Hostess-Agentur

Chanel, Costner, HSV – reibungsloser Ablauf ist ihr Geschäft

| Lesedauer: 8 Minuten
Hanna-Lotte Mikuteit
Die Hostessen haben auch am Wochenende beim Derby HSV–St. Pauli viel zu tun: Sabrina Graßhoff-Stitz (4. v. r.), die Chefin der Gästebetreuung Simply fine, mit einigen ihrer Mitarbeiter.

Die Hostessen haben auch am Wochenende beim Derby HSV–St. Pauli viel zu tun: Sabrina Graßhoff-Stitz (4. v. r.), die Chefin der Gästebetreuung Simply fine, mit einigen ihrer Mitarbeiter.

Foto: Michael Rauhe

Ob Modenschau in der Elbphilharmonie oder HSV-Heimspiel – Agenturchefin Sabrina Graßhoff gibt Einblicke in exklusive Gästebetreuung.

Hamburg. Wenn Sabrina Graßhoff ihre Mannschaft im Volksparkstadion zur Teamansprache ruft, sind die Fußball-Profis des HSV meistens noch nicht mal in der Kabine. In weißer Bluse und Minirock steht die 38-Jährige in einem Raum im Ostflügel des Komplexes und erklärt ruhig und knapp, was sie in den nächsten Stunden von den jungen Frauen und Männern erwartet, die sich um sie herum versammelt haben. Zusammengefasst: professionellen Service.

Trotz der angespannten Stimmung vor jedem Spiel muss die zierliche Hamburgerin dabei nicht einmal ihre Stimme heben. Das wird auch vor dem Derby des Zweitligisten gegen den Stadtrivalen St. Pauli am Sonnabend nicht anders sein. Ganz wichtig: „Lasst die Handys hier. Die braucht ihr nicht.“ Dann schickt sie Projektleiter und Teams an ihre Positionen im VIP-Bereich des Stadions.

Spätestens zwei Stunden vor Spielbeginn, kurz bevor sich die Türen für die Besucher öffnen, müssen alle an ihrem Platz sein. Der gesamte Einsatz wird neun Stunden dauern. Sabrina Graßhoff wird die ganze Zeit irgendwo auf den Fluren unterwegs sein – der reibungslose Ablauf ist ihr Geschäft.

Beim Derby HSV–St. Pauli Hostess für 15 Euro pro Stunde

Sabrina Graßhoff-Stitz, wie sie mit komplettem Namen heißt, ist Chefin der Hamburger Hostess-Agentur Simply fine­. „Eigentlich mag ich die Bezeichnung Hostessen nicht. Viele können den Begriff nicht richtig einordnen“, sagt sie. Deshalb nennt sie ihr Angebot lieber Gästebetreuung. Dazu zählen Empfang und Akkreditierung, Wegeleitung, Organisatorisches im Hintergrund und auch mal jemanden zurückzuweisen, der nicht das richtige Ticket vorweisen kann.

Simply fine ist bei den Heimspielen sowohl von HSV als auch beim FC St. Pauli im Einsatz, bei TV-Produktionen bekannter Hamburger Fernsehmacher, bei großen Abendveranstaltungen wie dem Deutschen Radiopreis und bei Firmenevents vom Sportwagenbauer Porsche bis zum Deutschen Sparkassen- und Giroverband.

„Es stört mich, dass immer noch in den Köpfen ist, dass da Frauen hingestellt werden, um Männer zu ergötzen“, sagt Graßhoff. Bei dem Job gehe es um mehr. „Unser Personal glänzt durch ein smartes Auftreten und professionellen Umgang mit Gästen, bei uns geht es um mehr als die optische Attraktivität.“

Agentur Simply fine bietet Gästebetreuung bei Fußballspielen

Einen Eindruck vermittelt die Agentur-Seite. Beim Blättern sieht man in Gesichter vieler schöner junger Menschen. Frauen und Männer. Ein Drittel der etwa 500 Personen in ihrer Datenbank ist männlich. „Viele Kunden wünschen sich heute gemischte Teams. Tendenz steigend“, sagt die Unternehmerin.

„Wenn das mal nicht so ist, frage ich offensiv nach, ob das Team gemischt sein darf“, sagt sie. So war beim HSV der Hostess-Service klassisch weiblich besetzt, bevor Simply fine den Auftrag 2016 übernahm. Inzwischen sind von etwa 60 Gästebegleitern an den Heimspieltagen 15 bis 20 Männer. „Das Problem ist, männliche Bewerber zu finden“, sagt Graßhoff.

Dabei scheut sie nicht davor zurück, potenzielle Mitarbeiter auf der Straße anzusprechen. Regelmäßig gibt es Castingrunden mit Fotoshootings bei Simply fine. Die Kleidergröße, bei Damen zwischen 34 bis 40, sei nur ein Aspekt. „Wir brauchen ganz unterschiedliche Typen“, sagt Sabrina Graßhoff, die mit ihrem dreiköpfigen Team in einem Co-Working-Space am Lehmweg sitzt.

Beim FC St. Pauli etwa kann es auch gerne jemand mit Neon-Strähnen und Piercing sein, andere bevorzugen eher blonde lange­ Haare oder einen gepflegten Dreitagebart.

