Wirtschaft

Hamburger Unternehmen zahlen ihren Mitarbeitern Kopfgeld

Carmen Fellner ist Referentin bei der Signal Iduna. Sie zahlt "Kopfprämien" für die Vermittlung von neuen Fachkräften.

Carmen Fellner ist Referentin bei der Signal Iduna. Sie zahlt "Kopfprämien" für die Vermittlung von neuen Fachkräften.

Foto: Andreas Laible

Es gibt 1500 bis 5000 Euro: Diese Firmen bieten eine Prämie für die Vermittlung neuer IT-Fachkräfte. Wieso das Geld lohnt.

Hamburg. Bei Signal Iduna ist gerade manches in Bewegung. So arbeiten die Hamburger Beschäftigten des Versicherungsunternehmens nicht mehr nur in den herkömmlichen Abteilungen, sondern auch projektbezogen in „agilen Teams“. Deren Aufgabe ist es, neue Wege zu finden, mit den Kunden digital per Smartphone in Kontakt treten. Neu für das Unternehmen ist aber auch die Methode, an die dringend gesuchten IT-Fachkräfte zu kommen: Seit Anfang Januar bietet Signal Iduna den Mitarbeitern eine Prämie von 3000 Euro für den Hinweis auf einen Job-Kandidaten, der dann auch eingestellt wird.

„Wir sind bisher mit dem Echo sehr zufrieden“, sagt Carmen Fellner, die als Personalreferentin bei dem Versicherer in Hamburg für das Programm „Mitarbeiter werben Mitarbeiter“ verantwortlich ist: „Bis jetzt haben wir 51 Empfehlungen erhalten, und 16 Bewerbungen sind daraufhin bei uns eingegangen.“ Ein Kandidat hat sogar schon einen Arbeitsvertrag unterschrieben. Die Prämie wird allerdings erst ausgezahlt, wenn die dreimonatige Probezeit des neuen Kollegen abgelaufen ist.

Hamburger Unternehmen zahlen Kopfgeld für neue IT-Fachkräfte

Mit diesem Weg der Fachkräftesuche über Kopfgeld ist Signal Iduna in Hamburg nicht allein. Bei der zur Otto-Gruppe gehörenden Firma Collect Artificial Intelligence (CollectAI) gibt es sogar schon 5000 Euro. Das FinTech-Unternehmen mit Büros in der HafenCity entwickelt mit Methoden der Künstlichen Intelligenz (englische Kurzform: AI) „interaktive, digitale Rechnungen unter anderem für Energieversorger und Onlinehändler, die diese ihren Privatkunden schicken“, erklärt Geschäftsführer Sebastian Hoop. Derzeit hat CollectAI 54 Beschäftigte, davon 22 im IT-Bereich, und möchte nun drei Positionen mit hoch qualifizierten Datenspezialisten besetzen. „Genau die Fachkräfte, die wir suchen, werden aber auch von vielen anderen Firmen benötigt“, sagt Hoop. „Es war noch nie so schwierig wie heute, sie zu finden.“

Eine aktuelle Studie des Branchenverbands Bitkom untermauert diese Beobachtung. Demnach waren Ende des vergangenen Jahres bundesweit 124.000 Jobs für IT-Experten unbesetzt – das war ein Anstieg um 51 Prozent im Vergleich zu 2018 mit 82.000 offenen Stellen. „Die Digitalisierung schafft jedes Jahr Zehntausende neuer Jobs und ist in Deutschland der stärkste Beschäftigungsmotor“, sagt Bitkom-Präsident Achim Berg. „Die positive Job-Bilanz wird allein durch den Mangel an IT-Spezialisten getrübt, der sich immer weiter zuspitzt.“ Das „Fachkräfteproblem“ sei der „Bremsklotz der Digitalbranche“.

Vermittelte Kollegen bleiben länger im Unternehmen

Nach den Worten von Knut Böhrnsen, Sprecher der Agentur für Arbeit Hamburg, haben sich Vermittlungsprämien „seit einigen Jahren zu einer gängigen Praxis in vielen Unternehmen der Stadt entwickelt.“ Für Böhrnsen spricht nicht viel dagegen: „Das Risiko ist für alle Beteiligten gering.“ Aber eines gelte es zu bedenken: „Eine Empfehlung ist noch keine Garantie, dass der neue Mitarbeiter dann auch gut in die Firma passt.“

Bei dem Hamburger Management- und Technologieberatungshaus Sopra Steria hat man jedoch gute Erfahrungen mit dem Kopfprämienprogramm gemacht. „Wir gewinnen damit Menschen, denen das Unternehmen nicht neu ist, weil sie von ihren Freunden oder Bekannten schon etwas darüber gehört haben“, sagt Firmensprecherin Susanne Krüger. „Das ist viel wert.“ Es habe sich erwiesen, dass neue Kollegen, die auf diese Weise vermittelt wurden, tatsächlich länger im Unternehmen bleiben.

Prämien verglichen mit Vergütung von "Headhuntern" nicht hoch

Sopra Steria zahlt den Beschäftigten 2500 Euro für die Vermittlung einer Junior-Position und 5000 Euro für einen neuen Senior-Berater. „Verglichen mit den Honoraren professioneller Personalberater sind die Prämien nicht hoch“, sagt Krüger dazu. Denn als übliche Vergütung dieser „Headhunter“-Firmen gelten 20 bis 30 Prozent des Jahresgehalts der vermittelten Person.

Nicht nur IT-Fachkräfte oder Unternehmensberater werden über Kopfprämien angeworben. Für qualifizierte Pfleger im Krankenhaus soll es, wie es in der Branche heißt, auch schon mal 10.000 Euro geben. Die S&S gemeinnützige Gesellschaft für Soziales in Eimsbüttel bietet 1500 Euro für die Vermittlung von Sozialpädagogen für die Kinder- und Jugendhilfe – sofern sie dann länger als sechs Monate im Betrieb bleiben.

Nun höhere Prämien bei CollectAI – Unternehmen soll wachsen

Tatsächlich sind die Bedingungen für die Auszahlung der Prämien unterschiedlich. Bei CollectAI gibt es sie, sobald der Arbeitsvertrag unterzeichnet wurde. „Bisher haben wir in fünf Fällen jeweils 3000 Euro gezahlt, jetzt haben wir den Betrag auf 5000 Euro erhöht“, sagt Hoop, denn das Unternehmen soll wachsen. „Bis Mitte 2021 wollen wir weitere zehn Arbeitsplätze schaffen.“ Wie auch andere IT-Betriebe sucht CollectAI sein Personal auf der ganzen Welt: „Wir fliegen auch Kandidaten aus Indien oder Südafrika zu Vorstellungsgesprächen ein.“

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Bei Signal Iduna ist der Kreis der potenziellen neuen Mitarbeiter kleiner: Einstellungsvoraussetzung ist die Beherrschung der deutschen Sprache. „Die IT-Beschäftigten arbeiten sehr eng mit den Kollegen aus den Fachbereichen zusammen“, sagt Fellner. Zwar stammten auch manche der Computerspezialisten des Versicherers nicht aus Deutschland, sie hätten aber bereits hier studiert. Unter den 630 IT-Mitarbeitern der Signal Iduna haben rund 380 ihren Arbeitsplatz in Hamburg, die übrigen sind in Dortmund beschäftigt. Gelegenheiten, ein Kopfgeld zu kassieren, bestehen noch reichlich: Aktuell gibt es unternehmensweit immerhin 19 offene Stellen in der IT.