Stromerzeugung

So kann man die Energiewende mit dem Hausdach betreiben

Sind Gründächer, Solaranlagen und Kleinstwindanlagen auf dem Dach wirklich sinnvoll?

Sind Gründächer, Solaranlagen und Kleinstwindanlagen auf dem Dach wirklich sinnvoll?

Foto: Jochen Tack / imago/Jochen Tack

Viele Verbraucher wollen ihren Strom mit den eigenen vier Wänden erzeugen. Möglichkeiten gibt es viele – doch nicht alle lohnen sich.

Berlin. Die Bundesregierung feilt an der Energiewende. Die Zielsetzung ist klar, bis 2030 soll der Anteil der erneuerbaren Energien am Bruttostromverbrauch von zuletzt 38 Prozent im Jahr 2018 auf dann 65 Prozent steigen. Der Weg dahin ist alles andere als klar. Zwar hat das Bundeskabinett in der vergangenen Woche den Ausstieg aus der Kohleverstromung bis 2038 beschlossen.

Doch bei der Windenergie bestehen die Grabenkämpfe um die Abstandsregelungen fort. Beim Thema Wasserstoff hat Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) nun zumindest einen Entwurf seiner lange angekündigten Strategie vorgelegt.

Energiewende: Nachfrage nach Solaranlagen steigt

Doch gerade das vergangene Jahr mit der Polarisierung um Greta Thunberg und „Fridays For Future“ habe sich auch auf Verbraucher ausgewirkt, sagt Mario Kohle. Der 35-Jährige hat das frühere Start-Up Käuferportal mitaufgebaut, ehe er es 2017 als Aroundhome verkaufte und sich einer neuen Aufgabe widmete: dem Verleih von Solaranlagen.

Sein jetziges Start-Up Enpal ist einer der Profiteure des gesteigerten Umweltbewusstseins. „Die Motivation, etwas für die Umwelt tun zu wollen, ist als Kaufmotivation deutlich gestiegen“, sagt Kohle. Enpal hat den Solaranlagenverleih nicht erfunden – auch Stadtwerke und große Stromanbieter verleihen Photovoltaikanlagen und bei den Start-Ups war der 2012 gegründete Stromversorger DZ-4 Vorreiter.

Doch dass Start-Ups wie Enpal gegründet werden, weist auf einen Trend hin: Das Marktpotenzial der in Deutschland lange totgesagten Solaranlage steigt wieder. Laut dem Bundesverband Solarwirtschaft (BSW) sei die Nachfrage nach Photovoltaik-Anlagen in Deutschland im Vorjahr um 30 Prozent gestiegen. Und auch Mario Kohle wittert ein Geschäft: Studien zufolge würden rund 800.000 Deutsche über eine Solaranlage nachdenken. „Von denen holt sich aber nur jeder Zehnte eine Anlage. Das Marktpotenzial ist der Rest“, sagt Kohle.

Solaranlagen leihen – macht das Sinn?

Der Start-Up-Gründer setzt auf eine Kundschaft, die sich um möglichst wenig kümmern will. „Wer sich eine Solaranlage anschaffen will, wird vor eine Reihe von Problemen gestellt: Zum einen steht eine hohe Investition von ca. 15.000 Euro an“, sagte Kohle.

Zum anderen müssten viele Fragen geklärt werden. „Was gibt es für Module, welche Unterkonstruktion will ich mir aufs Dach legen, welcher Wechselrichter passt dazu, will ich eine Speicherlösung oder will ich keine. Kurzum: Sich mit Solar zu beschäftigen, macht wenigen Leuten Spaß“, zählt Kohle auf.

Je nach Leistung und Größe der Anlage kostet die Miete bei Enpal zwischen 60 und 120 Euro – ohne Speicher. Der Preis kann bei Pacht-Anbietern ein Haken sein, meint Martin Brandis, Energieberatungsexperte des Verbraucherzentrale Bundesverbandes. „Viele Anbieter rechnen in ihren Modellen die Strompreiserhöhung mit ein. Das ist ein Blick in die Glaskugel“, sagte Brandis unserer Redaktion.

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Eigenverbrauch lohnt sich

Im Schnitt sei der Strompreis in den letzten 20 Jahren um drei Prozent jährlich gestiegen. Brandis empfiehlt daher Interessenten von Pachtmodellen, zwei Berechnungen vorzunehmen: „Einmal sollte mit einer Erhöhung der Strompreise von fünf Prozent auf die Pachtzeit und einmal ohne Erhöhung gerechnet werden. Das verschafft einen guten Überblick.“

Zudem sei es sinnvoll, neben den Preisen auch auf die Allgemeinen Geschäftsbedingungen zu achten. „Was passiert beispielsweise mit der gepachteten Solaranlage bei unvorhergesehen Ereignissen, die dazu führen, dass ich umziehen muss? Hier gilt es, genau hinzuschauen“, rät Brandis. Grundsätzlich lohne es sich, wenn Verbraucher möglichst viel Strom selber nutzen. „Die ins Netz eingespeiste Kilowattstunde bringt rund zehn Cent, der bezogene Strom kostet aber rund 30 Cent pro Kilowattstunde. Damit ist die Einsparung beim Eigenverbrauch dreimal so hoch“, rechnet Brandis vor.

