Börsenhandel

Das Coronavirus schüttelt Hamburger Aktien durch

Die Börsenkurse fallen aus Angst vor dem Coronavirus (Symbolfoto).

Die Börsenkurse fallen aus Angst vor dem Coronavirus (Symbolfoto).

Foto: imago images / STPP

Die Börsenkurse fallen aus Angst vor dem Virus. Experten sagen, wann sich der Einstieg in den Wertpapierhandel wieder lohnt.

Hamburg.  Lange schien es, als ginge es an der Börse nur noch aufwärts. Nachdem zunächst die Auswirkungen des Coronavirus eher ignoriert wurden, fällt jetzt die Korrektur umso drastischer aus. Der Deutsche Aktienindex (DAX) hatte das Jahresendziel vieler Analysten mit rund 14.000 Punkten fast schon im Fe­bruar erreicht. Für Bernd Schimmer, Wertpapierstratege der Hamburger Sparkasse (Haspa), ist die Korrektur nicht nur den Auswirkungen des Coronavirus geschuldet. „Bei den Aktienkursen standen wir zudem bereits am Rand einer fairen Bewertung.“

Coronavirus: Auswirkungen auf die Wirtschaft

Es drohte also eine Übertreibung mit immer höheren Kursen, die durch die wirtschaftlichen Daten nicht gerechtfertigt seien. Vielleicht sei das jetzt der Anlass für eine ganz gesunde Korrektur, die zwar nicht erfreulich sei, aber zum Aktienmarkt dazugehöre, so der Aktienexperte. Betroffen vom Coronavirus sind vor allem Branchen, die vom internationalen Warenaustausch abhängen. „Dafür stehen viele Unternehmen in Hamburg“, sagt Schimmer. Wie stark wirkt die Sorge vor den wirtschaftlichen Auswirkungen der Epidemie auf Hamburger Aktien, und welche Perspektiven haben sie? Das Abendblatt gibt einen Überblick.

Airbus: Der Flugzeugbauer rutschte zwar im vergangenen Jahr ins Minus und schloss mit einem Verlust von 1,4 Milliarden Euro ab. Doch das liegt nicht am laufenden Geschäft, sondern an freiwilligen Zahlungen im Rahmen eines Korruptionsverfahrens und Belastungen in der Militärsparte. Im Bereich Verteidigung und Weltraum sinkt der Gewinn er­heblich und erfordert Personalabbau. Dennoch ist Airbus sehr stark aufgestellt, die Auftragslage stimmt. Der Flugzeugbauer strebt für das Jahr 2020 die Auslieferung von rund 880 Zivilflug­zeugen an.

Schon 2019 wurde bei den Auslieferungen der Konkurrent Boeing überrundet. Die Produktion im chinesischen Tianjin wurde inzwischen wieder aufgenommen. Weitere Auswirkungen des Coronavirus sind bisher nicht bekannt, und die Analysten sind optimistisch. Die Schweizer Bank Credit Suisse hat eine Kaufempfehlung abgegeben und das Kursziel auf 170 Euro erhöht. Binnen zwölf Monaten könne die Aktie angesichts der Wachstumsaussichten sogar auf 200 Euro klettern, schreibt Analyst Olivier Brochet. Ähnlich sieht das die Schweizer Großbank UBS mit einem etwas moderateren Kursziel von 153 Euro, jedenfalls solange das Coronavirus in Schach gehalten werden kann.

HHLA: Der Hamburger Hafen ist besonders stark im Handel mit China und Hongkong engagiert. Jeder dritte Container kommt von dort oder ist für China bestimmt. Angesichts der wirtschaftlichen Risiken durch das Coronavirus wagt der Hafen keinen Ausblick für 2020. „Das wird alle Häfen treffen“, sagt HHLA-Vorstand Ingo Egloff. Im vergangenen Jahr konnte der Hafen den Umschlag von Gütern und Containern steigern und seine Marktposition ausbauen. So stieg der Containerumschlag um 6,1 Prozent auf 9,3 Standardcontainer (TEU).

