständig recycelbar und biologisch abbaubar oder wurden vorher schon anderweitig verwendet. Make it last, englisch für Mach es haltbar, hat sie ihr Label genannt. „Ich habe schon immer viel genäht“, sagt die Gründerin, die eigentlich Nicole heißt und Hotelfachfrau ist. Als eine Freundin sie fragte, ob sie Abschminkpads aus Stoff nähen könnte, war ihre Experimentierlust geweckt. Am Küchentisch ihrer Kirchdorfer Wohnung machte sie aus alten Handtüchern praktische Mehrweg-Pads.

Normalerweise sind die runden Watte-Kissen, die viele Frauen täglich mehrmals für die Gesichtsreinigung oder fürs Abschminken verwenden, aus Zellstoff, Baumwoll-, Viskose- oder Synthetik-Fasern und landen nach dem Gebrauch direkt im Abfall. „Da werden wertvolle Rohstoffe weggeworfen und außerdem viel Müll verursacht“, sagt die Mutter von zwei Kindern im Grundschulalter. Genaue Zahlen über den Verbrauch der Schönheitshelfer gibt es nicht.

Immer mehr Menschen suchen nach Ersatzprodukten

Aber immer mehr Menschen suchen nach Ersatzprodukten, die sich waschen lassen. In Praglowskis Bekanntenkreis sprach sich schnell herum, dass die findige Handwerkerin mit schwäbischen Wurzeln, deren Eltern schon möglichst wenig Abfall produziert haben, eine Mehrweg-Alternative produzierte. Pro­blem: Die Pads waren anfangs ziemlich hart. „Ich habe nach immer besseren Materialien gesucht“, sagt Nike Praglowski.

Inzwischen fertigt sie ihre Kosmetikpads aus zertifizierter Bio-Baumwolle, die bei 60 Grad in die Waschmaschine dürfen. „Sie bleiben auch nach mehrfachem Waschen genauso weich wie am Anfang“, sagt sie. Außerdem hat sie eine Herstellungsmethode ohne Nähen entwickelt und kann ihre Tüchlein komplett plastikfrei anbieten. Wie genau das geht, verrät sie nicht. Betriebsgeheimnis. Inzwischen hat sie aus dem Experiment am Küchentisch ein Geschäft mit eigenem Laden an der Veringstraße gemacht.

Bestseller sind die Abschminkpads

In der Mitte des hellen Raums steht ein großer Tisch, darunter liegen Stoffballen. Eine Wand wird von einem Holzregal eingenommen. In offenen Pappkartons lagern Materialien und fertige Produkte. Rund um die Kosmetikpads hat Nike Praglowski ein kleines Sortiment mit nachhaltigen Artikeln entwickelt, unter anderem macht sie Seifensäckchen aus alten Tüchern, Topfschrubber aus Natur-Hanf oder Bestecktaschen aus Betttüchern. Das Geschäft wirft so viel ab, dass sie davon eine Teilzeitmitarbeiterin und die Miete bezahlen kann. Im vergangenen Jahr hat sie etwa 22.000 Euro Umsatz gemacht.

Bestseller sind die Abschminkpads, die sie in Unverpackt-Läden, über die Handmade-Plattform Etsy und ihren eigenen Webshop verkauft. 3000 Pakete hat sie 2019 abgesetzt. In diesem Jahr will sie weiterwachsen, dabei hat sie weniger Drogeriehändler oder Supermärkte im Auge, sondern die steigende Zahl an Unverpackt-Läden. „Die Zielgruppe wird bleiben“, sagt die Gründerin, die auch in der Familie versucht, mit möglichst wenig Müll zu leben, „aber das Vertriebsnetz soll sich ausweiten.“ Im Moment beliefert sie etwa 20 Geschäfte bundesweit.

Zahl von Zero-Waste-Artikeln deutlich gewachsen

In den vergangenen Jahren ist die Zahl von Zero-Waste-Artikeln in der Kosmetik deutlich gewachsen. In einer breiteren Öffentlichkeit waren waschbare Waschpads 2018 angekommen, als das Start-up Waschies in der TV-Gründer-Show „Die Höhle der Löwen“ den Hamburger Verkaufsprofi Ralf Dümmel überzeugen konnte. Inzwischen hat das bayerische Unternehmen 3,5 Millionen Waschies verkauft, die aus spezieller Mikrofaser hergestellt werden. Auch in Hamburg gibt es mehrere Anbieter.

Bambudo bietet seit einem Jahr Abschminkpads aus Bambus-Viskose an, die in China produziert werden. Auch die Marken Blacklama (Mikrofaser) und CleanClean (Baumwolle) sind in dem Bereich unterwegs. Der Vertrieb läuft in der Regel online. „Der Markt wird enger“, sagt Nike Praglowski. Trotzdem ist sie optimistisch. Denn: „Die Nische ist zu klein für die Industrie.“

Weich, formstabil auch nach dem Waschen, aber ziemlich teuer

  • Produkt: Die Kosmetikpads von Make it last werden im 8er-Pack angeboten. Es gibt die Farben Natur, Schwarz und Rosarot, die auch in gemischten Paketen verkauft werden. Die Pads sind jeweils 6,5 mal 6,5 Zentimeter groß.
  • Umwelt: Die Zero-Waste-Pads sind aus zertifizierter Bio-Baumwolle und bei 60 Grad in der Waschmaschine waschbar. Sie sind auch kompostierbar. Die Verpackung ist aus Altpapier und wird mit Baumwollfaden vernäht.
  • Anwendung: Das fleeceartige Material ist weich und zudem saugfähig. Allerdings haben die Pads bei einigen Testerinnen anfangs leicht gefusselt. Die Größe ist fürs Abschminken und Auftragen von Gesichtswasser ausreichend, aber deutlich zu klein, wenn man etwa Reinigungsmilch abtragen will. Nach dem Waschen haben die Pads mit minimalen Abweichungen die Form behalten. Der Stoff bleibt auch, anders als etwa bei Pads aus Bambus-Viskose, angenehm weich. Allerdings: Auch eine nicht wasserfeste Wimperntusche hinterließ nach dem Waschen (60 Grad) in einigen Fällen Rückstände.
  • Preis/Verfügbarkeit: Der Preis für ein 8er-Set liegt bei 12,50 Euro und ist damit ähnlich wie bei anderen Anbietern von Mehrweg-Pads. Im Vergleich zu Einwegpads sind die waschbaren Pads allerdings deutlich teurer: Mit einem (errechneten) Preis von 1,56 Euro kostet ein Einzelpad fast das Doppelte einer Packung mit 140 Wattepads etwa von der dm-Eigenmarke. Die Investition hat man bei einem Verbrauch von zwei Pads pro Tag nach etwa 2,5 Jahren wieder raus. Make-it-last-Produkte werden in Hamburger Unverpackt-Läden wie Stückgut und Ohne Gedöns verkauft, außerdem online unter lastingthings.de und auf der Handmade-Plattform Etsy.
  • Fazit: Ein gutes Produkt, das auch dem Vergleich mit anderen Angeboten standhält – und außerdem noch gut fürs Klima ist. Der Preis ist auf den ersten Blick hoch, amortisiert sich aber über die Zeit. Urteil: vier von fünf Sternen.

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Wirtschaft