Einzelhandel

Hamburgs Händler fürchten neue Bon-Pflicht

Bäcker-Obemeisterin Katharina Daube lehnt die Bon-Pflicht ab.

Bäcker-Obemeisterin Katharina Daube lehnt die Bon-Pflicht ab.

Foto: Marcelo Hernandez / MARCELO HERNANDEZ / FUNKE Foto Services

Ab 2020 muss bei jedem Einkauf ein Bon ausgegeben werden. Warum Geschäftsleute in der Stadt die neue Regelung kritisieren.

Hamburg.  „So ein Wahnsinn.“ Wenn es um die neue Bon-Pflicht geht, wird Katharina Daube sehr schnell sehr deutlich. „Ich verstehe die Politiker nicht“, sagt die Hamburger Obermeisterin der Bäcker- und Konditoren-Innung. Einerseits solle man den Kaffee zum Mitnehmen nicht mehr im Pappbecher verkaufen und andererseits müsse jetzt für jedes Rundstück ein Kassenzettel ausgedruckt werden.

„Das ist eine Papierflut, wie viele Wälder dafür abgeholzt werden müssen“, sagt die Chefin der Bäckerei Daube mit acht Filialen. Mal ganz absehen von der wachsenden Zettelwirtschaft an der Kasse. Dabei wollten die meisten Kunden gar keinen Einkaufsbeleg, wenn sie nur schnell ein paar Brötchen zum Frühstück kauften. Nach einer Umfrage des Zentralverbands des Deutschen Bäckerhandwerks seien es gerade mal drei Prozent. Für die Oberbäckerin ist die Sache klar: Sie lehnt die neue Regelung ab.

Kassengesetz macht die Bons erforderlich

Die Rechtslage ist allerdings unmissverständlich. Von 1. Januar an muss in ganz Deutschland bei jedem Einkauf, der von einer automatischen Kasse erfasst wird, ein Beleg ausgegeben werden. Mit dem Kassengesetz, das bereits Ende 2016 beschlossen wurde, will das Bundesfinanzministerium für mehr Transparenz sorgen und Möglichkeiten für systematische Manipulationen und damit für Steuerhinterziehungen bekämpfen.

Das gilt für Bäcker, aber natürlich auch Fleischereien, Obstläden, Imbisse, Tankstellen und Supermärkte. Statt „Brauchen Sie den Kassenbon“ heißt es jetzt an der Kasse „Hier ist Ihr Kassenbon!“. Das hat einen Proteststurm ausgelöst. Vor allem bei Händlern, die viele kleine Positionen mit geringen Beträgen verkauften, steige die Belastung überproportional, so der Handelsverband Deutschland (HDE).

„Es macht niemanden schlauer“

Auch die Hamburger Geschäftsführerin des Handelsverbands Nord, Brigitte Nolte, hält den hohen bürokratischen Mehraufwand „nicht für sinnvoll“. „Es macht niemanden schlauer“, sagt sie. Sie kritisiert, dass es zu wenig Ausnahmeregelungen gebe. Zudem sei damit zu rechnen, dass die Menge der Bons in den nächsten Jahren noch deutlich mehr zunimmt. „Es gibt einen gesellschaftlichen Trend, dass Menschen häufiger für kleinere Mengen einkaufen gehen“, sagt Nolte.

Tatsächlich müssen nicht nur mehr Belege ausgedruckt werden, sie werden auch länger. Das hängt mit der ebenfalls verpflichtenden Einführung einer sogenannten technischen Sicherheitseinrichtung (TSE) in den Kassen zusammen, die nach einer Übergangsfrist bis spätestens September umgesetzt werden muss. Das Kassengesetz verlangt, dass die damit verbundene Zertifizierung zusätzlich auf jedem Bon gedruckt werden muss.

„Nach unseren Schätzungen führt das im nächsten Jahr zu mehr als zwei Millionen Kilometer mehr Kassenbons“, sagt HDE-Steuerexperte Ralph Brügelmann. „Und zwar ohne weiteren Sicherheitsgewinn.“ Denn durch die manipulationssicheren Kassensysteme ließen sich Transaktionen sowieso nicht mehr ohne Spuren löschen. Wer trotzdem betrügen wolle, argumentiert der Verband, tue dies mit oder ohne Bon. „Wir kämpfen darum, dass die Finanzverwaltung die zulässigen Härten erweitert, die zur Ausnahme von der Bonpflicht führen“, sagt Brügelmann. Dass das bis Anfang Januar klappt, ist mehr als unrealistisch.

