Einzelhandel

Warum sechs Modeläden in Hamburgs City schließen müssen

City-Managerin Brigitte Engler in der Hamburger Innenstadt

City-Managerin Brigitte Engler in der Hamburger Innenstadt

Foto: Marcelo Hernandez

An der Spitalerstraße schließen vier Geschäfte, zwei Standorte entlang der Mönckebergstraße stehen vor dem Aus. Was kommt danach?

Hamburg. Beim Mode-Filialisten s.Oliver war schon vor Weihnachten Schluss. Wochenlang lief der Räumungsverkauf im 1000 Quadratmeter großen Flagship-Store an der Spitalerstraße. Jetzt herrscht gähnende Leere hinter großen Schaufensterscheiben. Die Geschäftsschließung ist kein Einzelfall, die Krise im stationären Modehandel erreicht zum Jahresbeginn die Hamburger Innenstadt.

Zwischen Hauptbahnhof und Rathaus machen sechs Bekleidungsläden zu. Allein an der Spitalerstraße, eine der begehrtesten Einkaufslagen der Hansestadt, sind vier Standorte betroffen: Neben s.Oliver verlassen die französischen Ketten Promod und Pimkie die City. Zudem schließt eine Esprit-Filiale. Im weiteren Straßenverlauf Richtung Europa Passage werden die Flächen von Benetton und einem Salamander-Outlet frei. Benetton zieht allerdings nur um. Der dänische Sporthändler Stadium nahe dem Rathausmarkt, der auch Mode anbietet, hat die Fläche bereits geräumt.

Einzelhändler richten in ihren Geschäftsräumen Cafés ein

„Es gibt eine Konsolidierung im Einzelhandel“, sagt City-Managerin Brigitte Engler. Das Angebot an Geschäften in den Stadtzentren werde sinken oder zumindest auf kleinere Flächen ausweichen. Stattdessen würden zunehmend Lokale und Eventlocations eröffnen. „In den Passagen gibt es schon jetzt mehr Gas­tronomie“, so Engler. Beispiele in Hamburg sind die Europa Passage und die Perle Hamburg am Gerhart-Hauptmann-Platz.

Ein weiterer Trend: Einzelhändler richten in ihren Geschäftsräumen Cafés ein, wie etwa das Hamburger Traditionshaus Ladage & Oelke an den Großen Bleichen. Aber auch Ketten wie Tommy Hilfinger an der Poststraße oder die H&M-Tochter Arket an der Mönckebergstraße versuchen so, Kunden in die Läden zu holen. Im Herbst hatte ein Bündnis für die Innenstadt, in dem die Handelskammer vertreten ist, die Stadt aufgefordert, ein Investitionsprogramm zu erarbeiten. Auch eine busfreie Mönckebergstraße steht auf dem Wunschzettel. Der stationäre Modehandel in Deutschland schrumpft seit Jahren.

Umsätze im Modehandel sinken

2018 waren die Umsätze laut BTE Handelsverband Textil im Schnitt um zwei bis drei Prozent zum Vorjahr gesunken. Betroffen sind nicht nur inhabergeführte Modehäuser, sondern auch die großen Ketten, die laut Verband in dem Zeitraum etwa ein Prozent Umsatz verloren. Auch für 2019 sind die Zahlen ersten Erhebungen zufolge rückläufig. Das hat damit zu tun, dass immer mehr Menschen Kleidung online kaufen.

Es gibt zudem eine Übersättigung des Marktes – das trifft vor allem ein immer schneller drehendes, quasi austauschbares Angebot günstiger Damenmode. Das Geschäft ist längst global. In den vergangenen Jahren haben sich internationale Anbieter wie Reserved, Koton und Yargici in den innerstädtischen Einkaufsmeilen angesiedelt – zusätzlich zu alten Bekannten wie P&C, AppelrathCüpper, C&A, Zara, Mango, H&M. Der schwedische Modekonzern bespielt mit seinen Marken und einem H&M Home allein im Hamburger Zentrum zehn Standorte.

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Bei Esprit hieß es auf Abendblatt-Anfrage zu der Schließung: „Unser Store in der Spitalerstraße schließt, da wir kontinuierlich an der Optimierung unseres Portfolios arbeiten.“ Sprich: Offenbar stimmten die Umsätze nicht. Kunden werden an die Filiale an der Mönckebergstraße verwiesen. Zur Zahl der betroffenen Mitarbeiter machte das Unternehmen mit offiziellem Sitz auf den Bermuda-Inseln keine Angaben.

