Hamburg

Bei Airbus werden Schüler zu Flugzeugbauern

Melf Heiko Mast zeigt Schülerin Louisa Preuss, wie Airbus-Kunden mithilfe einer Virtual-Reality-Brille im Kabinengestaltungszentrum auf Finkenwerder die Innenausstattung eines Flugzeugs vorab kennenlernen können.

Melf Heiko Mast zeigt Schülerin Louisa Preuss, wie Airbus-Kunden mithilfe einer Virtual-Reality-Brille im Kabinengestaltungszentrum auf Finkenwerder die Innenausstattung eines Flugzeugs vorab kennenlernen können.

Foto: Andreas Laible / Andreas Laible / FUNKE Foto Services

Die Teenager gestalten den Innenraum der Kabine. Farben und Muster richten sich nach der Zielgruppe. Auch eine Bar darf nicht fehlen.

Hamburg. Für den grundlegenden Stil ihrer Businessclass-Kabine haben sich die Schüler schnell entschieden: Nicht gediegen oder verspielt soll sie wirken, sondern schlicht elegant. Bei der Auswahl der Farben für die Sitzbezüge, die Lehnenpolster und den Teppichboden wird es schon deutlich schwieriger. Louisa Marie Preuss hält immer neue Stoff- und Ledermuster in Blau- und Grautönen nebeneinander. „Die passen gut zum Himmel“, sagt sie. Schließlich heißt die fiktive Fluggesellschaft, die sie zusammen mit anderen Schülern gründen soll, ja auch „Cloudline“.

20 Jugendliche im Alter zwischen 13 und 15 Jahren von der Stadtteilschule Finkenwerder und vom Gymnasium Finkenwerder sind an diesem Nachmittag im Kabinengestaltungszentrum (Customer Definition Centre, CDC) von Airbus zu Gast. Die Schüler sind Teilnehmer des Jugendmentoring-Programms „Flying Challenge“ der Airbus Stiftung.

In Bremen gibt es einen Einblick in die Raumfahrt

In zwölf jeweils mehrstündigen „Workshops“ beschäftigen sie sich noch bis Juni an verschiedenen Stationen im Unternehmen zum Beispiel mit Grundprinzipien des Fliegens, den Abläufen eines Flughafens und der Kabinenentwicklung. Am Standort Bremen, dem Sitz der Airbus-Raumfahrtsparte, bekamen die Teenager bereits das Versorgungsmodul für das Raumschiff Orion zu sehen, mit dem Nasa-Astronauten spätestens 2024 zum Mond fliegen sollen, und machten sich mit Raumfahrernahrung vertraut.

Ziel des Mentoring-Programms ist es, Jugendliche „in schwierigen schulischen Phasen zu motivieren“, soziale Kompetenzen wie die Zusammenarbeit im Team zu fördern und die Schüler „für die Luft- und Raumfahrt zu begeistern“. Teamarbeit ist an diesem Nachmittag tatsächlich gefragt, wenn es für die 20 Teilnehmer darum geht, sich in vier Gruppen auf jeweils eine Kabinenaufteilung für den fiktiven Jet zu einigen und das Resultat zu präsentieren.

Eine Bar im Flieger

Dabei haben die Cloudline-Gründer alle zunächst ganz eigene Vorstellungen davon, wie es in ihrem Wunschflieger aussehen soll und welchen Kundenkreis sie ansprechen wollen. Helin Melissa Yildirim von der Stadtteilschule Finkenwerder, die sich für Architektur und Kreatives begeistert, spricht sich eindeutig für viel Komfort aus: „Ich habe manchmal Platzangst, darum sollten die Sitzreihen und die Gänge nicht so eng sein – und es sollte im Flugzeug nicht so stickige Luft geben.“

Berkan Ekiz, ebenfalls von der Stadtteilschule Finkenwerder, würde wegen des großzügigen Innenraums eigentlich am liebsten einen A380 wählen. Aber weil sein Vater und Bekannte bei Airbus beschäftigt sind, ist er über das Unternehmen gut informiert und weiß, dass der A380 nicht mehr angeboten wird. „Ein A350 ist auch groß genug, um eine Bar einzubauen“, sagt Berkan, der später als Ingenieur für Airbus arbeiten will. „Trotzdem ist dann noch Platz für eine Economy-Klasse für Menschen mit nicht so viel Geld.“

Eine Fluggesellschaft für Urlauber

Louisa Marie Preuss vom Gymnasium Finkenwerder hat ohnehin ihre Zweifel, was die Zielgruppe der Businessclass-Gäste angeht: „Geschäftsleute, die für den Flug viel Geld bezahlt haben, sind als Passagiere vielleicht nicht so nett, weil sie auch sehr viel erwarten.“ Louisa fragt sich daher, ob es nicht mehr Spaß machen würde, eine Fluggesellschaft für Urlauber zu gründen, die womöglich besser gelaunt sind.