„Alle können froh sein, wenn wir das Niveau halten können“, sagte Jens Meier, Chef der Hafenbehörde HPA. Das Analysehaus Independent Research hat das Kursziel für die HHLA auf 26,00 Euro gesenkt und die Einstufung auf „halten“ belassen. Zu einer ähnlichen Einschätzung kommt Warburg Research mit einem Kursziel von 24,50 Euro.

Hapag-Lloyd: Die Aktie der Reederei hat bisher vor allem vom Machtpoker um die Vorherrschaft zweier großer Anteilseigner profitiert: Klaus Michael Kühne, der inzwischen 29,2 Prozent der Anteile hält, und die chilenische Reederei Compañia Sudamericana de Vapores (CSAV), die 27,8 Prozent der Anteile besitzt. Innerhalb eines Jahres verzeichnete die Aktie einen Kursgewinn von rund 180 Prozent.

Der Streubesitz des Papiers ist mit weniger als fünf Prozent sehr minimal. Zwar konnte die Reederei 2019 dank besserer Frachtraten und Sparmaßnahmen den Konzerngewinn um mehr als 80 Prozent auf 811 Millionen Euro steigern, doch die Analysten raten dennoch zum Verkauf des Papiers. Die Zielkurse vieler Analysten legen eine Halbierung des aktuellen Aktienkurses nahe. So versieht die Investmentbank Goldman Sachs ihre Verkaufsempfehlung mit einem Kursziel von 32 Euro. Auch Warburg Research rät zum Verkauf und sieht das Kursziel bei 36 Euro.

Beiersdorf: Auch bei Beiersdorf ist die Produktion in China wieder angelaufen. Hinter dem Konsumgüterkonzern, dem einzigen Hamburger Wert im Deutschen Aktienindex (DAX), liegt ein erfolgreiches Jahr. Der Umsatz stieg 2019 um knapp sechs Prozent auf 7,65 Milliarden Euro, und auch der Gewinn liegt im Rahmen der Erwartungen. Das Urteil der Analysten ist dennoch gespalten.

Die britische Investmentbank Barclays hat das Kursziel für Beiersdorf auf 120 Euro angehoben und rät zum Kauf der Aktie, ebenso wie die DZ Bank mit einem Kursziel von 119 Euro. Dagegen rät die US-Investmentbank Goldman Sachs zum Verkauf des Papiers. Welches Urteil sich als richtig erweist, wird vom Erfolg der Investitionspläne des Konzernchefs Stefan De Loecker abhängen. Jährlich sollen 70 bis 80 Millionen Euro investiert werden, um die Konsumgütermarken fit für die Zukunft zu machen. Doch das schmälert zunächst die Rendite. Anleger brauchen also Geduld.

Fielmann: Die Optikerkette ist auf stetigem Wachstumskurs. So stieg der Umsatz 2019 um 6,3 Prozent auf 1,52 Milliarden Euro. Doch die Analysten sehen zunehmend kritisch, dass der Gewinn hinter den Erwartungen zurückbleibt. Denn das Vorsteuerergebnis legte um weniger als ein Prozent zu. Bis 2025 soll der Umsatz auf 2,3 Milliarden Euro steigen. Angesichts dieses zuversichtlichen Ausblicks rät die Baader Bank zum Kauf der Aktie mit einem Kursziel von 80 Euro.

Dagegen rechnet die Privatbank Berenberg mit weiteren Kursverlusten und rät zu einem Verkauf der Aktie. Kursziel: 57 Euro. Die Optikerkette sei zwar Marktführer in Deutschland, der Marktanteil sei aber angesichts zunehmenden Wettbewerbs in Gefahr, heißt es in der Studie der Bank. Vom Coronavirus ist der Brillenhersteller kaum betroffen. Selbst bei einer Verschärfung der Lage in Deutschland dürften die Besuche beim Optiker nur verschoben werden.