Ob Kauf oder Pacht, für Brandis steht fest: „Photovoltaik ist eine geeignete Möglichkeit, wenn sich Verbraucher aktiv an der Energiewende beteiligen wollen.“

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Kleinstwindanlagen: „Eine Menge Schrott am Markt“

Neben Solar gibt es weitere Möglichkeiten, mit dem eigenen Hausdach Strom zu produzieren. Etwa mit einer Kleinstwindanlage. Eine solche ist mit einer Nabenhöhe von bis zu zehn Metern nicht baugenehmigungspflichtig. Der Vorteil solcher Anlagen: Sie produzieren auch dann Strom, wenn die Solaranlage keinen produziert – etwa bei Nacht und bei stürmischen und bewölkten Herbst- und Wintertagen.

Udo Peters, Energieberater der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen, ist dennoch skeptisch: „Das Hausdach ist nicht unbedingt der beste Orte für eine Klein-Windanlage. Solche Anlagen können sehr laut sein, die Schallgeräusche werden also vom Dach direkt ins Haus übertragen. Hinzu kommt, dass im Binnenland solche Anlagen für Verbraucher nicht wirtschaftlich sind“, warnt Peters und fügt hinzu: „Es gibt eine Menge Schrott am Markt. Bei einigen Klein-Windanlagen ist die Gebrauchstauglichkeit nicht gegeben, sprich, der Rotor bewegt sich gar nicht erst. Zudem werden Werbeversprechen gegeben, die die Grundlagen der Physik aushebeln.“

Auch Stephan Schwartzkopff, 1. Vorsitzender des Bundesverbandes Kleinwindanlagen, hält die Idee, dass sich alle Verbraucher eine Kleinstwindanlage auf das Hausdach stellen, für überholt. „Nullgeräusche und Nullvibration gibt es nicht. Es kann daher von Vorteil sein, sich eine Kleinstwindanlage eher auf das Dach einer Garage oder auf einen Mast ins Gelände statt auf das Hausdach zu setzen“, sagt Schwartzkopff.

Vor allem setzt er aber auf dezentrale Lösungen: „Das kann etwa die Windanlage im Gewerbegebiet sein, an der sich viele beteiligen. Man muss pro Ort den Verbrauch ermitteln und kann dann entsprechend optimiert Anlagen jeder Größe errichten.“

Gründächer eignen sich bei Starkregen

Eine dritte Option, das Hausdach energetisch aufzuwerten, bietet die Dachbegrünung. „Bei guter Ausführung spart man Heizkosten“, sagt Norbert Kühn, Fachgebietsleiter für Vegetationstechnik und Pflanzenverwendung an der Technischen Universität Berlin, unserer Redaktion.

Gunter Mann, Präsident des Bundesverbandes GebäudeGrün, schränkt allerdings ein, dass bei Gebäuden mit moderner Dämmung Dachbegrünung nur eine geringe Rolle spiele. „Trotzdem kann man mit Dachbegrünung einen Teil zum Umweltschutz beitragen, denn es fördert den Artenschutz, hält Wasser auf dem Dach zurück und entlastet so die Kanalisation, mindert die Feinstaubbelastung und reduziert den Lärm“, zählt Mann auf. Gründächer können auch gegen Starkregen helfen, der in Deutschland immer mehr zunimmt.

Kostenpunkt: „Wer sich das Material selbst zulegt, kann eine Dachbegrünung ab 40 Euro für den Quadratmeter erhalten. Wer es sich professionell verlegen lässt, kann mit 50 bis 60 Euro für den Quadratmeter bei kleineren Flächen rechnen“, sagt Mann.

Viele Städte fördern Dachbegrünung

Um finanzielle Anreize für eine Dachbegrünung zu schaffen, würden über 60 Städte mit über 50.000 Einwohnern Dachbegrünung finanziell fördern. Knapp 100 Städte bieten zudem Förderungen bei den Abwasserkosten an, wenn sich Verbraucher für eine Dachbegrünung entscheiden.

Allerdings gibt es eine wesentliche Einschränkung: „In der Regel werden Flachdächer für Begrünungen genutzt. Es gibt zwar auch einige begrünte Satteldächer, aber die Begrünung ist dabei sehr aufwendig“, sagte TU-Professor Kühn. Immerhin jedes zehnte Flachdach in Deutschland sei laut Mann bereits begrünt, das entspricht rund sieben Millionen Quadratmeter.