Klimawandel

Wie Kühne + Nagel von Hamburg aus CO2-neutral werden will

Kuehne + Nagel Vorstand Otto Schacht mit Managerin Kathrin Wolf.

Kuehne + Nagel Vorstand Otto Schacht mit Managerin Kathrin Wolf.

Foto: Michael Rauhe / FUNKE Foto Services

Logistikkonzern bietet ab nächstem Jahr Transporte an, die ohne schädliche Emissionen auskommen – 2030 sollen es alle sein.

Hamburg. Kühne + Nagel gehört zu den größten Logistikkonzernen der Welt. Der Hauptsitz ist bekanntlich in der Schweiz, aber gut verteilt auf der Welt befinden sich die 1300 Büros des Unternehmens. Die ganze Aufmerksamkeit zieht in diesen Tagen der Standort Hamburg auf sich. Hier – an einem der größten Standorte des Transportunternehmens und der heimlichen Heimat des Mehrheitseigentümers Klaus-Michael Kühne – wird nämlich die Firmenzukunft vorbereitet. Wie bei allen Logistikunternehmen geht es dabei um eine Frage: Wie rette ich mein Geschäftsmodell in Zeiten des viel diskutierten Klimawandels?

Am exponierten Firmensitz in der HafenCity wurden die Voraussetzungen für die Entscheidung des Vorstands geschaffen, vom kommenden Jahr an CO2-neutrale Transporte anzubieten. Hier kam Kühne + Nagel auch zu dem Entschluss, bis 2030 alle Liefertransporte im eigenen Netz klimaneutral zu stellen. In einem ersten Schritt werden alle Sammelsendungen in der Seefracht von 2020 an CO2-neutral geliefert.

Von Hamburg aus die Welt sauberer machen

Einer der maßgeblichen Treiber ist der Vorstand für Seefracht, Horst Joachim (Otto) Schacht. Er sitzt in seinem Büro im elften Stock des Standorts am Großen Grasbrook und erklärt, wie Kühne + Nagel seine Ziele erreichen will. „Von Hamburg aus machen wir die Welt sauberer“, sagt Schacht und fixiert sein Gegenüber, als erwarte er eine Reaktion. Die kommt dann auch prompt: „Wie soll das denn gehen?“, lautet die Frage. Schacht zeigt auf einen Bildschirm.

Angefangen habe alles 2017. Damals habe Kühne + Nagel damit begonnen, für den Seefrachtbereich eine Datenbank zu entwickeln, die alle Daten zu den globalen Seefrachtdiensten bietet. „Sea Explorer“ heißt dieses Programm. Und inzwischen gibt es einen ziemlich umfassenden Überblick darüber, was auf den Weltmeeren passiert. So können die Kunden, denen selbst ein Zugriff auf den Sea Explorer gewährt wird, sehen, welche Reedereien den gewünschten Zielhafen der Warenversendung anlaufen, wie oft sie dies tun, wie lange sie dazu benötigen und mit welchen Schiffen.

Kunden können entscheiden, auf welchem Weg ihre Waren transportiert werden

Neben diesen Grundinformationen speichert das System auch viele Qualitätsmerkmale: Wie zuverlässig und pünktlich sind die Liniendienste? Oder weichen sie stark von der versprochenen Transportzeit ab? „Wir haben die Liniendienste für unsere Kunden sogar eingestuft, und zwar von A, das bedeutet maximale Verspätung einen Tag, bis F – Verspätungen von sechs Tagen und mehr“, sagt Kathrin Wolf, die für den Sea Explorer zuständige Managerin.

„Damit bieten wir unseren Kunden Entscheidungsgrundlagen dazu, auf welchem Weg sie ihre Waren transportieren wollen. Mittlerweile haben wir Informationen zu mehr als 63.000 Hafenverbindungen gesammelt“, sagt Wolf. Diese würden ständig aktualisiert. So wächst die Datenbank.

Datenbank bietet Umweltdaten zu Schiffen

„Wir sammeln am Tag 200 Millionen Datensätze“, sagt Schacht, „indem wir alle zehn Sekunden die Daten aller Schiffe erhalten.“ Mit der Zeit wuchs das Informationsangebot. Inzwischen können die Kunden an dem Programm auch Umweltdaten zu den Schiffen ablesen, etwa ob sie mit Abgasreinigungsanlagen ausgestattet sind.

„So, und jetzt kommt’s“, sagt Schacht und weist auf das nächste Bild. Das Bild zeigt ein Balkendiagramm, in dem der CO2-Ausstoß der einzelnen Schiffe dargestellt wird. Diese reichen von 31 Gramm für den transportierten Standardcontainer pro gefahrenem Kilometer bis zu 98 Gramm. „Als ich das das erste Mal gesehen habe, dachte ich, ich traue meinen Augen nicht“, sagt Schacht. „Alle Schiffe fahren dieselbe Strecke, aber manche stoßen dabei 300 Prozent mehr CO2 aus als andere. Das zeigen wir unseren Kunden, und dann können sie ihre Lieferkette entsprechend klimafreundlich gestalten.“

CO2-Daten für Transport von Fabrik bis zum Zielort

So gebe es immer mehr Unternehmen, die ihre Waren mit einem sauberen ökologischen Fußabdruck versehen wollen, um sich von Wettbewerbern abzusetzen. „Die sind natürlich an unseren Daten besonders interessiert.“ Und auch hier hat der Sea Explorer die Transportdienste inzwischen klassifiziert, ergänzt Wolf: von A, das wären 50 Gramm pro gefahrenem Kilometer, bis zu F, nämlich 120 Gramm.

Die CO2-Daten liefert Kühne + Nagel inzwischen nicht mehr nur für den Transportabschnitt auf See. „Das rechnen wir für unsere Kunden auch von der Fabrik bis zum Zielort aus.“ Auch Luftfracht und Straßentransporte würden bald auf der Plattform gespeichert, erklärt Schacht, dem man anmerkt, dass er für das Thema brennt.

Kühne + Nagel: Transporte bis 2030 klimaneutral?

Aber wie will er die Transporte bis 2030 klimaneutral machen? „Erkennen, Reduktion und Kompensation“, sagt Schacht. Mithilfe des Sea Explorers könnten die Belastungen berechnet und reduziert werden.

Dennoch werde es in zehn Jahren immer noch Transporte geben, bei denen CO2 entsteht. Deshalb engagiere sich Kühne + Nagel in sechs unterschiedlichen naturbasierten Kompensationsprojekten, also Aufforstungen, bei denen CO2 der Atmosphäre entnommen wird. „Ich weiß, dass manche das als Greenwashing abtun“, sagt Schacht. „Aber auch Greta Thunberg hat erkannt, dass wir die großen Mengen CO2 zumindest zwischenzeitig nicht anders als durch Kompensation wegbekommen.“

Dass das funktioniere, dafür sei Kühne + Nagel das beste Beispiel, meint der Seefrachtvorstand. „Wir werden unseren eigenen CO2-Ausstoß, also in unseren Gebäuden und Fahrzeugen, von 2020 an vollständig kompensieren.“ Er selbst ist auch ein Vorreiter: Zur Arbeit kommt er seit rund 30 Jahren mit dem Fahrrad. „Am Anfang haben das einige Kollegen belächelt“, so Schacht: „Mittlerweile kommen sie auch mit dem Rad.“