Coronavirus: So können Sie sich vor Ansteckung schützen

  • Niesen oder husten Sie am besten in ein Einwegtaschentuch. Ist keins griffbereit, halten Sie die Armbeuge vor Mund und Nase. Danach: Händewaschen
  • Regelmäßig die Hände waschen
  • Das Gesicht nicht mit den Händen berühren, weil die Erreger des Coronavirus über die Schleimhäute von Mund, Nase oder Augen in den Körper eindringen und eine Infektion auslösen können
  • Coronavirus: Ein bis zwei Meter Abstand zu Erkrankten halten

Evotec: Der Dienstleister im Bereich der Wirkstoffforschung für die Pharmaindustrie profitiert von der Partnerschaft mit großen Unternehmen wie Bayer, Novartis oder Pfizer bei der Entwicklung von neuen Medikamenten. Erst Anfang des Jahres wurde ein Erfolg in der Zusammenarbeit mit Bayer bei der Entwicklung eines Medikaments gegen Entzündungskrankheiten verkündet. Bereits seit November konnte die Aktie stark zulegen und hat jetzt wie der Markt deutlich korrigiert.

Die Geschäftszahlen für 2019 kommen am 26. März. An Tests oder Wirkstoffen für das Coronavirus arbeitet Evotec nicht, sagt eine Sprecherin des Unternehmens auf Anfrage. Die Berenberg-Bank hat das Kursziel der Aktie von 28 auf 33 Euro erhöht. Der Ausblick des Wirkstoffforschers sei vielversprechend, urteilt Analyst Patrick Truccio. Etwas konservativer ist die Deutsche Bank mit einem Kursziel von 25 Euro, aber auch sie rät zum Kauf der Aktie.

Jungheinrich: Mit der Entspannung der Lage in China hat der Gabelstaplerhersteller die Produktion in seinem Werk in Qingpu wieder aufgenommen. „Bereits seit dem 12. Februar laufen dort wieder die Bänder“, sagt ein Unternehmenssprecher. Auf Sicht von einem Jahr hat der Maschinenbauer rund 30 Prozent verloren. Über die Perspektiven der Aktie sind die Experten sehr gespalten, doch die Kaufempfehlungen überwiegen. Die Deutsche Bank hat das Papier auf „kaufen“ hochgestuft und das Kursziel auf 26 Euro angehoben. Dagegen rät die Berenberg-Bank zum Verkauf und sieht das Kursziel des Papiers bei 17,50 Euro.

Aurubis: In der gegenwärtig unsicheren Lage ist der Hamburger Kupferproduzent für die meisten Experten nur eine Halteposition. Nach Dividendenkürzung und einem sehr verhaltenen Ausblick von Aurubis-Chef Roland Harings können auch noch Verkaufsempfehlungen hinzukommen und die Kursziele reduziert werden. Das größte Risiko gehe aktuell vom Ausbruch des Coronavirus aus, sagt Analyst Dirk Schlamp von der DZ Bank. „Aus heutiger Sicht sind die finanziellen Auswirkungen der Viruskrise für die Rohstoff- und Produktmärkte nur schwer abschätzbar.“

Wenn die aktuelle Krise ausgestanden ist, haben viele Hamburger Aktien wieder Potenzial nach oben, wie die Einschätzungen der Experten zeigen (s. Grafik). Doch für einen Einstieg sollte die Stabilisierung des Marktes abgewartet werden. „Die Ergebnisse des ersten und zweiten Quartals werden sicherlich vom Coronavirus beeinträchtigt sein“, sagt Torsten Johannsen von der Otto M. Schröder Bank. Allerdings dürften die Enttäuschungen darüber jetzt schon in den Kursen eingepreist sein. Haspa-Stratege Schimmer bleibt optimistisch und hält an seinem Kursziel von rund 14.000 Punkten beim DAX zum Jahresende fest.

Coronavirus: Das müssen Sie über Fachbegriffe wissen

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