Hamburg

Abendblatt-Test: Koreas Kohlmix aus Ottensen

Louis Lowe (r.), seine Mutter Kerstin Hansen (M.) und sein Bruder Julian (l.) haben die Firma Louie’s grünepflaume gegründet.

Louis Lowe (r.), seine Mutter Kerstin Hansen (M.) und sein Bruder Julian (l.) haben die Firma Louie’s grünepflaume gegründet.

Foto: Mark Sandten / MARK SANDTEN / FUNKE FOTO SERVICES

Firmen in der Region überraschen mit neuen Produkten. Wir prüfen, wie gut sie sind. Heute: Kimchi von Louie’s grünepflaume.

Hamburg. Eine Mutter und zwei Söhne zusammen in der Küche? Da gibt es doch bestimmt auch mal Reibereien. Louis Lowe schüttelt den Kopf. Einträchtig werden bei Familie Lowe-Hansen alle paar Tage kiloweise verschiedene Kohlsorten, Karotten, Paprika, Lauch und Ingwer gehäckselt.

„Mit koreanischer Chilipaste und Salz kneten wir das so lange durch, bis der Zellsaft austritt“, sagt der 24-Jährige. Danach kommt das Ganze in große Gläser. Deckel drauf, los geht’s mit dem, was im Fachjargon Fermentieren heißt – der Gärprozess beginnt. Erst steigen nur kleine Bläschen auf, dann beginnt es in den Behältern langsam zu brodeln.

Täglich wird überprüft, ob die Fermentation auch ordnungsgemäß läuft – in der Regel über den Zeitraum von zehn Tagen. Dann wird das Gemüse in kleine Gläser umgefüllt und als Louie’s Kimchi angeboten, sozusagen die lokale Variante des koreanischen Traditionsgerichts.

Fermentierte Lebensmittel aus Ottensen

Vor gut zwei Jahren hat das Familientrio aus Ottensen angefangen, fermentierte Lebensmittel zu verkaufen. „Seit wir diese jahrhundertealte Tradition entdeckt haben, hat sich eine richtige Leidenschaft entwickelt“, sagt Louis Lowe. Inzwischen hat er gemeinsam mit Mutter und Bruder eine Firma gegründet, Louie’s grünepflaume.

Entstanden war das Interesse bei einer Fastenwanderung in Österreich. „Anfangs ging es uns darum, als Alternative zum Glaubersalz ein natürliches Abführmittel zu finden“, sagt Kerstin Hansen. Bei der Recherche im Internet stießen sie auf die asiatische Tradition, für eine gute Verdauung regelmäßig fermentierte grüne Pflaumen zu essen.

Sohn Julian Lowe – zu dem Zeitpunkt BWL-Gaststudent in Taiwan – probierte sich mit seiner taiwanesischen Freundin durch das Angebot auf Märkten und in Spezialgeschäften, schrieb Protokolle und schickte Test-Pflaumen nach Hause. „Es funktionierte“, sagt der 27-Jährige.

Besondere Pflaumen aus Taiwan

Was nicht funktionierte, war der Versuch, in Deutschland deutsche Pflaumen so zu fermentieren, dass sie die gleiche Wirkung auf die Darmflora haben wie die asiatische Sorte. „Wir haben fast ein Jahr experimentiert“, sagt Louis Lowe. Schließlich beschlossen sie, die besonderen Pflaumen aus Taiwan zu importieren. „Sie wird dort fermentiert, getrocknet und mit Kräutern ummantelt. Alles komplett natürlich“, sagt Lowe.

Anfang 2019 kamen die ersten 4000 sogenannten Laxplums in Hamburg an. „Wir haben schnell gemerkt, dass sie sich richtig gut verkaufen“, sagt Julian Lowe. Inzwischen haben sie fast 70.000 Laxplums über das Internet, auf Märkten und bei Heilpraktikern und Apotheken abgesetzt. Der Markt ist beträchtlich. Millionen Deutsche leiden unter Verdauungsproblemen und nehmen regelmäßig chemische Abführmittel.

Scharf, säuerlich – und anders als das Original

Fermentieren erlebt seit einiger Zeit ein Revival. Schon seit Jahrtausenden werden alle möglichen Lebensmittel überall auf der Welt durch den speziellen Gärprozess geschickt – von deutschem Sauerkraut über japanische Misopaste bis zu koreanischen Kimchi.

Das Grundprinzip ist immer gleich: Rohe Zutaten werden durch das Fermentieren bekömmlicher, bekommen einen interessanteren Geschmack und werden länger haltbar. Auch bei der Herstellung von Käse und Joghurt spielt Fermentation eine wichtige Rolle.

Gesundheitsbewusste schwören auf die positive Wirkung der natürlichen Fermentation, bei der – anders als bei der industriellen Herstellung – die Mikroorganismen nicht abgetötet werden. Die Nährstoffe, die entstehen, wenn sich Stärke und Zucker in Milchsäure umwandeln, sollen zudem die Darmgesundheit fördern.

Familienfirma arbeitet an der Erweiterung des Sortiments

Genau darauf setzen auch die Gründer von Louie’s grünepflaume. „Wir haben jeden Cent in das Start-up gesteckt“, sagt Louis Lowe, der für die Geschäftsführung eine Pause bei seinem Politik-Studium eingelegt hat. Kerstin Hansen verkaufte nach 27 Jahren ihre Sprachschule. Julian Lowe arbeitet in einer Online-Marketing-Agentur – „und noch mal 30 Stunden in der Woche für die Familienfirma“.

Produziert wird in der Gas­tro-Küche des Cafés Jools in Ottensen. Inzwischen nimmt das Geschäft Fahrt auf. „Wir haben uns jetzt zum ersten Mal Gehälter ausgezahlt“, sagt Louis Lowe.

Wichtigstes Projekt ist die Sortimentserweiterung neben dem Hauptprodukt grüne Pflaumen. Seit einigen Monaten gibt es das norddeutsche Kimchi, das in zwei Sorten angeboten wird. Außerdem ein Kombucha aus schwarzem Bio-Tee, ein Konzentrat aus fermentierter Roter Beete auf Quinoa sowie Apfelessig und Bio-Cidre aus Frankreich. Neustes Produkt ist das Algen-Gel Laxjelly. „Das ist eine Alternative zu den fermentierten Pflaumen mit ähnlicher Wirkung“, sagt Kerstin Hansen.

Der Abendblatt-Test – jeden Dienstag im Wirtschaftsteil und unter abendblatt.de/test