"Ein Topstundensatz" – Agentur Simply fine bietet 15 Euro pro Stunde

Souveränes Auftreten, Fremdsprachenkenntnisse und Kommunikationsfähigkeiten sind Pflicht. „Uns ist wichtig, dass die Bewerber verstehen, dass der Job viel mit Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit und Vorbereitung zu tun hat.“ Dafür zahlt die Agenturchefin pro Stunde 15 Euro. „Ein Topstundensatz“, wie sie betont. 90 Prozent ihrer Mitarbeiter sind Studenten, außerdem Schüler und Freiberufler. Mindestalter ist 17 Jahre, Anfang 30 ist meist Schluss. „Dann haben die meisten einen festen Job“, sagt sie.

Auch Graßhoff kam direkt nach dem Abitur 2001 ins Hostessengeschäft. Während sie auf einen Medizinstudienplatz wartete, fing sie in einer Berliner Agentur an zu jobben. Unter anderem betreute sie Talkshow-Gäste für Moderator Johannes B. Kerner. Sie reichte Thomas Gottschalk Haribo und begleitete Mariah Carey in die Maske. Sie hatte mit Paris Hilton, Kevin Costner und Franz Beckenbauer zu tun.

Sie flog für die Sendung durch Europa und war auf Kreuzfahrtschiffen dabei. Das klingt glamourös. „Es ist sehr häufig so, dass das Management mehrseitige Anforderungslisten mit Essens- und Getränkewünschen vorgibt, die Prominenten dann aber im Umgang sehr einfach sind“, sagt sie. „Oft wissen sie gar nicht, was alles für sie angefordert wurde.“

Als Kerner 2004 mit Partner Martin Heidemanns die Produktionsfirma Fernsehmacher gründete, hatte Graßhoff gerade ein Studienplatzangebot in Göttingen abgelehnt und überlegte, sich in dem Bereich selbstständig zu machen. Sie bewarb sich für den Auftrag bei den Fernsehmachern – und bekam den Zuschlag. „,Mach was draus‘, haben die beiden gesagt“, erinnert sie sich.

Nach verschiedenen Stationen, unter anderem unter dem Dach einer PR-Agentur, gründete sie 2015 Simply fine und konzentriert sich seitdem komplett auf die Gästebetreuung. Von der Hostess zur Unternehmerin – ein rasanter Aufstieg. „Ich biete Personal, das die Kunden woanders nicht bekommen“, sagt Graßhoff.

Simply fine war bei Chanel-Modenschau mit Karl Lagerfeld in Elbphilharmonie

Der Anfang war nicht so einfach, inzwischen läuft das Geschäft. Absolutes Highlight war die Chanel-Modenschau mit Karl Lagerfeld in der Elbphilharmonie vor gut zwei Jahren. „Ich bin einige Monate vorher ganz kurzfristig zu einem Treffen in einem Hotel eingeladen worden“, erzählt Graßhoff. Geheimnisvoll und mit der Verpflichtung zur absoluter Verschwiegenheit hätten ihre Gesprächspartner sie zu den Kapazitäten ihrer Agentur befragt – ohne zu sagen, um was es eigentlich ging. Das erfuhr sie erst, als sie bei einem weiteren Treffen den Zuschlag für das Projekt bekam. „Chanel ist das Höchste, was man sich wünschen kann“, sagt die Hamburgerin mit Vorliebe für dezente Eleganz.

Schließlich hatte sie 150 Mitarbeiter in den fünf Tagen rund um das Event im Einsatz, das weltweit für Schlagzeilen sorgte und Simply fine einen fünfstelligen Euro-Betrag einbrachte. „Die größte Herausforderung war, dass plötzlich nur Männer die Gäste in der Elbphilharmonie betreuen sollten“, sagt Graßhoff und lacht. Sie schaffte es – und auch Karl Lagerfeld, den sie bereits vor Jahren bei einer Fernsehproduktion für Kerner kennengelernt hatte, war zufrieden. „Er war sehr freundlich, ein spannender Mensch mit Ausstrahlung.“ Und ja, er habe auch in der Elbphilharmonie seine Cola getrunken – gekühlt, aber ohne Eis.

In diesem Jahr will Simply fine nach Berlin expandieren

450 Veranstaltungen hat Simply fine im vergangenen Jahr betreut. Bislang ihr Rekord. „Wir haben den Umsatz 2019 um 40 Prozent gesteigert“, sagt Graßhoff. 2012 hat sie parallel zum Job in Hamburg angefangen, Psychologie in Berlin zu studieren, und wurde 2014 Mutter einer Tochter. „Ich mag keine Monotonie“, so die Geschäftsfrau, die mit einem Unternehmensberater verheiratet ist. Inzwischen ist sie im dritten Semester ihres Masterstudiums in Hamburg. „Ich bin zwei Vormittage in der Woche an der Universität.“

Aber, sagt sie, in der Regelstudienzeit werde sie ihren Abschluss wohl nicht schaffen. Dafür hat sie noch zu viele Pläne. 2020 will die Agenturchefin nach Berlin expandieren. Erste Veranstaltungen hat sie dort bereits betreut. „Ich weiß nie, wie es weitergeht“, sagt sie. Wenn in Unternehmen das Geld knapp wird, sind die Großveranstaltungen das Erste, was gestrichen wird. Auch deshalb hat sie sich versprochen: „Zum 40. Geburtstag schenke ich mir den Abschluss meines Studiums.“

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