Betreut werden die Schüler von 15 Airbus-Mitarbeitern, die sich für die Aufgabe als Mentor beworben haben. Marco Hahn, Teamleiter in der Kabinenentwicklung, bewundert das Engagement der Jugendlichen, an zwölf nachmittäglichen Workshops teilzunehmen, und meint: „Dieses Programm ist eine gute Möglichkeit, den Schülern eine Perspektive zu geben.“ Hahn war schon im Vorjahr als Mentor mit dabei.

Derzeit läuft die dritte Runde des Mentoringprogramms

Während die „Flying Challenge“ an Airbus-Standorten außerhalb Deutschlands bereits im Jahr 2011 startete und insgesamt schon rund 5000 junge Menschen mitgemacht haben, begann in Hamburg die erste Runde im Februar 2018. Damals konnten sich Jugendliche von der Stadtteilschule Altrahlstedt, der Ida-Ehre-Schule (Harvestehude), der Nelson-Mandela-Schule (Kirchdorf) und der Stadtteilschule Süderelbe um die Teilnahme an den Workshops bewerben. Für die zweite und die dritte Runde des Mentoringprogramms entschied sich Airbus aus praktischen Gründen aber für die beiden Finkenwerder Schulen in der Nachbarschaft.

Thomas Kästner, der bei Airbus für die Betreuung von Zulieferern verantwortlich ist, wirkt in diesem Jahr erstmals als Mentor mit. „Airbus hat eine soziale Verantwortung“, sagt er. Kästner findet es wichtig, „junge Menschen über den Tellerrand der Schule hinausschauen zu lassen.“ Die Jugendlichen seien „mit Feuereifer dabei“, lobt er. Daher möchte er sich im kommenden Jahr erneut als Mentor bewerben – zumal man in dieser Funktion Einblick in Bereiche erhalte, „in die man auch auch als Airbus-Mitarbeiter sonst nicht hineinkommt“. Das gilt etwa für den Tower des Werksflughafens oder auch für das Kabinendesignzentrum CDC.

Per Datenbrille durch einen virtuellen Jet laufen

Es ist mehr als nur ein Schauraum, in dem die Kunden wie in einem Möbelhaus in verschiedenen Flugzeugsitzen Platz nehmen und diverse Bordküchen, Waschräume, Wandverkleidungen und Teppiche unter die Lupe nehmen können. Die Schüler dürfen ausprobieren, wie man virtuell mittels einer Datenbrille durch dreidimensionale Modelle eines ausgebauten Jet-Innenraums gehen kann. In einem speziellen Raum werden die Grundrisse verschiedener Einrichtungsvarianten auf den Boden projiziert, sodass man vorab herausfinden kann, ob im echten Flieger noch genügend Platz für das Rangieren mit einem Servierwagen oder mit einem Rollstuhl bliebe.

Vor dem Rundgang hatten die Jugendlichen eine ganze Reihe von Fragen an die CDC-Mitarbeiter. Zum Beispiel wollten sie wissen, wer die Flugzeugsitze testet, bevor Airbus sie ins Angebot nimmt. Die Antwort: Für diese Aufgabe, die schon mal zehn Stunden in Anspruch nehmen kann, um auch Langstrecken zu simulieren, greift man gern auf Außenstehende zurück. Schon weil mit Airbus-Beschäftigten nicht alle Altersgruppen abgedeckt werden könnten – und auch, weil ein Mitarbeiter womöglich nicht ganz unvoreingenommen wäre, wenn der Sitz von einem Hersteller stammt, mit dem Airbus gut im Geschäft ist.

Hälfte der Schüler ist noch nie geflogen

Eine weitere Frage: Was geschieht, wenn Fluggesellschaften eine Ausstattung möchten, die Airbus so nicht einbauen kann oder nicht einbauen will, weil man sie nicht für sinnvoll hält? Das könne vorkommen, heißt es, dann bekomme der Kunde eben ein leeres Flugzeug geliefert, für das er sich einen anderen Ausstatter suchen müsse.

Wie sich auf eine Frage des Mentorenteams an die Schüler herausstellte, ist etwa die Hälfte von ihnen noch nie geflogen. Doch nicht nur für sie dürfte die Abschlussveranstaltung im Juni ein ganz besonderes Erlebnis werden. Denn die „Flying Challenge“ endet mit einem Rundflug der Jugendlichen über Finkenwerder – nicht in einem Airbus-Jet, sondern mit kleinen Propellermaschinen vom Flugplatz Uetersen aus.