Hamburg

Großbäcker Junge übernimmt die Stadtbäckerei am Gänsemarkt

Stefan Böse von der Stadtbäckerei mit einem Bauernbrot.

Stefan Böse von der Stadtbäckerei mit einem Bauernbrot.

Foto: Michael Rauhe

Knapp 340 Jahre Backtradition am Gänsemarkt gehen zu Ende. Produktionskosten am Standort zu hoch. Doch was wird aus den Filialen?

Hamburg.  Es geht nicht mehr. Worüber am Wochenende noch spekuliert wurde, ist nun Gewissheit: Die bekannte Stadtbäckerei am Gänsemarkt muss schließen. „Wir geben den Geschäftsbetrieb zum 30. September auf“, sagte Inhaber Stefan Böse dem Abendblatt. Damit endet am Gänsemarkt eine 340 Jahre lange Backtradition. Es sind nicht finanzielle Gründe, die die Familie Böse zum Rückzug zwingen. „Unsere Umsätze sind gut, damit haben wir keine Probleme.“ Aber der Zustand des Hauses lasse keine andere Option zu. „Wir haben uns mit der Entscheidung sehr schwer getan“, sagte Böse dem Abendblatt. „Und wir haben lange überlegt, ob es noch andere Möglichkeiten gibt. Letztendlich ist es aber der einzig richtige Weg.“

Die Backstube ist baufällig. Das wissen viele Kunden nicht, die nur die modernen Verkaufsräume im Vorderhaus mit der Front zum Gänsemarkt kennen. Das Hinterhaus mit der Backstube stammt aus dem Jahr 1915, hat also mehr als 100 Jahre auf dem Buckel und ist für eine Bäckerei kein wirtschaftlich funktionierender Standort mehr. „2005 haben wir das Haus noch einmal für 2,4 Millionen Euro saniert. Aber jetzt ist Schluss“, sagt Böse. Die Familie plane das Haus zu veräußern.

Junge übernimmt Mitarbeiter und den Namen Stadtbäckerei

Die gute Nachricht ist, dass es weiter Brot und Brötchen am Gänsemarkt zu kaufen gibt: Die Bäckerei Junge wird das Geschäft übernehmen. Und auch für die Mitarbeiter wird gesorgt: „Sie werden von Junge mit übernommen. Das war uns sehr wichtig“, sagt Böse.

Sogar den Namen will die Bäckerei-Kette Junge weiter nutzen. „Wir übernehmen das traditionsreiche Geschäft der Stadtbäckerei am Gänsemarkt mit seinen 44 Mitarbeitern und werden es unter dem Namen ,Stadtbäckerei’ weiterführen“, sagte ein Sprecher des Unternehmens mit Sitz in Lübeck und mehr als 200 Filialen im ganzen Norden. Die alte Backstube mit der Teigherstellung aber übernimmt Junge nicht. Das Unternehmen backt an drei Standorten in Lübeck, Rostock und Greifswald.

Zukunft mehrerer Stadtbäckerei-Filialen weiter unklar

Und was wird aus den zehn Filialen, die die Stadtbäckerei über die ganze Stadt verteilt hat? Sie wurden bisher von Eigentümern in einem Franchise-Modell betrieben, und haben ihre Backwaren aus der zentralen Backstube am Gänsemarkt bezogen. Die Filiale in Ottensen wird, wie das Abendblatt berichtete, zum 31. März schließen. Die Inhaberin möchte alleine nicht noch einmal neu anfangen, nachdem ihr Mann vor einiger Zeit gestorben ist. Es ist aber nicht auszuschließen, dass hier auch künftig Backwaren verkauft werden.

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Es gibt drei Bewerber für den Standort, wie das Abendblatt erfuhr. Der Laden ist bei Kunden sehr beliebt, allerdings seit Jahren nicht saniert worden. Die Filiale in Nienstedten macht eigenständig weiter, die in Blankenese schließt sich Junge an. Für alle anderen Filialstandorte – in Winterhude, St. Georg, in Eidelstedt, am Grindel, in Bahrenfeld und zwei in der Altstadt –, gebe es noch keine Entscheidung, sagte Böse: „Es laufen Gespräche.“

1681 wurde am Gänsemarkt erstmals Brot gebacken

„Wir bedauern den Rückzug von Herrn Böse, haben aber auch volles Verständnis für diese Entscheidung. Wir wünschen ihm alles Gute“, sagte die Obermeisterin der Bäcker-Innung Hamburg, Katharina Daube. Die Entscheidung habe individuelle Gründe. „Wir sehen die Bäcker-Innung Hamburg mit ihren noch 27 Mitgliedsunternehmen weiter gut aufgestellt. Wir sind weiter stark und am Markt präsent, mehr als manch andere Landesinnung.“

Dennoch geht ein Stück Backtradition zu Ende. Bereits am 9. September 1681 wurde am Gänsemarkt ein Betrieb mit dem Recht der „Fast-, Los-, und Grobbäckerei“ gegründet, und seitdem ununterbrochen weitergeführt. 1936 hatte Richard Böse, der Urgroßvater des heutigen Inhabers, zusammen mit seinem Sohn Heinz den Standort am Gänsemarkt übernommen. Er war übrigens auch der Urgroßvater eines anderen bekannten Hamburger Unternehmers: des Gründers des sozialen Netzwerks Xing und Multimillionäres Lars Hinrichs. „Das ist mein Cousin“, sagt Stefan Böse. Er selbst fühlt sich mit 46 Jahren zu jung, um sich aus völlig aus dem Geschäftsleben herauszuziehen. „Ich werde etwas Neues beginnen. Aber dazu kann ich noch nichts sagen.“

Junge hat sein erstes Geschäft in Hamburg 1986 eröffnet

Die 1976 gebaute rechte Hälfte des Vorderhauses bleibt im Besitz der Familie und prägt weiter das Erscheinungsbild des Gänsemarkts. „Das ist ein toller Standort für jeden Bäcker“, heißt es in der Branche. „aber die Mieten sind bestimmt sehr teuer.“

Junge kann sie sich offenbar leisten. Auch hier handelt es sich um einen Familienbetrieb, der 1897 in Lübeck gegründet wurde und 1986 mit dem „Hansebäcker“ sein erstes Ladengeschäft in Hamburg, direkt an der Mönckebergstraße eröffnete. Derzeit betreibt die Kette in Hamburg annähernd 50 Filialen, vielfach in Einkaufszentren, Kaufhäusern und Baumärkten. Das Unternehmen beschäftigt rund 4300 Mitarbeiter.