40 Kilometer Kassenzettel

Allein bei den Handwerksbäckern in Hamburg würden ab 2020 Kassenzettel in der Länge von 40 Kilometern anfallen – jeden Tag. Das hat Innungsgeschäftsführer Jan Loleit ausgerechnet. Dabei hat er – eher konservativ – eine durchschnittliche Länge von zehn Zentimetern pro Bon angesetzt. Nutzen würden die Belege den Kunden nur in den seltensten Fällen. In der Regel würden sie diese direkt weggeworfen. „Brot und Brötchen kann man schließlich nicht zurückgeben“, so Loleit. Er nennt die neue Auflage einen „Schildbürgerstreich“. Und rechnet zudem damit, dass die vielen zusätzlich ausgedruckten Belege zu Preissteigerungen führen könnten. „Jeder Bon kostet etwa einen Cent. Das muss jemand bezahlen“, sagt der Geschäftsführer.

Angesichts der engen Kalkulation im Bäckerhandwerk würden die Betriebe die Kosten an die Kunden weitergeben. Für zusätzlichen Ärger sorgt in der Branche, dass die mobile Bäckereien von der Bonpflicht ausgenommen sind. Das sei eine Ungleichbehandlung, kritisiert Loleit.

Alternative offene Ladenkasse

Marktstände oder Schausteller haben auch weiterhin die Möglichkeit, eine sogenannte offene Ladenkasse zu führen. „Viele von uns haben sich dazu entschieden, weil alles andere nicht umsetzbar ist“, erklärt Wilfried Thal, in Personalunion Präsident des Bundes- und des Hamburger Landesverbands des Ambulanten Gewerbes und der Schausteller.

Trotzdem sorgt die aktuelle Diskussion für Zündstoff. „Man hat das Gefühl, unter generellem Schummelverdacht zu stehen und fühlt sich kriminalisiert“, so Hamburgs oberster Markthändler, der in dritter Generation mit seinem Obst- und Gemüsestand auf den Wochenmärkten in Langenhorn, Fuhlsbüttel und Rotherbaum steht. Er ist enttäuscht, dass gerade bei kleinen inhabergeführten Betrieben die bürokratischen Auflagen immer höher werden. „Wenn die Politik nicht anfängt, den Blickwinkel zu ändern“, sagt Thal, „gibt es die bald nicht mehr.“

App für viele technisch nicht möglich

Inzwischen haben die Experten des Bundesfinanzministeriums zwar klargestellt, dass die Bon-Pflicht nicht bedeutet, dass der Beleg auf Papier ausgedruckt werden muss. Er könne auch elektronisch etwa per App zugesandt werden. Allerdings haben bislang die wenigsten Händler entsprechende technische Voraussetzungen. „Wir wollen doch eigentlich weg von dem hohen Papierverbrauch“, sagt Tristan Jorde, Umweltexperte bei der Verbraucherzentrale Hamburg. Für ihn ist die Bon-Pflicht „Ressourcenverschwendung“. Die Hamburger Umweltbehörde äußert sich deutlich zurückhaltender. „Zwar ist aus Abfall- und Ressourcenschutzgründen eine zusätzliche Papierproduktion nicht zu begrüßen – allerdings dürfte die Menge an zusätzlichem Papier nicht sehr groß sein“, heißt es auf Anfrage des Abendblatts. Eine Schätzung über die zusätzlich anfallende Papiermenge in Hamburg sei nicht möglich.

Kassenzettel werden auf Thermopapier gedruckt

Noch komplizierter wird es, weil die meisten Kassenzettel auf Thermopapier gedruckt werden. Dabei wird die Chemikalie Bisphenol A verwendet, die nach einer Warnung des Umweltbundesamts sogar die Fortpflanzungsfähigkeit von Lebewesen beeinträchtigen kann. Deshalb dürfen sie eigentlich auch nicht im Altpapier entsorgt werden. Als „besonders besorgniserregender Stoff“ ist Bisphenol A ab 2020 als Beschichtung von Thermopapier verboten. „Das ist gut“, sagt der Hamburger Verbraucherschützer Jorde. Trotzdem bleibt er skeptisch. Die möglichen Ersatzstoffe seien eng mit der gesundheitsgefährdenden Chemikalie verwandt und sollen jetzt ohne große Untersuchungen eingesetzt werden.