Esprit hat angesichts schwächelnder Nachfrage einen radikalen Reformprozess gestartet und bereits zahlreiche Standorte, in Hamburg etwa an der Gerhofstraße, geschlossen. Im Geschäftsjahr 2018/19 lagen die Verluste in zweistelliger Millionenhöhe. Für 2020/21 strebt das Unternehmen wieder schwarze Zahlen an. In Hamburg gibt es noch acht Esprit-Filialen, davon sieben in Einkaufszentren.

Promod, Pimkie und Salamander verlassen Hamburger City

Die französische Modekette Promod verlässt die City komplett. Zu den Gründen äußerte sich das Unternehmen auf Abendblatt-Anfrage nicht. Die Filialen in Ottensen und im Einkaufszentrum Hamburger Meile bleiben. Auch Pimkie nannte keine Details zur Schließung. Aktuell gibt es noch eine Filiale im Phoenix-Center in Harburg. Der traditionsreiche Schuhhändler Salamander ist in Hamburg nach der Schließung nur noch mit einem Outlet in Wandsbek vertreten.

„Die Entwicklung an dem Standort ist nicht so, wie wir uns das vorgestellt haben“, sagt Vertriebsleiter Heinz-Werner Döring. Nach der Entscheidung des Hauptmieters, dem italienischen Modehändler Benetton, die Immobilie zu verlassen, zog Salamander nach. „Wir suchen nach interessanten Flächen in Hamburg, weil wir ungern ganz aus der Innenstadt verschwinden würden“, sagt Döring. Konkrete Pläne gibt es aber nicht. Benetton dagegen will im April an der Schleusenbrücke wieder eröffnen. Das Gebäude, in dem über Jahrzehnte das Wäschehaus Möhring ansässig war, wird gerade saniert.

Nachvermietungen dauern länger

„Es gibt um die Jahreswende immer mehr Wechsel, weil Mietverträge auslaufen“, sagt Dietmar Hamm, Geschäftsführer der Kontorhausverwaltung Bach, die in Hamburg zahlreiche Immobilien verwaltet, darunter auch das Levantehaus. „Allerdings“, so der Brancheninsider, „dauern Nachvermietungen heute länger.“ Tatsächlich gibt es bislang keine bestätigten Meldungen, welche Läden in die frei werdenden Flächen ziehen werden. Auch Hamm, der die ehemalige s.Oliver-Fläche mit zusammen 1600 Quadratmetern an der Spitalerstraße verwaltet, will „in Absprache mit dem zukünftigen Mieter noch keinen Namen nennen“. Nur so viel: Im Sommer 2020 soll es einen Neubezug geben. Und: „Es wird keine Kleidung verkauft.“ An den Promod-Standort kommt wohl die Modekette Only, meldete jüngst das Branchenblatt „Immobilien Zeitung“.

Ähnlich wie City-Managerin Brigitte Engler sieht Hamm die Hamburger Innenstadt aktuell in einer „Umbruchphase“, in welcher die Unternehmen sich mit ihren stationären und mit ihren Onlineangeboten neu aufstellen würden. Im Klartext: Auch angesichts zahlreicher neuer Einzelhandelsflächen am Alten Wall, in den Stadthöfen sowie im Überseequartier in der HafenCity wird es immer schwieriger, passende Mieter zu finden. Und das hat Folgen für die Mieten. „Ich gehe davon aus, dass die Mieten nicht mehr steigen“, sagt Hamm. Trotzdem seien die Entwicklungsmöglichkeiten in Hamburg keineswegs düster, wie sich im erfreulichen Weihnachtsgeschäft und in der guten Nachfrage im Sale-Monat Januar zeige.

Anine Bing und Anthropologie kommen

„Es gibt einige interessante neue Marken, die sich für Hamburg entscheiden“, zeigt sich auch City-Managerin Brigitte Engler optimistisch. So hat die Influencerin Anine Bing aus Los Angeles in den Stadthöfen am Neuen Wall kürzlich ein Geschäft eröffnet. Und am neuen Shopping-Boulevard Alter Wall wurde eine Erdgeschossfläche an das amerikanische Label Anthropologie vermietet.